Chro­nos – Fluss der Zeit

Deutsch­land 2026, 200 min, Deutsch | Ukrai­nisch | Litau­isch | Bela­ru­sisch | Rus­sisch | Rumä­nisch mit deut­schen UT

Regie: Vol­ker Koepp

„Strom, allei­ne immer kann ich dich lie­ben nur …“ (Johan­nes Bob­row­ski: Sar­ma­ti­sche Zeit)

Der Fluss Chro­nos, anti­ker Name der Memel, durch­fließt die Regi­on Sar­ma­ti­en. Ihm folgt Vol­ker Koepp auf der Suche nach den Schick­sa­len der Men­schen, die an die­sen Ufern leben – und kehrt dabei immer wie­der zu jenen zurück, die sei­ne frü­he­ren Fil­me geprägt haben. Doch „Chro­nos – Fluss der Zeit“ ist auch das Por­trät einer Regi­on im Wan­del. Über fünf Jah­re dau­er­ten die Dreh­ar­bei­ten. Die rus­si­sche Inva­si­on der Ukrai­ne, die Covid-19-Pan­de­mie prä­gen das Erle­ben genau­so wie sowje­ti­sche Ver­gan­gen­heit und die Nar­ben, die der Holo­caust in den Gemein­schaf­ten hin­ter­las­sen hat.

Auf den Spu­ren der Gedich­te von Johan­nes Bob­row­ski dreh­te Vol­ker Koepp 1972 sei­nen ers­ten Film im his­to­ri­schen Land­schafts­raum öst­lich der Weich­sel zwi­schen Ost­see und Schwar­zem Meer, in der Spät­an­ti­ke „Sar­ma­ti­en“ genannt. Eine Welt, die nach dem Zwei­ten Welt­krieg zum sowje­ti­schen Impe­ri­um gehör­te. Spä­ter dreh­te Koepp in die­ser Gegend mit „Kal­te Hei­mat“ (1994), „Herr Zwil­ling und Frau Zucker­mann“ (1998) oder „In Sar­ma­ti­en“ (2013) einen gan­zen Zyklus von Fil­men. Es ging um Begeg­nun­gen mit Men­schen, ihrem All­tag, ihren von poli­ti­schen Umbrü­chen gepräg­ten Bio­gra­fien, um natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­ror, die Ermor­dung der Juden, sta­li­nis­ti­sche Ver­fol­gung und Hoff­nun­gen auf gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen. „Chro­nos – Fluss der Zeit“ fügt die­sen Geschich­ten ein neu­es, ent­schei­den­des Kapi­tel hin­zu – als fil­mi­sche Mon­ta­ge, in der sich Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart frag­men­ta­risch verbinden.

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Vol­ker Koepp: Bemer­kun­gen zu „Chro­nos – Fluss der Zeit“

Zur Vor­stel­lung die­ses Film­pro­jekts schrieb ich 2019:
Auf unse­re Dreh­rei­se für einen Film sind wir 2012 in die Ukrai­ne auf­ge­bro­chen, nach Odes­sa, an die Küs­te des Schwar­zen Mee­res. Nach eini­gen Wochen kamen wir in der rus­si­schen Oblast Kali­nin­grad an, im frü­he­ren Nörd­li­chen Ost­preus­sen. Unter­wegs dreh­ten wir in den ukrai­ni­schen Städ­ten Uman, Czer­no­witz und Lem­berg, im pol­ni­schen Lub­lin, im belo­rus­si­schen Hrod­no, in Litau­en und schließ­lich in Kaliningrad/​Königsberg und in Sowjetsk/​Tilsit. An der Ost­see, in Swjetlogorsk/​Rauschen und auf der Kuri­schen Neh­rung been­de­ten wir unse­re Dreh­ar­bei­ten. Der Film hieß: In Sarmatien.

Bevor ich Fil­me mach­te, las ich Gedich­te.
1963 fand ich ein Buch: Sar­ma­ti­sche Zeit stand in roter Schrift auf dem schma­len schwar­zen Lei­nen­band zu lesen. Der Dich­ter: Johan­nes Bob­row­ski.
Ich fand das Land Sar­ma­ti­en im Brock­haus von 1898 in einer Kar­te aus der Spät­an­ti­ke ver­zeich­net. Öst­lich der Weich­sel reicht dort Sar­ma­tia vom Ocea­nus Sar­ma­ti­cus, der Ost­see,
bis hin­un­ter ans Pon­tus Euxi­nus, ans Schwar­zen Meer. Der Fluss Chro­nos der Anti­ke ist die Memel der Gegen­wart (litau­isch: Nemu­nas, belo­rus­sisch: Nemon und im heu­te zu Russ­land gehö­ren­den Kali­nin­gra­der Gebiet: Neman).

