Filmreihe mit begleitender Fotousstellung im Foyer, 20.-30. Mai 2026
Himmel im Brunnen - ein Essay von Nadežda Fedorova
Die Schönheit der lettischen Landschaft überwältigt nicht auf Anhieb. Sie stimmt kontemplativ ein. Monotone Kiefernwälder säumen die flachen Felder, deren Grenzen sich im milchigen Dunst auflösen. Ruhige Flüsse und Seen spiegeln übergroße weiße Wolkenberge und den tiefblauen Himmel im Sommer, und in den kurzen Wintertagen überzieht ihre Oberfläche der zähe, bleierne Glanz.
Da Entfernungen hier überschaubar sind, läuft die Zeit langsamer. Man schafft ungemein viel, und selbst
nach einem vollen Arbeitstag in Riga kann man ins Auto oder in den Zug steigen und sich eine halbe Stunde später am Meer wiederfinden. Dort gräbt man die Füße in den kühlen Sand ein und schaut auf die dunkel werdenden Wellen. Oder geht einen endlosen Strand der sinkenden Sonne entgegen. Hier denke ich natürlich an Sommer. Im Winter lauscht man dem gedämpften Klang eines Hit-Radios in einer menschenleeren Kantine, während man bedächtig an einem Speckbrötchen kaut. Denn der Fuß ist samt Winterstiefel und dicker Wollsocke unters Eis geraten, als du gerade die wunderlich gefrorenen Wellen erkundet hast. Es dauert also eine Weile, bis er einigermaßen trocken wird.
Kontemplation lenkt den Blick zum Detail, in dem sich nach geduldigem Starren der immerwährende Kreislauf des Lebens zeigt. Nun sind wir bei dem lettischen Vierzeiler, der Daina, die man seit Jahrhunderten dichtet, um Freude, Unmut, Liebe, aber auch Demut und Staunen vor Natur und Unbekanntem singend auszudrücken.
Dziedot dzimu, dziedot augu,
Dziedot mūžu nodzīvoju,
Ar dziesmām guldīts kļūšu
Baltā smilšu kalniņā.
Singend ward ich geboren, singend wuchs ich auf,
Singend lebte ich mein Leben,
Mit Liedern werde ich gebettet
auf einem weißen Hügel aus Sand.
Ähnlich dem japanischen Haiku ökonomisiert Daina die Sprache zugunsten einer präzisen Bildhaftigkeit,
die das Allgemeine durch das Individuelle und das Erhabene durch das Alltägliche ausdrückt.
Velē māte, velē meita,
Velē mana līgaviņa;
Vārna akla palikusi
No tā liela baltumiņa.
Mutter bleicht, Tochter bleicht,
Meine junge Braut bleicht;
Die Krähe ist blind geworden
Von all dem Weiß.
Menschen, Tiere, Natur- und Gebrauchsgegenstände erscheinen in ihrer konkreten Bildhaftigkeit gleichsam als materielle Manifestationen des Lebens und als Allegorien, deren Bedeutung sich im Moment des Zuhörens wie eine Teeblume im heißen Wasser öffnet.
Diese fest in der lettischen Kulturtradition verankerte poetische Praxis bleibt bis heute lebendig – in spontanen Daina-Improvisationen am Līgo ‑Lagerfeuer, aber auch in der lettischen Literatur und Kunst.
Nach einer kurzen Etappe des Klassizismus und Modernismus in den Jahrzehnten um die vorletzte Jahrhundertwende hat die lettische Dichtung zu einer Form gefunden, die in Bezug auf Nordamerikanische und Europäische Dichtung als „zeitgenössisch“ bezeichnet wird und die sich organisch in die einheimische Tradition einblendet. Rhythmisierte Verse, alltägliche Szenen und konzentrierte Bildhaftigkeit zeichnen die Lyrik solch unterschiedlicher lettischer Dichter wie Ojārs Vācietis, Imants Ziedonis, Juris Kunnos und Inga Gaile.
In seinem 1966 erschienen Gedichtsband „Elpa“ (Atem) beschreibt Ojārs Vācietis eine nächtliche Straße durch eine Aufzählung von Gegenständen, die sich schlummernd an die Ursprungsorte ihrer Herkunft erinnern:
Katrs akmens ir akmens
Un droši vien sapņos kavējas
Tajā tīrumā, no kura paņemts.
