IN WEI­TER FER­NE, SO NAH! Tsche­chi­sche und slo­wa­ki­sche Kinolandschaften

Filmschau vom 8. Juli bis 22. Juli und 26. August bis 10. September 2026 ... wird fortgesetzt

kuratiert von Ralph Eue, Brigitte Mayr, Michael Omasta und Michael Pekler

Eine Rück­blen­de zur Ein­stim­mung: Los Ange­les, 1997. Ver­lei­hung der Aca­de­my Awards. Der Regis­seur Jan Svěrák tritt zusam­men mit sei­nem Vater Zdeněk Svěrák vor die Mit­glie­der der Aca­de­my, um den Oscar für den bes­ten fremd­spra­chi­gen Film des Jah­res ent­ge­gen­zu­neh­men. In sei­ner Dan­kes­re­de sagt er: „Dear Oscar — You are going to Pra­gue! You don’t know whe­re it is? It’s in the heart of Euro­pe!” Die koket­te Beschei­den­heit die­ser Sät­ze war der Ver­mu­tung geschul­det, dass das Land, aus dem er kam, sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Zuhö­re­rin­nen und Zuhö­rern bes­ten­falls aus Rei­se­pro­spek­ten bekannt sein wür­de. Eine als schüch­ter­ne Treu­her­zig­keit getarn­te List — womit sich Svěrák unan­ge­strengt in die Fuß­stap­fen eines Josef Švejk bege­ben hat­te, jenem inof­fi­zi­el­len tsche­chi­schen Natio­nal­hel­den, der Über­macht durch gespie­gel­te Nai­vi­tät überlistet.

Dass Miloš For­man, einer der Gro­ßen des moder­nen US-ame­ri­ka­ni­schen Films, sein ers­tes hal­bes Dut­zend Wer­ke in der Tsche­cho­slo­wa­kei gedreht hat­te; dass die Geschich­te des tsche­chi­schen und slo­wa­ki­schen Kinos zu den facet­ten­reichs­ten und eigen­wil­ligs­ten der inter­na­tio­na­len Film­kunst gehört — das alles war und ist jen­seits eines cine­phi­len Spe­zi­al­pu­bli­kums weit­ge­hend unbe­kannt geblie­ben. Prag und Bra­tis­la­va lie­gen zwar erheb­lich näher als Paris oder New York, erschei­nen auf der inter­na­li­sier­ten Land­kar­te vie­ler film- und kul­tur­in­ter­es­sier­ter Men­schen jedoch wie hin­ter den sie­ben Bergen.

Inso­fern ver­steht sich auch der Titel die­ser Retro­spek­ti­ve (In wei­ter Fer­ne, so nah!) aus­drück­lich als akti­ve Nachbarschaftspflege!

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Am mar­kan­tes­ten hat­te sich das tsche­cho­slo­wa­ki­sche Kino – also das tsche­chi­sche und das slo­wa­ki­sche – mit der Nová Vlna, der Neu­en Wel­le der 1960er Jah­re, in die Geschich­te des inter­na­tio­na­len Films ein­ge­schrie­ben. Jen­seits der Bewun­de­rung für die­ses schil­lern­de Phä­no­men blieb jedoch eine Begeg­nung mit ande­ren Epo­chen der tsche­chi­schen und slo­wa­ki­schen Kine­ma­to­gra­fie hier­zu­lan­de weit­ge­hend aus. Dabei stellt die Ent­wick­lung des Medi­ums in den bei­den einst zusam­men­ge­hö­ri­gen Län­dern wäh­rend der ver­gan­ge­nen hun­dert Jah­re ein nahe­zu per­fek­tes Fall­bei­spiel dar, um den Zusam­men­hang zwi­schen Film und Gesell­schaft — in ihren oft­mals unbe­re­chen­ba­ren Haken­schlä­gen — zu beob­ach­ten. Über viel­fäl­ti­ge Dif­fe­ren­zie­run­gen hin­weg zeich­nen sich bei­de Film­land­schaf­ten durch eine Rei­he ästhe­tisch-poli­ti­scher Kon­stan­ten aus: ein sub­ti­ler, meist melan­cho­li­scher, häu­fig absur­der und gesell­schafts­kri­ti­scher Humor; eine mühe­los schei­nen­de Bega­bung, Kon­kre­tes sym­bo­lisch und Sym­bo­li­sches kon­kret zu machen — oder anders: etwas aus­zu­drü­cken, ohne es aus­zu­spre­chen. Dazu eine durch­gän­gi­ge Sen­si­bi­li­tät für die tra­gi­ko­mi­sche Fär­bung von All­tags­er­eig­nis­sen, eine Fas­zi­na­ti­on für gewöhn­li­che Hel­din­nen und Hel­den sowie eine aus­ge­präg­te Lust am Durch­de­kli­nie­ren poe­tisch-lyri­scher und sur­rea­ler Hal­tun­gen gegen­über den Weltläuften.

