Von drin­nen nach draußen

Erinnerungen angesichts von Vitaly Manskys Film „Im Strahl der Sonne“

Essay von Christoph Dieckmann

Wie ließ sich die Mau­er ertragen?

Sie war nor­mal. Alles Tag­täg­li­che ist Normalität.

Ich wuchs hin­ter Mau­ern auf. Die ers­te umgab mein dörf­li­ches Kind­heits­pa­ra­dies am Harz. In des­sen Mit­te stand das väter­li­che Pfarr­haus, ein Fach­werk-Koloß, 1580 erbaut, umla­gert von Gar­ten und Wald. Die Mau­er um das Pfarr­ge­höft beschirm­te und hielt fern: ein Limes zwi­schen geist­li­chem und bäu­er­li­chem Leben. Sie trenn­te auch vom Staat DDR. Des­sen Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen mied ich, als ein­zi­ger der Klas­se. Die meis­ten Leh­rer akzep­tier­ten das. Die Kreis­schul­rä­tin frei­lich ver­sag­te dem Fremd­kör­per die Erwei­ter­te Ober­schu­le, also Abitur und Stu­di­um, mit dem par­tei­ge­rech­ten Satz: Sie tun nichts für das Volk, da tut die Volks­macht auch nichts für Sie.

Da wur­de ich Film­vor­füh­rer. Ich zog mit mei­nen Kino­kis­ten über die Dör­fer und dien­te dem Volk als Ent­gren­zer des All­tags und Illu­sio­nist der Ferne.

Spä­ter stu­dier­te ich Theo­lo­gie an den kirch­li­chen Hoch­schu­len von Leip­zig und
Ost­ber­lin. In Ber­lin stand DIE MAU­ER vor der Stirn. Im Vor­le­sungs­saal des Spra­chen­kon­vikts spür­ten man alle paar Minu­ten eine lei­se Vibra­ti­on. Tief unter uns eil­te die S‑Bahn vom Anhal­ter Bahn­hof nach Gesund­brun­nen non­stop durch ihre ver­sie­gel­ten Ost­ber­li­ner Kata­kom­ben. Mein Stu­den­ten­zim­mer im drit­ten Stock gewähr­te West­blick, via Inva­li­den­stra­ße und Mau­er weit in den Wed­ding hin­ein. Noch bes­se­re Sicht ins Jen­seits hat­te man von der Damm­kro­ne des Fried­rich-Lud­wig- Jahn-Sport­parks beim Besuch der Fuß­ball­spie­le des BFC Dyna­mo. Der obers­te Dyna­mo-Fan, Staats­si­cher­heits-Minis­ter Erich Miel­ke, ließ einen anti­fa­schis­ti­schen Sicht­schutz errich­ten. Auch DIE MAU­ER galt ja als Schutz­wall zur Behü­tung der sozia­lis­ti­schen Men­schen­ge­mein­schaft. Tat­säch­lich ver­rie­gel­te sie den Staat, der ohne sie nicht exis­tie­ren konnte.

Links des Sta­di­ons, bei der Ber­nau­er Stra­ße, grenz­te Ost an West. Auf west­li­cher Sei­te erhob sich eine Aus­sichts­platt­form. Der Hoch­stand war meist gut gefüllt. Frei­heit­li­che Mensch­heit späh­te in die Zone und wink­te deren Insas­sen. Den Gruß zu erwi­dern emp­fahl sich nicht. Volks­po­li­zei schritt ein, zwecks Personenfeststellung.