Bob­row­ski sagt: Strom, allei­ne immer kann ich dich lie­ben nur …

Seit 1972 bin ich für Fil­me neben mei­nen Dreh­ar­bei­ten zwi­schen Elbe und Oder, wie etwa in Witt­stock, auch in Sar­ma­ti­en unter­wegs. Ich erzähl­te vom Leben der Men­schen in ihren Land­schaf­ten. Ich traf Über­le­ben­de nach Hit­lers Völ­ker­mord an den Juden und Sta­lins Ter­ror in der Ukrai­ne. Von Bio­gra­fien also, die geprägt waren von poli­ti­schen und geo­gra­fi­schen Umbrü­chen und den Zei­ten­wen­den im elen­den 20. Jahr­hun­dert. Und dann, bei den Jün­ge­ren, auch des 21 Jahr­hun­derts. Hoff­nun­gen, die nach dem schein­ba­ren Ende des Kal­ten Krie­ges vor drei­ßig Jah­ren auf­ka­men, sind durch die Ent­wick­lun­gen in aller­letz­ter Zeit wie­der ver­flo­gen. Vie­ler­orts erle­ben wir so etwas wie eine Hin­wen­dung zu auto­ri­tä­ren und anti­de­mo­kra­ti­schen Struk­tu­ren. Den Ver­su­chen also, Geschich­te ver­ges­sen zu machen.

Bob­row­ski: Leu­te, ihr redet: Ver­ges­sen — es möcht der Holun­der ster­ben an eurer Vergesslichkeit…

Als der Film In Sar­ma­ti­en in den Kinos war, brach­te Russ­land mit Anne­xi­on der Krim im Jahr 2014 den Krieg zurück in die Mit­te Euro­pas. Ein Ach­sel­zu­cken ist da nicht erlaubt.
Es ist Zeit, mit Chro­nos noch ein­mal zu mei­nen sar­ma­ti­schen Orten auf­zu­bre­chen.
Die Men­schen, die ich bei frü­he­ren Dreh­ar­bei­ten ken­nen­lern­te, sind mir stets nah geblie­ben.
Wir wer­den auf unse­rer Dreh­rei­se das Leben von man­chen von ihnen wei­ter beglei­ten kön­nen.
Und neue Men­schen kennenlernen.

Jetzt ist das Jahr 2026
Chro­nos – Fluss der Zeit ist ein unge­woll­tes „Lang­zeit­pro­jekt“.
Die Dreh­ar­bei­ten began­nen im Jahr 2020 und soll­ten 2021 been­det sein. Zuerst brach­te die Pan­de­mie unge­zähl­te Ver­zö­ge­run­gen und Unter­bre­chun­gen.
Man­che der geplan­ten Dreh­or­te im Kali­nin­gra­der Gebiet waren nun gar nicht mehr zu erreich­bar.
Die rus­si­schen Kin­der und Frau­en und Freun­de aus frü­he­ren Fil­men waren nun wie ver­schol­len.
Die poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen in der Mit­te Euro­pas wur­den immer bedroh­li­cher.
Die Frau­en in Bela­rus.
Dann das Unfass­ba­re: die Aus­wei­tung des rus­si­schen Krie­ges auf die gesam­te Ukrai­ne.
Auf Odes­sa, Uman, Lem­berg und Czer­no­witz. Schre­ckens­bil­der über Jah­re.
Zum Dre­hen in die Ukrai­ne, nach Czer­no­witz, fuhr ich mit einem Smart­phon.
Schließ­lich reich­ten die Arbei­ten am Film bis in die Gegen­wart des Jah­res 2026.
Seit Beginn des Krie­ges nach der Anne­xi­on der Krim sind nun bald 12 Jah­re ver­gan­gen.
Der täg­li­che Schre­cken der rus­si­schen Kriegs­ver­bre­chen im Fern­se­hen.
Die Hoff­nung, dass Ende des Krie­ges zu erle­ben, hat sich nicht erfüllt.