Lettische SSR 1967, 127 min, ohne Dialog, R: Uldis Brauns
Im Auftrag zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution entstanden, stellt 235 000 000 eine monumentale visuelle Symphonie dar, die das private Glück der Menschen und die Schönheit des Landes in den Mittelpunkt rückt, während Politik und militärische Stärke dieses Bild rahmen. Um die Einheit und Vielfalt des Vielvölkerstaats filmisch wiederzugeben, nahmen vier Teams in verschiedenen sowjetischen Republiken den Alltag der Bürger:innen aller Altersgruppen auf. Das Material wurde in Riga zu einer von Optimismus getragenen lyrischen Allegorie eines menschlichen Lebenswegs montiert. Die Filmmusik komponierte Raimonds Pauls, einer der bekanntesten Jazz- und Unterhaltungskomponisten der Sowjetzeit und bis heute eine prägende Figur der lettischen Kultur. Im Gegensatz dazu befragen Chris Marker und Pierre Lhomme Pariser und Pariserinnen zu ihrem privaten und öffentlichen Leben sowie zu ihrer Wahrnehmung des eigenen Landes im Mai 1962, kurz nach dem Ende des Algerienkriegs. Die Gegenüberstellung der beiden Filme zeigt zwei unterschiedliche Zugänge zur filmischen Darstellung der Gesellschaft unter unterschiedlichen politischen Systemen: Während 235 000 000 auf Sprechtext verzichtet, entsteht seine ideologische Dimension weniger durch Worte als durch die Auswahl der Bilder. LE JOLI MAI hingegen lässt die Menschen selbst zu Wort kommen und schafft ein fragmentarisches, aber vielstimmiges Dokument der französischen Gesellschaft zu Beginn der 1960er Jahre. Trotz der unterschiedlichen Produktionsbedingungen sind beide Filme vom tiefen Humanismus ihrer Autoren geprägt und zeugen von dem Versuch, das Leben ihrer Zeit sichtbar zu machen. (Nadežda Fedorova)