Durvju roktura dzelzs
Guļ savās raktuvēs.
Loga spraišļotais koks
Ir nometis krāsu
Un aizgājis mežā augt.
Jeder Stein ist ein Stein
und verweilt im Traum
auf jenem Feld, von dem er genommen wurde.
Das Eisen des Türgriffs
schläft in seinen Erzgruben.
Das Holz des Fensterrahmens
hat seine Farbe abgeworfen
und ist in den Wald zurückgegangen, um zu wachsen.
Imants Ziedonis überführt diese tief in der lettischen Weltvorstellung verwurzelte animistische Ontologie in die Realität seiner Generation und ihres jugendlichen Zeitgeists, so etwa in seinem Gedicht „Motocikls“ (Motorrad, 1965), in dem jedes Teil der Maschine zum allegorischen Ausgangspunkt einer Reflexion über eine menschliche Eigenschaft, Haltung oder Energie wird.
Dienas ir
Sprādzienu
Sērija.
Ieelpā,
Izelpā,
Elpā.
Ieelpā,
Izelpā,
Elpā.
Motors caur dzīvi rauj.
Pārējais viss nav svarīgi.
Kompresijas telpā
Nepārtraukti un klusi
Svece dzirksteli šauj.
Die Tage sind
eine Reihe
von Detonationen.
Einatmen,
Ausatmen,
Atmen.
Einatmen,
Ausatmen,
Atmen.
Der Motor rast durchs Leben.
Alles andere ist unwichtig.
Im Kompressionsraum
ununterbrochen und leise
schießt die Zündkerze Funken.
Im Gedicht „Sēna lībiešu dziesma“ (Altlivisches Lied, 1977) verwebt Juris Kunnos präzis gezeichnete Bilder
mit verschränkter Syntax, eigenwilliger Orthographie, Dialektismen und traditionellen Sprechgesangsrhythmen zu einem emotional bewegenden visuellen und klanglichen Teppich, in dem sich das Ewige im Vergänglichen und die Tradition in Moderne spiegelt:
lidmašīna kā cigārs akā
uz mūžību skatās zeme
debesis klusē un tad saka
ema
flugzeug wie zigarre im brunnen
die erde schaut ewigkeit an
himmel schweigt dann sagt schließlich ema*
* phonetische Annäherung an „jema“ (Livisch: Mutter)
Die junge Inga Gaile tritt in ihrem Gedicht „Skat, kā izplešas vēdeklis“ (Schau, wie der Fächer sich ausbreitet, 2004) in den Dialog mit ihrem älteren Kollegen Imants Ziedonis, der das menschliche Leben einmal mit einer brennenden Kerze verglich. Doch anders als Ziedonis, der den menschlichen Geist preist, der den Menschen bis zum letzten Atemzug lebendig hält, denkt sich Gaile selbst als eine Kerze, und ihr Leben als ein Werden, in dem sie sich immerwährend verliert und wiederfindet:
es mācos no nakts uz nakti,
kā nodzist par maigu tumsu,
nepazaudējot dakti.
Nacht ein, Nacht aus lerne ich,
mich in das samtweiche Schwarz auszulöschen,
ohne den Docht zu verlieren.
Die künstlerische Geste, das Große im Kleinen und das Geistige im Materiellen zu zeigen, wurde auch
zum ideellen und ästhetischen Kern für die lettischen Dokumentarfilmemacher, die sich in den späten
1950er Jahren in der Abteilung für Reportage- und Dokumentarfilm am Staatlichen Rigaer Filmstudio
zusammentrafen und deren Gesamtwerk später als die Rigaer Schule des poetischen Dokumentarfilms
bekannt wurde.
Herz Frank, einer der Kernmitglieder der „Schule“, dessen 100-jähriges Jubiläum uns den Anlass zu dieser Filmreihe bietet, drückte die ideelle Seite dieser Vorgehensweise in seinem Buch „Die Karte des Ptolemäus“ (1975) ganz im Sinne dieser Bildsprache, in einer Metapher aus: Ein Dokumentarfilm soll den Abdruck der menschlichen Seele tragen. Die Aufgabe des Filmemachers besteht darin, Bilder zu finden, die ihn sichtbar machen.