Demü­tig­te das? – Wie das freund­li­che Win­ken: eine Mit­leids­ges­te. Ich iro­ni­sier­te, was ich nicht ändern konn­te. Mich quäl­te Sehn­sucht nach der ver­sag­ten Welt, die Unru­he ver­paß­tens Lebens. Ander­seits gehör­te zum Christ­sein in der DDR ein Pathos des Har­rens und Blei­bens. Man wuß­te zu rela­ti­vie­ren: Leb­te unser­eins nicht viel unge­zwun­ge­ner als die Unter­ta­nen der Sowjet­uni­on? Oder gar die Nord­ko­rea­ner? Mei­ne Frau war Biblio­the­ka­rin in der Aka­de­mie der Küns­te. Dort lan­de­te regel­mä­ßig Post aus Pjöng­jang: gold­ge­präg­te Bro­schü­ren, Reden des Gro­ßen Füh­rers Kim Il Sung. Der hat­te bereits im Alter von vier Jah­ren, auf einem Bau­me sit­zend, die Juche-Ideo­lo­gie, mit­hin die Wahr­heit erfun­den. Das Druck­werk, biblio­the­ka­risch ver­schmäht, ent­zück­te den Spöt­ter, eben­so ein Bild­band mit Kim Il Sung-Gemäl­den: Der Gro­ße Füh­rer rühmt die Trup­pen der Volks­ar­mee. Der Gelieb­te Füh­rer weiht Hoch­ofen, Stau­damm und Heiz­kraft­werk. Der Väter­li­che Füh­rer teilt mit den Bau­ern Ern­te­freu­den. Er läßt die Kind­lein zu sich kom­men. Dem Jung­funk­tio­när, der win­ter­nachts um vier­tel drei über sei­nem Schreib­tisch ein­ge­schla­fen ist, legt er den eige­nen Man­tel um. Er, die Son­ne der Völ­ker, braucht kei­nen. Gesand­te aller Ras­sen hul­di­gen ihm als Zen­tral­ge­stirn. Nicht mal der gestürz­te Erich Hon­ecker woll­te nach Nord­ko­rea. Er exi­lier­te nach Chile.

Mein Vater war vom Jahr­gang 1920. Er gehör­te zur ers­ten Genera­ti­on, die mit der Hit­le­rei erwuchs und ihre Idea­le zum Füh­rer­kult ver­schmolz. Vaters Nach­laß ent­hält dafür man­chen Beleg, etwa das „Mar­ti­ne­ums­blatt“, die Hal­ber­städ­ter Gym­na­si­al- Pos­til­le. Dar­in berich­tet Klas­sen­ka­me­rad Hans-Wer­ner Hent­ze enthu­si­as­tisch vom „Grenz­land­marsch“ 1937, einer zwölf­tä­gi­gen Rei­se ins Allgäu.

Ihr Schul­füh­rer weilt unter ihnen. Stu­di­en­di­rek­tor Knip­fer lei­tet den Zug der Hit­ler­jüng­lin­ge. „Immer im Gleich­schritt: links-rechts, links-rechts. Vor dir einer und neben dir einer. Und davor und dahin­ter noch tau­send ande­re. Alle haben den glei­chen Tritt, alle das glei­che Ziel. Jeder hat einen Affen auf dem Buckel und eine brau­ne Uni­form an. Jedem leuch­ten die Augen gleich zukunfts­froh.“ Die Stra­ßen säumt ein jubeln­des Men­schen­spa­lier. Abends spielt die Blas­mu­sik zum Tanz mit baye­ri­schen Dirndln, in Immen­stadt, Oberst­dorf und Unter­joch, in Nes­sel­wang und Füs­sen. Man besich­tigt die Königs­schlös­ser Hohen­schwan­gau und Neu­schwan­stein. „Es offen­bart sich uns hier der Geist einer über­wun­de­nen Epo­che, deren ange­krän­kel­te äuße­re Prunk­fas­sa­de ein inne­res Vaku­um erfolg­los zu ver­ber­gen such­te.“ Wie anders die NS-Ordens­burg Sont­ho­fen: sol­da­tisch-ein­fach, groß­ar­tig- impo­sant, spartanisch-hart.

Der letz­te Tag. Mün­chen, die Haupt­stadt der Bewe­gung. Kame­rad Hent­ze greift voll in die Orgel: „Dort an der Feld­herrn­hal­le, wo sechs­zehn der Bes­ten unse­rer Bewe­gung von Ver­rä­ter­ku­geln fie­len, zogen wir in schwei­gen­dem Vor­bei­marsch, ohne das Spiel zu rüh­ren, vor­über. Nur das wuch­ti­ge Einer­lei des Marsch­trit­tes war zu hören, und wie von ganz fer­ne her rumor­te das pul­sen­de Leben der Groß­stadt. Dann stan­den wir plötz­lich auf einem wei­ten Platz, der von gro­ßen, hel­len, her­risch- schö­nen und stren­gen Bau­wer­ken gesäumt war. Es senk­ten sich die Fah­nen, wir gedach­ten der Toten, und lei­se nur, aber hart und for­dernd, klang ein Lied ́Vor­wärts, vor­wärts ́. Wie im Rau­sche leis­te­ten wir, unter sen­gen­der Juli­son­ne, den Vor­bei­marsch. Und als wir uns wie­der­fan­den, wuß­ten wir, daß mit uns, Pil­gern, die von einer hei­li­gen Stät­te zurück­keh­ren, eine gro­ße Ver­än­de­rung vor­ge­gan­gen war.“