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Die Retro­spek­ti­ve ist als Kul­tur­brü­cke, oder, um das tsche­chi­sche Wort zu ver­wen­den: als Kul­turní most. Kul­turní most nann­te 1933 der renom­mier­te deut­sche Film- und Kul­tur­pu­bli­zist Hans Feld sei­ne auf Deutsch und Tsche­chisch erschei­nen­de Bei­la­ge der Kul­tur­zeit­schrift Die Kri­tik. Feld war gleich zu Beginn des Natio­nal­so­zia­lis­mus nach Prag emi­griert — und wie für ihn selbst, war die dama­li­ge Tsche­cho­slo­wa­kei für eine Viel­zahl spä­te­rer Exi­lan­tin­nen und Exi­lan­ten aus dem Film­mi­lieu eine ers­te und oft lebens­ret­ten­de Anlaufstelle.

Die­se Geschich­te der Ver­flech­tung, aber auch der anhal­ten­den Fremd­heit, ist tief in das Ver­hält­nis zwi­schen Deutsch­land und sei­nen öst­li­chen Nach­barn ein­ge­schrie­ben. Milan Kun­de­ra argu­men­tier­te in sei­nem Essay Die Tra­gö­die Mit­tel­eu­ro­pas (1983), dass die geo­gra­fisch im Zen­trum Euro­pas ange­sie­del­ten Natio­nen — allen vor­an die Tsche­cho­slo­wa­kei, Polen und Ungarn — durch den Zwei­ten Welt­krieg und die Ver­trä­ge von Jal­ta um ihren recht­mä­ßi­gen Platz in der euro­päi­schen Gemein­schaft betro­gen wor­den sei­en. Ein Betrug, gegen den aus west­li­cher Rich­tung kaum Ein­spruch erho­ben wur­de — wes­halb Paris, Rom oder Los Ange­les auf der inter­na­li­sier­ten Kul­tur­land­kar­te oft näher wirk­ten als Prag oder Bra­tis­la­va. Die Beto­nung des Euro­päi­schen erscheint uns gera­de heu­te wich­tig, da die soge­nann­te euro­päi­sche Men­ta­li­tät, also die Kul­tur der Klein­tei­lig­keit und Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät, unter gehö­ri­gem Beschuss aus unter­schied­li­chen Rich­tun­gen steht. In der Kom­po­si­ti­on der Schau soll genau das sicht­bar wer­den – und zwar nicht nur im Gro­ßen und Gan­zen son­dern im Detail­lier­ten und Einzelnen.

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Die Retro­spek­ti­ve In wei­ter Fer­ne, so nah! fin­det von Juli bis Dezem­ber 2026 im Kino Kro­ko­dil und Zeug­haus­ki­no des Deut­schen His­to­ri­schen Muse­ums statt. Ihr Anspruch ist nicht, eine reprä­sen­ta­ti­ve Para­de der bes­ten, größ­ten, schöns­ten Wer­ke die­ser bei­den benach­bar­ten Film- und Kino­kul­tu­ren zu lie­fern, son­dern sol­che Arbei­ten zu favo­ri­sie­ren, die durch aus­ge­präg­tes ästhe­ti­sches Bewusst­sein her­vor­ste­chen und ein kom­ple­xe­res Ver­ständ­nis für die Ver­or­tung von Film in einer gege­be­nen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Sphä­re befördern.

