Tangentiale: Themen Texte Kino – Punkt 8

Wort, Bild und Imagination

ein Essay von Uwe Rada anlässlich des Films RHINLAND. FONTANE von Bernhard Sallmann – Krokodil, ab 12.04.2018

Landschaft als Werk von Menschenhand. Bernhard Sallmann lässt in „Rhinland. Fontane“ den Meister selbst zu Wort kommen und zeigt Bilder, die Raum lassen für Gedanken, die auf Wanderschaft gehen

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Wenn ich im Regionalexpress nach Prenzlau aus dem Fenster schaue, mit dem Fahrrad an der Oder unterwegs bin oder mit dem Auto im Ruppiner Land, bin ich auch noch Jahrzehnte nach meiner ersten Begegnung mit der Mark überwältigt. Eine Landschaft im Überfluss breitet sich vor mir aus, ganz das Gegenteil von dem, was wir in den dicht geknüpften Siedlungsteppichen zu sehen bekommen, in denen Landschaft oft nicht mehr ist als Abstandsgrün zwischen Städten und Industriegebieten. Nicht die Städte werfen in Brandenburg ihre Netze aus, sondern Wälder, Seen, Kulturlandschaften, so dass der Mensch, vor allem der aus der Stadt, schnell demütig wird. Die Mark als Trostlandschaft für den geplagten Städter. Das ist unser Bild auf die Landschaft, das Gründerzeit und Industrialisierung hervorgebracht haben. Und auch Theodor Fontane war da nicht ganz unschuldig. In seinen „Wanderungen“ erfand er die Mark als touristische Marke, und so sehen wir sie bis heute: blaue Seen, grüne Wälder, ehrwürdige Herrensitze. Landschaft und Geschichte. Geschichtslandschaft.

Gleichzeitig aber weiß ich, dass dieses Bild falsch ist, und manchmal kann man es sogar sehen. Im Oderbruch sind es die planmäßig angelegten Dörfer, die davon zeugen, dass die Landschaft von Menschenhand gemacht ist, keine Idylle, sondern ein den Sümpfen der Oder abgerungenes Stück Land für Kolonisten, die ihr Kommen nicht zu bereuen brauchten, wie Fontane wusste: „Man streute aus und war der Ernte gewiss. Es wuchs ihnen zu. Alles wurde reich über Nacht.“ Vor der großen Trockenlegung im 18. Jahrhundert lebten im Oderbruch slawische Fischer. Fontane muss ihr Schicksal sehr berührt haben, deshalb zitierte er mehr als hundert Jahre später aus alten Berichten. Der Wandel der Landschaft war ihm bewusst. Das Landschaftsbild der Mark ist auch das Ergebnis großer ökonomischer Umwälzungen.

Als ob es dazu eines Beweises bedurft hätte, hat Bernhard Sallmann seine Kamera postiert. Hat das Objektiv justiert, mit Blick über den See nach Neuruppin, die Geburtsstadt Fontanes, auf Schloss Rheinsberg, wo Preußens Kronprinz Friedrich die Jahre vor seiner Krönung verbrachte, auf Schloss Meseberg, den Stechlin. Es sind keine Kamerafahrten, die die märkische Landschaft ins Szene setzen, es ist die Landschaft selbst, die sich von der Standkamera beobachten lässt als wäre die ein menschliches Auge. Immer wieder geht der Wind durch die Gräser, gelegentlich fährt ein Auto durchs Bild, die Landschaft, die die Kamera beobachtet, ist also sehr gegenwärtig. Es sind Gedanken wie diese, die man sich beim Schauen des Filmes „Rhinland. Fontane“ von Bernhard Sallmann macht. Auch die Gedanken können auf Wanderschaft gehen.

Die Kamera, geführt von Sallmann selbst, ist das eine Element des Filmes, das andere ist eine Stimme. Sie stammt von Judica Albrecht. Albrecht hat Fontane die Stimme geliehen, und man weiß nicht, wem man sich eher hingeben mag. Dem Ebenmaß der rhythmischen Prosa des Dichters, oder dem hohen Ton, den Albrecht daraus hervorzaubert.

„Rhinland. Fontane“ ist kein Film fürs schnelle Vergnügen. Das hat er mit der märkischen Landschaft gemein. Man guckt ihn nicht einfach so weg. Man muss sich einlassen, auf die Bildästhetik und den gesprochenen Text. Dann aber gibt es eine Menge zu entdecken, und am Ende ist der eigene Blick auf die Landschaft wieder um einige Bilder reicher geworden. Zum Beispiel in Gentzrode. Nahe Neuruppin hatte 1876/1877 Alexander Gentz ein Herrenhaus im maurischen Stil bauen lassen. Es sollte die Krönung des landwirtschaftlichen Betriebes sein, den Gentz mit seinem Vater aufgebaut hatte. Die Familie Gentz war reich geworden durch den Abstich von und den Handel mit Torf, den er über den so genannten Fehrbelliner Kanal nach Berlin verschiffen ließ. Dieser märkischen Erfolgsgeschichte lassen sowohl Fontane in seinen Wanderungen als auch Bernhard Sallmann in seinem Film breiten Raum: „Gentzrode wuchs; Wiesen waren neuerdings erworben worden und die Bäume gediehen noch über Erwarten hinaus, so daß in den Gründerjahren viele Tausende davon verkauft werden konnten. Ausfälle, die trotzdem eintraten, konnten durch die reichen Torfstich-Erträge leicht gedeckt werden. Alexander Gentz verfolgte rastlos den Plan einer allgemeinen Arrondierung seines Besitzes, sowohl seiner Äcker in Gentzrode, wie seiner Torf-Gräbereien im Luch. Die Leute nannten ihn den ‚alten Blücher‘, in Anerkennung der Energie, mit der er alles durchführte, was er sich vorgesetzt hatte.“