Sein Kollege Ivars Seleckis zieht währenddessen in seinem jüngsten Interview eine direkte Parallele zur
Daina heran: „Die Besonderheit der Dainas liegt in ihrer Kürze, in ihrer Bildhaftigkeit und in ihrer Allegorisierung. Sie werden auch häufig verwendet, um jemandem etwas auf indirekte, nicht verletzende Weise mitzuteilen. Dieser Umgang mit Bildern und die Umschreibung sind uns daher vermutlich vertraut. Für das Kino bedeutet das jedoch, direkt mit Bildern zu arbeiten. Das Bild muss ohne Worte sprechen. Denn Worte sind verletzlich. Besonders während der Sowjetzeit galt das im Hinblick auf Ideologie und Zensur.“
Die lettischen Filme, die Sie im Programm Rigaer Schule des poetischen Dokumentarfilms im Kontext
des internationalen Kinos sehen werden, mögen aus heutiger Perspektive romantisierend und in den Augen mancher als politisch wenig widerständig erscheinen. Doch gerade die Fähigkeit, Widrigkeiten
nicht frontal zu begegnen, sondern ihnen mit einem Lied, mit einem Bild, mit der Hinwendung zum Privaten und Individuellen auszuweichen, hat in Lettland über lange Zeit eine besondere Kraft entfaltet. Sie trug dazu bei, unter wechselnden Herrschaften die eigene kulturelle Identität zu bewahren und schließlich in der Singenden Revolution auch politisch sichtbar zu machen.
Wie das Wasser im Brunnen, das den Durst der Menschen und Tiere stillt und den Himmel spiegelt, so erweist sich die lettische Daina als eine lebendige Quelle für die Auseinandersetzung mit dem Vergänglichen und die Kontemplation über das Unendliche.
Filmprogramm im Überblick:
Mi, 20. Mai um 20:00 Uhr Eröffungsprogramm
HIMMEL IM BRUNNEN | Kind und Stadt:
Baltie zvani / Weiße Glockenblumen
Lettische SSR 1961, 38 min, ohne Dialog, R: Ivars Kraulītis
Vecāks par 10 minūtēm / 10 Minuten älter
Lettische SSR 1978, 10 min, ohne Dialog, R: Herz Frank
Little Fugitive / Der kleine AusreißerUSA 1953, 80 min, OmdU, R: Morris Engel, Ruth Orkin, Ray Ashley
Dienstag, 26. Mai um 18:00 Uhr
HIMMEL IM BRUNNEN | Leben am Meer:
Sāļā Maize / Salziges Brot
Lettische SSR 1965, 18 min, ohne Dialog, R: Herz Frank
La Pointe CourteF 1955, 86 min, OmdU, R: Agnès Varda
Dienstag, 26. Mai um 20:15 Uhr
HIMMEL IM BRUNNEN | Arbeit und Rast:
Pusdienā / Mittag
Lettische SSR 1965, 16 min, R: Herz Frank
Humain, trop humainF 1974, 75 min, OmeU, R: Louis Malle
Mittwoch, 27. Mai um 20:00 Uhr
HIMMEL IM BRUNNEN | Gesichter und Stimmen:
235 000 000
Lettische SSR 1967, 127 min, ohne Dialog, R: Uldis Brauns
Donnerstag, 28. Mai um 19:00 Uhr
HIMMEL IM BRUNNEN | Entstehung des Lebens:
Augstākā dziesma / Das Hohelied
Lettische SSR 1989, 10 min, kein Dialog, R: Herz Frank
Pierwsza miłość / Erste Liebe Polen 1974, 52 min, OmeU, R: Krzysztof Kieślowski
Donnerstag, 28. Mai um 20:15 Uhr
HIMMEL IM BRUNNEN | Chroniken des Alltags:
Gada reportāža / Jahreschronik
Lettische SSR 1965, 53 min, R: Aivars Freimanis
TerminusUK 1961, 33 min, R: John Schlesinger
Samstag, 30. Mai um 20:00 Uhr
HIMMEL IM BRUNNEN | Gesichter und Stimmen:
Le Joli Mai / Der schöne Mai
F 1963, 163 min, OmeU, R: Chris Marker, Pierre Lhomme