Die Fil­me wer­den dabei nicht chro­no­lo­gisch gereiht, son­dern in acht ästhe­tisch-poli­tisch-the­ma­ti­schen Blö­cken grup­piert, um zeit­über­grei­fen­de Ver­wandt­schaf­ten und men­ta­li­täts­ge­schicht­li­che Lini­en sicht­bar zu machen. Das Spek­trum reicht vom Stumm­film der 1920er Jah­re — jenen Jah­ren, da die Film­in­dus­trien in Prag, Wien und Ber­lin aufs Engs­te mit­ein­an­der ver­floch­ten waren — über das Kino der deut­schen Besat­zungs­zeit, die Ära des Gott­wald-Regimes und die Nová Vlna bis in die Gegen­wart. Exkur­se zu Prag 68 und der Char­ta 77 inklusive.

Kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit auto­ri­tä­rer Bevor­mun­dung, ver­krus­te­ter Büro­kra­tie und über­grif­fi­ger sozia­ler Kon­trol­le hat in der tsche­chi­schen und slo­wa­ki­schen Kine­ma­to­gra­fie eine lan­ge Tra­di­ti­on — sie ist ihr gewis­ser­ma­ßen ein­ge­schrie­ben. Und die­se Tra­di­ti­on setzt sich bis heu­te fort. Der deut­sche Regis­seur Domi­nik Graf und die Film­wis­sen­schaft­le­rin Lisa Got­to haben es so for­mu­liert: „Es wäre so wich­tig, sich die­se Fil­me genau anzu­schau­en, auch auf die poli­ti­sche Ohn­machts­er­fah­rung zu bli­cken, die aus ihnen spricht, und sich dann fort­rei­ßen zu las­sen von ihrer frei­geis­ti­gen Wider­stands­kraft und ihrem unzer­stör­bar schei­nen­den Eigen­sinn. Die soge­nann­ten Ost-Fil­me müss­ten anders in Umlauf sein, sie müss­ten zir­ku­lie­ren, damit sie aus­strah­len kön­nen. Wir brau­chen eine neue Umlauf­bahn für die­ses groß­ar­ti­ge Kino.”

Ralph Eue

PRO­GRAMM:

Saxo­phon Susi (Carl Lamač, D 1928 | 8.7., am Flü­gel Euni­ce Mar­tins, Ein­füh­rung: Micha­el Omasta) Eine jun­ge Frau träumt im Inter­nat von einer Kar­rie­re als Jazz-Musi­ke­rin und gerät in Lon­don in ein tur­bu­len­tes Ver­wechs­lungs­spiel zwi­schen bür­ger­li­cher Moral und der Frei­heit der Jazz-Ära.

Ze sobo­ty na nedě­li (Von Sams­tag auf Sonn­tag aka Erleb­nis einer Nacht, Gus­tav Macha­tý, ČSR 1931 | 9.7., Ein­füh­rung: Bri­git­te Mayr) Zwei Ste­no­ty­pis­tin­nen suchen am Sams­tag­abend Ent­span­nung in einem Pra­ger Nacht­club; die eine flieht in eine Arbei­ter­knei­pe, wo sich eine zar­te Lie­bes­ge­schich­te ent­spinnt, die schwe­ren Prü­fun­gen aus­ge­setzt wird.

Ein Anlass zum Spre­chen (Haro Senft, BRD 1966 | 15.7., Ein­füh­rung: Esz­ter Takács) Der deut­sche Regis­seur Haro Senft filmt eine Genera­ti­on an der FAMU, die gera­de dabei ist, das inter­na­tio­na­le Kino zu revo­lu­tio­nie­ren — For­man, Chyti­l­o­vá, Men­zel, Havel sind zu sehen, jung und voll unge­stü­mer Zukunft.