Fontane kannte Gentz, weil seine Eltern in der Nachbarschaft des Anwesens in Neuruppin lebten. Umso mehr muss ihn der plötzliche Niedergang des nachbarlichen Unternehmens getroffen haben, der auch ein Hinweis darauf ist, wie sehr die Gestalt der Landschaft nicht nur im Oderbruch, sondern auch in der Grafschaft Ruppin den wirtschaftlichen Umwälzungen unterworfen war uns bis heute ist. Den Abstieg in Gentzrode beschrieb Fontane so: „Da, mit einem Male, war es, trotz dieser Siege, mit den ‚wachsenden Erträgen aus dem Luch‘ aus und dadurch mit Gentzrode, ja mit dem Wohlstand der Familie vorbei. Wie kam das? Der Torf war über Nacht außer Mode gekommen. Alles brannte Steinkohlen oder Briketts und selbst die Ziegeleien, die bis dahin, ein sehr wichtiger Punkt, die Konsumenten der sonst halb wertlosen Torfabgänge gewesen waren, bauten ihre Brennöfen um, um mit Hilfe dieser Neubauten die Vorteil versprechende Mode mitmachen und Steinkohlen statt Torf verwenden zu können.“

Torf also. Der Torf brachte den Wohlstand, und er nahm ihn wieder. Hart war die Arbeit der Torfstecher, auch davon zeugen Film und Fontane. Mancherorts, wie im Wustrauer Luch, wurden eigens Torfhäuser gebaut, in denen die Saisonarbeiter lebten, um mit ihren Schneideeisen, Torfmessern und Drahtschneidern die Landschaft umzugraben. Geschundene Landschaften in Brandenburg gab es nicht erst seit dem Umpflügen der Niederlausitz durch den Braunkohletagebau.

Dennoch folgt diese Landschaft einer Ordnung, die älter ist als das Werk des Menschen. Denn inmitten aller Umbrüche war es ein Fluss, der die Landschaft zusammenhielt, der Rhin, dem Sallmann auch den Titel seines Filmes schenkte, obwohl Fontane selbst diesem Teil seiner Wanderungen die Überschrift „Grafschaft Ruppin“ gegeben hatte.

„Der Rhin“, zitiert Judica Albrecht Fontane, „nimmt auf der ersten Hälfte seines Weges seine Richtung von Nord nach Süd, bis er, nach Passierung des großen Ruppiner Sees, beinah plötzlich seinen Lauf ändert und, rechtwinklig weiterfließend, ziemlich genau die Südgrenze der Grafschaft zieht.“ Fontanes Neigung, Flüsse als Ordnungssystem der Landschaft zu akzeptieren, ist offensichtlich. Drei der ursprünglich vier Bände der Wanderungen waren nach Flusslandschaften benannt, das Oderland, das Ost-Havelland und das Spreeland. Einzig die Grafschaft Ruppin bricht aus dieser Ordnung aus, um von Bernhard Sallmann wieder dorthin zurück geführt zu werden. „Rhinland“, diesen Namen trägt der Film nicht umsonst, wie das Zitat Fontanes zeigt.

Wasser als Element der Landschaftsordnung. In Brandenburg ist das etwas Selbstverständliches. Von den 14 Landkreisen des Bundeslandes tragen acht die Namen eines oder mehrerer Flüsse. Wasser gehört also nicht nur zum natürlichen Erbe Brandenburgs, das mit seinen 3.000 Seen und 33.000 Flusskilometern zu den wasserreichsten Regionen Deutschlands zählt. Wasser ist auch ein Teil seiner regionalen und kulturgeschichtlichen Identität geworden.

Gentzrode ist aber auch Beispiel dafür, wie flüchtig diese Identität sein kann.  Ohne Niederungen und Luche kein Torf, ohne Torf kein Fehrbelliner Kanal nach Berlin, ohne kein Reichtum. In gewisser Hinsicht war der Aufstieg und Fall der Torfindustrie nur ein Vorbote des Aufstiegs der Kohleindustrie. Was aber kommt danach?

Beim Torf wissen wir es. Das Herrenhaus von Alexander Gentz ist heute verlassen, eine zerfallende Ruine, der Wind und Wetter zusetzen, weil der Besitzer, ein Investor aus der Türkei, zwar eine Idee hat, sich mit der aber Zeit lässt. Eine Ferienanlage soll dort entstehen. Mit Golfplätzen, Hotel, Villen und über 700  Ferienhäusern.

Gentzrode ist also bedroht und mit ihm ein Stück märkische Geschichte. Doch im Vergleich mit dem, was an Umwälzungen auf das Land zwischen Oder und Elbe zukommen könnte, waren die Trockenlegungen der vergangenen Jahrhunderte vielleicht nur Vorboten. Ich werde künftig genauer hinschauen müssen, wenn ich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto im Märkischen unterwegs bin. Bernhard Sallmanns Film „Rhinland. Fontane“ hat mich gelehrt, wie wichtig beides ist: hinhören und hinschauen, auch wenn sonst wenig passiert.

Uwe Rada – März 2018

 

 

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