Di 26.03.

Twarz – Die Maske, OmdU

Twarz – Die Maske, OmdU

Twarz (Die Maske)                                           

Silberner Bär 2018 – Großer Preis der Jury

Polen 2018, 91 min, polnische Originalfassung mit deutschen UT

Regie: Małgorzata Szumowska

Jacek liebt Heavy Metal, die Spritztouren mit seinem Auto und seinen Hund. Er genießt das Dasein als cooler Außenseiter in einem ansonsten eher spießigen Umfeld. In der Nähe seines Heimatortes an der polnisch-deutschen Grenze soll die größte Jesusstatue der Welt entstehen, und auch Jacek arbeitet auf der Großbaustelle. Doch ein schwerer Arbeitsunfall lässt ihn entstellt zurück. Unter reger Anteilnahme der polnischen Öffentlichkeit wird daraufhin die erste Gesichtstransplantation im Land vollzogen. Jacek wird als Nationalheld und Märtyrer gefeiert, die Jesusstatue wird höher und höher, aber er selbst erkennt sich nicht mehr im Spiegel wieder. Während sein Konterfei zur Maske wird, zeigen die Menschen um ihn herum ihr wahres Gesicht…

“Die Handlung bringt zwei wahre Begebenheiten aus den vergangenen Jahren miteinander in Verbindung, die man als Kuriosa abhaken könnte, würden sie nicht im von Minderwertigkeitskomplexen beseelten Nachwende-Polen als welthistorisch bedeutsame Heldentaten gefeiert: der Bau der weltgrößten Jesus-Statue im Städtchen Świebodzin, die sich wie ein Mahnmal des schlechten Geschmacks von der Landschaft abhebt, und die erste Gesichtstransplantation, die je in Europa gelang. Der junge, ziemlich prollige, langhaarige Metallica-Fan Jacek arbeitet mit am Bau des Christus-Monstrums. Die Großfamilie, aus der er stammt, steht für das derb-slawische Elend, das jeder kennt, der aus dem Osten kommt, und das die Deutschen wegen der zum Ausdruck kommenden Seelentiefe ja so mögen: die Wodka-Abstürze am Küchentisch, restalkoholisierte Kirchenbesuche, hysterisch-fröhliche Xenophobie, der frühzeitige Verfall der Männer, die unerträgliche Religiosität der Mütter, der Schlager- und Heavy-Metal-Kitsch, die Fleischberge zum Abendessen, die Kuschelrock-Liebe der jungen Frauen, die so gut wie nichts anhaben, und so weiter. (…)

Man kann Twarz natürlich vordergründig als Parabel auf die Verlogenheit, den Opportunismus, die Bigotterie der polnischen Provinz interpretieren (und dies auch zu Recht), aber wie immer bei Szumowska erschöpft sich der Film gerade nicht in billiger Gesellschaftskritik, nicht in Opferkult und rechthaberischen Gewissheiten. Dafür sorgt schon ihr Hang zu grotesken, heiteren, auch brutal-burlesken Szenen. Sie gibt damit auch – und vielleicht sogar gerade – jenen, die sich vom Heimkehrer kaltherzig abwenden, ein Gesicht. Der Entstellte war vor seinem Schicksalsschlag doch nie besser als das Dorfvolk, erst als Gefallener wird er zum Homo sacer, zum Verbannten und Heiligen in einem. Die Bildränder haben eine geringe Tiefenschärfe, was dem Film etwas Märchenhaftes gibt. Die Unschärfe ist Programm, stellt die Wahrnehmung auf die Probe, und das ist natürlich völlig plausibel, weil am Ende nicht mehr zu sagen ist, wer in diesem Dorf als Wiederauferstandener gilt: der in den Himmel ragende Beton-Jesus oder der von den Ärzten Zusammengeflickte. Stückwerk sind sie beide, lädierte Heilande, der Zuschauer gerät in die Rolle des ungläubigen Thomas und ist begeistert.” (Adam Soboczynski, DIE ZEIT Nr. 10/2018)

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