Ein Sieb­zehn­jäh­ri­ger hat das geschrie­ben, mit traum­haf­ter Ein­füh­lung in die völ­ki­sche Rhe­to­rik. Nicht jeder Jun­ge imi­tiert sie so per­fekt. Im Jahr dar­auf, 1938, führt der Grenz­land­marsch ans pom­mer­sche Haff. Recht höl­zern repor­tiert ein A. Herbst: „Noch an dem­sel­ben Nach­mit­tag nah­men wir die Gele­gen­heit wahr und bade­ten in der Ost­see. Abnah­me eini­ger Übun­gen für das Leis­tungs­ab­zei­chen, Vor­füh­run­gen der Gau­film­stel­le, sowie Schwim­men und ein Tages­marsch füll­ten eine Woche Lager­le­ben aus. Doch die Freu­de wur­de von dem plötz­li­chen Dahin­schei­den unse­res Kame­ra­den Keln­ho­fer getrübt.“

Die­sel­be Aus­ga­be ver­zeich­net die Namen des Abitur-Jahr­gangs 1938. Joa­chim Hent­ze ist dar­un­ter, Hans-Joa­chim Dieck­mann und auch Hans-Wer­ner Har­tig, des­sen „Brief aus War­schau“ in der 1939er Weih­nachts­aus­ga­be des „Mar­ti­ne­ums­blatts“ von der aktu­el­len Grenz­land­fahrt berich­tet: „Am 2.9. – 11,45 Uhr über­schrit­ten wir bei Win­denau die Gren­ze. Unge­heu­rer Betrieb auf Polens unmög­li­chen Wegen, Knüp­pel­däm­me, Feld­we­ge und Staub, Staub! Unvor­stell­bar! Und das pol­ni­sche Volk dre­ckig, spe­ckig, von Kul­tur kei­ne Spur. (…) Wir gin­gen wei­ter vor, Ujad­st, Rawa, mit hun­der­ten von herr­lich flüch­ten­den Juden­ty­pen. (…) Dies Eine möch­te ich zum Schluß noch sagen. Ich bin erneut davon über­zeugt wor­den, ange­sichts der pol­ni­schen Sol­da­ten, daß der deut­sche Sol­dat eben d e r Sol­dat auf die­ser Welt ist.“

Fünf Mar­ti­neer star­ben in Polen, wie die Pos­til­le mel­det, „den Hel­den­tod für Füh­rer und Volk“. 1940 fal­len sie­ben. Im April 1944 erscheint statt der acht Sei­ten auf Kunst­druck­pa­pier nur noch ein rau­hes hek­to­gra­phier­tes Blatt A4 im Schreib­ma­schi­nen-Lay­out. Dar­auf getippt sind vor allem die Namen von Toten, „die ihr Leben für die Zukunft unse­res deut­schen Vol­kes gaben“. Ein Jahr noch hat Alt- Hal­ber­stadt zu leben. Dann ist der 8. April 1945 her­an­ge­kom­men. Ein strah­len­der Sonn­tag­mor­gen. Bei Bed­ford in Mit­tel­eng­land star­ten die Bom­ber, die gegen 11.20 Uhr Hal­ber­stadt erreichen.

Ja, alles Tag­täg­li­che ist Nor­ma­li­tät, auch das kriegs­ver­sehr­te Hal­ber­stadt mei­ner Kin­der­zeit. Sie war frei von revan­chis­ti­schen Paro­len, staat­lich wie pri­vat, denn die Nazi-Apo­ka­lyp­se galt all­ge­mein als deut­sche Schuld. Den Anti­fa­schis­mus der DDR gab es gra­tis, als Staats­dok­trin und Kol­lek­tiv­par­don. Den­noch emp­fan­den ihn Mil­lio­nen als echt; aller­dings bestrit­ten sie dem Staat des­sen Gleich­set­zung von Anti­fa­schis­mus und Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Das SED-Regime ahn­te sich unge­liebt von den werk­tä­ti­gen Mas­sen, trotz aller ritu­el­len Bil­der und Paro­len der Volks­ver­bun­den­heit. Hit­ler war ver­göt­tert wor­den. Ulb­richt wur­de ertra­gen, Hon­ecker vom Lynch­mob bedroht, kaum daß die Mau­er fiel. Das DDR-Volk leb­te weder füh­rer­froh noch gleich­ge­schal­tet; es wur­de nur beherrscht von Nach­kriegs­ver­hält­nis­sen, an denen nicht zu rüt­teln schien – bis Gorbatschow.