Ost­re sle­do­va­né vlaky (Lie­be nach Fahr­plan, Jiří Men­zel, ČSSR 1966 | 16.7., Ein­füh­rung: N.N.) mit Vor­film: Fád­ní odpo­led­ne (Ein fader Nach­mit­tag, Ivan Pas­ser, ČSSR 1964) Der jun­ge Eisen­bahn­an­ge­stell­te Miloš kämpft im besetz­ten Böh­men weni­ger gegen den Krieg als gegen sei­ne eige­ne Männ­lich­keit — bis eine erfah­re­ne Par­ti­sa­nin namens Vik­to­ria Freie ihm über Nacht auf die Sprün­ge hilft.

Pátrá­ni po Ester (Auf der Suche nach Ester, Věra Chyti­l­o­vá, CZ 2005 | 22.7., Ein­füh­rung: Tere­za Nekul­o­vá) „Ich dach­te, ich kann­te sie” — mit die­sen Wor­ten beginnt Věra Chyti­l­o­vá ihre Suche nach Ester Krum­ba­cho­vá, dem unbe­kann­ten Kraft­zen­trum der Nová Vlna, ohne deren Hand­schrift weder Tau­send­schön­chen noch Vale­rie denk­bar wären.

Ton­ka Šibe­ni­ce (Die Gal­gen­to­ni, Anton Karel, ČSR 1930 | 26.8.) mit Vor­film: Wis­sen Sie nicht, wo Herr Kisch ist? (Edu­ard Schrei­ber, DDR 1985) Eine Frau, die als Edel­pro­sti­tu­ier­te in Prag endet und einem ver­ur­teil­ten Ver­bre­cher eine letz­te Nacht vor der Hin­rich­tung schenkt: Basie­rend auf Egon Erwin Kischs Erzäh­lung insze­niert Anton Karel ein packen­des Melo­dram, das lyri­sche Natur­auf­nah­men mit expres­sio­nis­ti­scher Düs­ter­nis verbindet.

René (Hele­na Treš­tí­ko­vá, CZ 2008, 27.8.) Seit 1989 beglei­tet Hele­na Třeš­tí­ko­vá einen 17-jäh­ri­gen Straf­an­stalts­in­sas­sen über zwei Jahr­zehn­te: zwi­schen kur­zen Frei­heits­pha­sen und lan­gen Haft­stra­fen, wäh­rend drau­ßen die Wen­de, die Tei­lung der Tsche­cho­slo­wa­kei und der EU-Bei­tritt die Welt verändern.

Tako­vý je život (So ist das Leben, Carl Jung­hans, ČSR 1929, stumm mit Live­mu­sik­be­glei­tung | 9.9.) Eine namen­lo­se Pra­ger Wäsche­rin hält ihre Fami­lie allein über Was­ser, wäh­rend Mann und Toch­ter scheitern.

A pátý jez­dec je Strach (Der fünf­te Rei­ter ist die Angst, Zby­něk Brynych, ČSSR 1964 | 9.9.) Prag, 1941: Ein jüdi­scher Arzt, der nicht mehr prak­ti­zie­ren darf, wagt unter der deut­schen Besat­zung eine lebens­ge­fähr­li­che Odys­see durch die Stadt, um einem ver­wun­de­ten Wider­stands­kämp­fer Mor­phi­um zu beschaffen.

Jánošík (Lie­be, Frei­heit und Ver­rat, Mar­tin Frič, ČSR 1935 | 10.9., Ein­füh­rung: Gary Vani­sian) Den legen­dä­ren slo­wa­ki­schen Räu­ber­haupt­mann holt Mar­tin Frič 1935 aus dem natio­na­len Mythos ins popu­lä­re Kino: Paľo Bie­lik ver­kör­pert ihn mit tän­ze­ri­scher Leich­tig­keit, Fer­di­nand Pečen­kas Kame­ra macht die wil­de Kar­pa­ten­land­schaft zum Mit­spie­ler des sozia­len Aufbegehrens.

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