nach einer Idee von Thomas Heise | ab 19. 11. 2026 im Kino Krokodil
am Freitag, 20. November um 20 Uhr in Anwesenheit der Filmemacher
Text von Matthias Dell
Übergang beginnt mit einem Ende, das zugleich ein Anfang ist: Silvester auf der Schönhauser Allee in Berlin-Prenzlauer Berg. Genauer gesagt, am S- und U‑Bahnhof Schönhauser Allee, nicht weit von der Wohnung, in der Thomas Heise lange Jahre gelebt hat. Die Kamera schaut in Gesichter, die nach vorne gucken, was in dieser Nacht zwischen 2023 und 2024 heißt: nach oben. Erfreut, erregt, ein bisschen auch erschreckt vom Geballer der Raketen.
“Bilder bedeuten alles am Anfang, sind haltbar, geräumig”, sagt Heises markante Stimme irgendwann über die schwarzweißen Aufnahmen, und man möchte diesen programmatischen Satz an dieser Stelle für ein Statement von Heise halten, weil Übergang doch ein persönlicher Film des Dokumentaristen sein soll (“Der Autor ist Figur des Films” heißt es später in dem lakonischen Entwurf zum Projekt, das Heise noch zu drehen begonnen hatte).
Aber für Thomas Heise waren auch die Worte geräumig, Texte Material, durch die hindurch er geredet hat auf verwinkelte Weise. Wie in Heimat ist ein Raum aus Zeit von 2019, dem 220 Minuten langen opus magnum in der Filmografie, einer deutschen, der eigenen Familiengeschichte über drei Generationen durch das gewaltvolle deutsche 20. Jahrhundert in Briefen, Notizen, Artikeln. Und so entpuppt sich das Statement als ein (zeitlos offener) Heiner-Müller-Text von 1955, der elegant die Verbindung zum eigentlichen Anfang von Übergang herstellt: dem Geburtsjahr von Thomas Heise.
Dabei ist das gesamte Werk von Thomas Heise gegen eine solche Ich-Zentrierung entworfen. Als Hochschullehrer in Karlsruhe und Wien hat er seinen Studierenden aufgegeben, keine Filme über das eigene Milieu zu machen, sondern Menschen aufzusuchen, die man nicht schon kennt. “Man muss sich trennen”, lautete ein Credo, weil man sein Ich erst finden in den Umwegen durch die Steppen der Distanz.
“Hmm, wie sagt man denn dit? Ich sag’ am Schluss meinen Namen” – ist dann der so beiläufige erste Satz in Übergang, der direkt von Heise kommt, kein Zitat ist. Ein Rest aus Aufnahmen zu Heimat ist ein Raum aus Zeit, es geht um einen Strafaufsatz, den der Junge schreiben musste darüber, warum man nicht lügen soll. Dass der eigene Name am Schluss kommt, beschreibt Heises Filmografie einerseits treffend: Erst in Heimat ist ein Raum aus Zeit, als von der Familie nur der Regisseur übrig ist, Bruder Andreas und Mutter Rosemarie gestorben sind, wird auf eine deutlichere Weise “Ich” gesagt.
Andererseits sind Spuren des Persönlichen schon früher in Heises Werk zu finden. Und das nicht nur, weil mit Vaterland (2002) oder Mein Bruder – We’ll meet again (2005) die verwandtschaftlichen Bezüge schon im Titel stehen. Dass die Gegenstände der Filme immer etwas zu tun haben mit dem Autor, ist eine banale Feststellung. Und doch ist die Art und Weise, wie Heise etwa in Stau – Jetzt geht’s los (1992) interveniert, wie Eisenzeit (1991) gewesenen Freundschaften, wenn nicht Lieben nachspürt, oder in Meine Kneipe (2000) das Treiben in einer Gaststätte dokumentiert, die für Heise ein routinierter Ort war, immer schon Ausdruck einer engen Verbindung zum Erzählten.