Mir öff­ne­te sich die Mau­er bereits im Novem­ber 1987. Ein kirch­li­ches Dienst­rei­se- Visum erlaub­te eine Woche Wup­per­tal. Ich sah das Ber­gi­sche Land, den Köl­ner Dom und einen Grot­ten­kick zwi­schen dem 1. FC Köln und Han­no­ver 96. Nachts fuhr ich heim, frei­heits­trun­ken, beglei­tet von zwan­zig Traum-Rock­plat­ten. Mor­gen­grau­en, Bahn­hof Ber­lin-Zoo. Ich stieg aus und frag­te: Wo geht ́s denn hier nach Kreuz­berg? Ant­wort: Intres­siert ma nich!

Ich schnür­te die Mau­er ent­lang. Ich fuhr mit der S‑Bahn vom Anhal­ter Bahn­hof nach Gesund­brun­nen, nun Teil jener Vibra­ti­on unter mei­nem alten Hör­saal. Ich erklomm die Platt­form an der Ber­nau­er Stra­ße. Ich sah drü­ben mei­nes­glei­chen mei­ne Ost­ber­li­ner Wege gehen. Ich wink­te mir nicht zu. Neben mir ope­rier­te ein Bay­er mit sei­nem Feld­ste­cher ins Rus­sen-KZ hin­ein. Mit Genuß sprach er zu sei­nem Weib: Lau­ter arme Sau­en! Ich zeig­te ihm mei­nen DDR-Paß. Bay­ern war per­plex: San Sie von der Sta­si? – Nein, von der Kir­che. – No, da müs­sen ́s zurück, da haben ́s ja Men­schen zu versorgen.

Das Aus­maß der Sta­si-Spit­ze­lei über­rasch­te mich nach der Wen­de kaum. Vor­sichts­hal­ber leb­te ich bei­zei­ten hin­ter einem inne­ren Schutz­wall der Sub­jek­ti­vi­tät. Ich ver­barg mich im ideo­lo­gisch Unschein­ba­ren, im Uni­ver­sum von Natur und Pro­vinz. Auch mei­ne Kin­der­zeit war eine Epo­che tech­ni­schen Fort­schritt­glau­bens. Ich fürch­te­te, die Mensch­heit wer­de eine Maschi­ne erfin­den, die Gedan­ken lesen kann. Aber solch Appa­rat, das war mei­ne ret­ten­de Gewiß­heit, könn­te nie emp­fin­den, was ich füh­le. So, hof­fe ich, den­ken die meis­ten Men­schen und wis­sen sich zu schüt­zen gegen See­len­raub durch Ideologie.

Auch die Nord­ko­rea­ner, die uni­for­men Gru­sel­pup­pen unse­res Blicks von der west­li­chen Platt­form? Vita­ly Man­skys Film „Im Strahl der Son­ne“ zeigt das gan­ze Land als dik­ta­to­ri­sche Insze­nie­rung. Unfrei­wil­lig wir­ken die gelack­ten Akkla­ma­tio­nen wie Staats­ver­höh­nung. Jeder Bild­de­fekt wird, mit Hei­ner Mül­ler, zum „alles erlö­sen­den Feh­ler“: Das zer­kratz­te U‑Bahn-Fens­ter. Die fla­ckern­de Peit­schen­leuch­te. Die zer­beul­te Soja­milch-Kan­ne. Asyn­chron schmilzt der Schnee. Unge­hor­sam wuchert Gras aus dem Beton. Die Men­schen drän­geln am Bus. Das Bal­lett-Mäd­chen weint und weint, untröst­lich, bis die Leh­re­rin gebie­tet, die Klei­ne möge an etwas Wun­der­schö­nes denken.

Da denkt es an den Führer.

Dabei wird es nicht bleiben.