Silent Friend

Deutsch­land / Ungarn / Frank­reich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Eng­lisch mit deut­schen UT

Regie: Ildi­kó Enyedi 

Im Her­zen des bota­ni­schen Gar­tens der mit­tel­al­ter­li­chen Uni­ver­si­täts­stadt Mar­burg steht ein majes­tä­ti­scher Gink­go­baum. Seit über hun­dert Jah­ren ist er stil­ler Zeu­ge – Beob­ach­ter lei­ser, tief­grei­fen­der Ver­än­de­run­gen im Leben drei­er Men­schen. 2020 wagt ein Neu­ro­wis­sen­schaft­ler aus Hong­kong, der die kogni­ti­ve Ent­wick­lung von Babys erforscht, ein unge­wöhn­li­ches Expe­ri­ment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein jun­ger Stu­dent eine inne­re Wand­lung – aus­ge­löst durch die kon­zen­trier­te Beob­ach­tung einer ein­fa­chen Gera­nie. 1908 folgt die ers­te Stu­den­tin der Uni­ver­si­tät ihrer Lei­den­schaft für die Foto­gra­fie – und ent­deckt durch das Objek­tiv ihrer Kame­ra die ver­bor­ge­nen Mus­ter des Universums.

Nach dem Gol­de­nen-Bären-Gewin­ner KÖR­PER UND SEE­LE prä­sen­tiert die unga­ri­sche Regis­seu­rin Ildi­kó Eny­edi mit SILENT FRIEND ein poe­ti­sches, sen­si­bles Werk, in dem die Bezie­hung zwi­schen Pflan­zen und Men­schen zum Sinn­bild für die uni­ver­sel­le Sehn­sucht nach Ver­bun­den­heit wird. In den stil­len Ver­su­chen ihrer Prot­ago­nis­ten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu ver­bin­den, ent­fal­tet sich eine berüh­ren­de Geschich­te über Zuge­hö­rig­keit, Wan­del – und die Schön­heit der Sehnsucht.

„(…) Die Kame­ra ver­weilt auf Details: das Zit­tern eines Blat­tes im Wind, die fei­nen Lini­en einer Pflan­zen­struk­tur, das chan­gie­ren­de Licht zwi­schen den Jah­res­zei­ten. Es ist ein Kino der Wahr­neh­mung, das den Zuschau­er nicht mit Hand­lung über­fällt, son­dern ihn ein­lädt, lang­sa­mer zu wer­den, genau­er hin­zu­se­hen. Man­che Sze­nen wir­ken wie aus einer Natur­do­ku­men­ta­ti­on, ande­re erin­nern an test­haf­te 4K-Bil­der, die tech­ni­sche Per­fek­ti­on mit hyp­no­ti­scher Ruhe ver­bin­den. Doch in die­ser Span­nung liegt die Kraft: Das All­täg­li­che wird unge­wöhn­lich, das schein­bar Neben­säch­li­che rückt in den Mit­tel­punkt. Ein zen­tra­les Motiv des Films ist die Wis­sen­schaft, aller­dings nicht in ihrer nüch­ter­nen, mes­sen­den Form, son­dern als Neu­gier, als kind­li­che Lust am Ent­de­cken. Der Film fei­ert die For­schung als eine Art Poe­sie, die nicht alle Ant­wor­ten kennt, aber Fra­gen stellt. Dass eine Pflan­ze uns letzt­lich fremd bleibt, dass wir nie wis­sen wer­den, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Schei­tern ver­stan­den, son­dern als Chan­ce. Wir erken­nen uns in unse­rer Begrenzt­heit, und genau dar­in liegt Würde. (…)

Eny­edi hat kei­nen poli­ti­schen Film gedreht, son­dern einen Rück­zugs­raum geschaf­fen, in dem Fra­gen nach Zuge­hö­rig­keit, Ver­gäng­lich­keit und Ver­bun­den­heit lei­se gestellt wer­den. Dass dies gera­de jetzt, in Zei­ten der Unsi­cher­heit, eine beson­de­re Wir­kung ent­fal­tet, ist kein Zufall.

Am Ende steht die­ser Baum. Ver­wur­zelt in Mar­burg, grö­ßer gemacht durch Spe­zi­al­ef­fek­te, aber immer doch er selbst. Er über­dau­ert Genera­tio­nen, Ideen, Ideo­lo­gien. Wäh­rend die Figu­ren kom­men und gehen, for­schen, lie­ben, schei­tern, wächst er ein­fach wei­ter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Mensch­sein, über unse­re Fra­gi­li­tät und unse­re Sehn­sucht, irgend­wo dazu­zu­ge­hö­ren.“ (Mia Pflü­ger, kino​-zeit​.de)