Übergang expliziert diese Andeutungen nun durch Biografie. Der Film orientiert sich an ausgewählten Szenen, die für Heises Leben und Werk prägend waren. Erzählt wird wie in Heimat ist ein Raum aus Zeit über Heise-Material – mit Aufnahmen aus Outtakes und Interviews und durch Dokumente. Wie der Stasi-Akte, die Tom Schilling liest (den Heise für seine Theaterarbeiten am Berliner Ensemble in den 1990er Jahren entdeckte), und die in ihrer als unzuverlässige Quelle markierten Behördenhaftigkeit einen Eindruck davon gibt, wie sich aus Sicht des Überwachungsapparats Heises Dissidenz beim Studium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg darstellte. Sieben Personen werden in den Vorgang verwickelt, um Heise auf Linie zu bringen. Ein Vorhaben, das scheitert – Heise verlässt die Filmhochschule auf eigenen Wunsch, statt mit dem Makel des Rausgeworfenen später nicht mehr als Dokumentarist arbeiten zu können.
Gefilmt ist diese Passage als Trambahn-Fahrt zum Fahrerstand hinaus, ein ikonisches Motiv für Heise-Arbeiten (Miguel Hilari hatte auf der Trauerfeier im Arsenal im Sommer 2024 einen Zusammenschnitt vor allem von Auto-Fahrten in Heise-Filmen präsentiert), wie überhaupt der Film, wo er nicht Fotos oder Bewegtbild-Footage zeigt, immer wieder auf den Verkehrsknotenpunkt am S+U‑Bahnhof Schönhauser Allee zurückkommt. Dort ist der titelgebende Übergang die Bewegungsaufforderung, zwischen Hochbahn, ebenerdiger Tram und unterirdischer Stadtbahn zu wechseln.
Ein ungewöhnlich privater Akzent in Übergang, der so in früheren Filmen kaum denkbar gewesen wäre, ist der Bericht von Heises Ex-Freundin Pit vom Beginn der 1980er-Jahre. Die Schauspielerin Lauri Talenti spricht diese Erzählung, die von Verletzungen handelt und von Unfähigkeiten, den eigenen Gefühlen Ausdruck zu geben, was Pit generationell begründet. Der Text ist auch deshalb so berührend, weil er den Autor als Figur des Films nicht schont – und etwas von der Strenge Heises im Zwischenmenschlichen, die zu abgebrochenen Beziehungen und negativen Gefühlen bis heute geführt hat, in das Bild von Thomas Heise hineinzuschreiben.
Es ist eine spannende Frage, was aus Übergang geworden wäre, wenn Heise selbst den Film zu Ende gebracht hätte und nicht seine langjährigen Mitstreiter Peter Badel (Kamera) und Chris Wright (Montage). So verhält sich der Film auf ambivalente Weise zum Werk, ist Anhang, Erklärung und doch auch ein Heise-Film in seinen ästhetischen Entscheidungen. Übergang ist schon deshalb ein treffender Titel, weil er den Weg der auktorialen Bewegung beschreibt (von Heise zu Badel/Wright), den Weg vom Leben aus ihm hinaus.
Nicht zuletzt ist Übergang aber auch eine Gegenwartsdiagnose (Olaf Scholzens “Zeitenwende”), die einerseits Heises tiefen Sinn für frühe Erschütterungen entfaltet (etwa in der heftigen Kritik an Joe Chialo, dem heute schon gewesenen Kultursenator Berlins, in Sachen Unabhängigkeit von Jurys bei der Berlinale 2024, die Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mittlerweile noch unverfrorener hintertreibt). Und die sich andererseits in Heises schon in Heimat ist ein Raum aus Zeit erkennbares Geschichtsbild fügt – einem pessimistischen oder lediglich realistischen Blick auf die misslingenden Versuche von Individuen, in ihrer Zeit politisch zu handeln, was sich in der Konsequenz immer erst mit einigem Abstand erkennen lässt.
Es gehört zur Schönheit von Übergang, dass man in der Ahnung ums Scheitern eines glücklichen Ausgangs der Geschichte, in die Gesichter von Leuten blickt, die in ihrer friedlichen Verschiedenheit beim Umsteigen zwischen S‑, U‑Bahn und Tram doch eigentlich zur Hoffnung berechtigen. | Matthias Dell
ÜBERGANG
Regie: Peter Badel und Chris Wright
Idee: Thomas Heise
Kamera: Anja Simon
Deutschland 2026
ab 19. 11. 2026 im Kino Krokodil
am Freitag, 20.11., 20 Uhr in Anwesenheit der Filmemacher