Frankreich / Deutschland / Lettland 2026. 141 min, russische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Andrey Zvyagintsev
Russland, 2022: Firmenchef Gleb gerät von allen Seiten unter Druck. Einerseits quält ihn der Verdacht, dass seine Frau ihn betrügt, andererseits soll er ein Kontingent der Belegschaft für den Krieg stellen. Er will saubere Hände behalten, doch der Kampf um die Kontrolle droht ihm zu entgleiten.
„Der Krieg ist dabei von Anfang an präsent, auch wenn Zvyagintsev ihn fast nie direkt zeigt. Militärplakate hängen an Hausfassaden, Panzer rollen auf Zügen durch die Stadt, junge Männer verschwinden an die Front. Der Krieg ist wie ein permanentes Hintergrundrauschen, das längst Teil des Alltags geworden ist. Niemand diskutiert darüber wirklich. Niemand scheint überrascht oder empört. Gerade diese Normalisierung macht MINOTAUR unangenehm präzise deutlich. (…) Der titelgebende Mythos bleibt im Hintergrund, zieht sich aber unterschwellig durch den gesamten Film. Wie im antiken Mythos werden auch hier Menschen geopfert, um ein System am Leben zu halten. Die vierzehn Mitarbeiter, die Gleb an die Front schicken soll, sind kein Zufall. Zvyagintsev verbindet diese Opferbereitschaft mit einem Staat, der seine eigenen Bürger verschlingt und gleichzeitig jede Verantwortung von sich weist. Dabei beeindruckt vor allem, wie konsequent MINOTAUR jede Form von Hoffnung verweigert. Der Film glaubt nicht an schnelle Veränderungen oder moralische Erlösung. Stattdessen zeigt er eine Gesellschaft, die sich längst mit ihrer eigenen Kälte arrangiert hat. Das mag streckenweise schwer auszuhalten sein, doch gerade diese Konsequenz macht den Film so kraftvoll. (…) Vor allen Dingen ist er ein Film, der weit über seine konkrete politische Situation hinausreicht. Er erzählt von einer Gesellschaft, in der Menschen ihre Menschlichkeit Stück für Stück gegen Stabilität, Wohlstand und Selbstschutz eingetauscht haben – und erkennt darin eine Tragödie.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
„Ihre ersten beiden Filme waren noch weit von der Politik entfernt. Die folgenden vier, darunter MINOTAURUS, befassen sich dagegen mit der Lage in Russland. Obwohl sie nicht mehr dort leben, kehren sie immer wieder zur Analyse der russischen Gesellschaft zurück. Wie blicken Sie heute auf Russland und die Welt? - Seit LEVIATHAN stehen meine Filme tatsächlich in einem konkreten politischen Kontext. Die Politik ist in unser Leben eingedrungen, und wir können uns ihr nicht mehr entziehen. (…) Die Menschen im heutigen Russland sind apathisch und leben unter dem Joch der Zensur. Sie haben Angst, sind orientierungslos, und die sozialen Netzwerke funktionieren immer schlechter. Der Kampf gegen den Fortschritt läuft ebenso auf Hochtouren wie die Propagandamaschinerie. Alle versuchen, die Augen zu verschließen. Denn mit jedem Tag stehen sie tiefer in der Schuld der Wahrheit, und es wird immer beängstigender, ihr ins Auge zu sehen – Russland wirkt inzwischen wie ein Ungeheuer. Die europäische Zivilisation ruht auf drei Säulen: der Vernunft, dem Logos der alten Griechen; der Gerechtigkeit, dem römischen Recht; und der christlichen Nächstenliebe. Wenn sich unsere Vorstellungen von Vernunft und Gerechtigkeit vor unseren Augen verändern und neue Regeln uns geradewegs in den Zusammenbruch führen, müssen wir uns auf Nächstenliebe besinnen. (…)
Da Dreharbeiten in Russland nicht infrage kamen: Warum fiel Ihre Wahl auf Lettland? - Ich wusste, dass sich die russische Vergangenheit in Lettland noch an der Architektur ablesen lässt. Die sowjetischen Großwohnsiedlungen Rigas gleichen denen in den Vororten russischer Städte. Die Rigaer Altstadt hingegen sieht aus wie jede andere europäische Stadt und kann deshalb nicht als Russland dienen. Eine der zentralen Sequenzen des Films spielt jedoch in der Wohnung des Fotografen Anton, im siebten Stock eines Wohnblocks. Ich war sicher, dass wir einen solchen Ort in Riga finden würden. Außerdem brauchten wir außerhalb der Stadt ein Haus für das Ehepaar. Die Villen rund um Riga besitzen allerdings eine ganz eigene architektonische Färbung und unterscheiden sich etwas von denen im Moskauer Umland. Doch wir hatten Glück: Nicht weit von Riga fanden wir ein ebenerdiges Haus in europäischer Bauweise, wie es auch in der Umgebung russischer Städte stehen könnte. Die Handlung ist in einer mittelgroßen russischen Provinzstadt angesiedelt, für die wir sogar einen Namen erfunden haben: Krasnoborsk. Die benötigten Innenräume fanden wir in Riga ohne Schwierigkeiten. (…) Die Außenaufnahmen entstanden also in einer Rigaer Großwohnsiedlung; die Wohnung selbst war ein eigens errichteter Studiobau.
Konnten Sie für diesen Film wieder mit Ihrer gewohnten Crew arbeiten? - Ja, zum Glück. Obwohl wir heute über die ganze Welt verstreut leben, konnten wir fast alle wieder zusammenbringen. Andrey Dergachev etwa, der seit DIE VERBANNUNG bei all meinen Filmen für den Ton verantwortlich ist, lebt in Kanada. Andrey Ponkratov, seit DIE VERBANNUNG mein Szenenbildner, und Masha Slavina, die bereits am Szenenbild von LOVELESS mitgewirkt hatte, leben in den Vereinigten Staaten. Mikhail Krichman, der Kameramann all meiner Filme, lebt in London. Auch mein Koautor Simon Lyashenko wohnt nicht mehr in Russland. Ich selbst bin in Frankreich, ebenso wie mein Komponist Evgueni Galperine. Mit ihm hatte ich bereits bei LOVELESS gearbeitet, und sein Talent hat mich sehr beeindruckt. Für diesen Film wollte ich nur sehr wenig Musik, eigentlich fast gar keine. Es gibt eine beinahe zwanzigminütige Szene ohne Dialog. Natürlich hätte ich versucht sein können, dort Musik einzusetzen. Doch ich nahm mir vor, dieser Versuchung nicht nachzugeben. Und es ist mir durchaus gelungen – auch wenn darüber letztlich das Publikum entscheidet. Unverzichtbar erschienen mir nur die Musik im Vorspann und jene, die die letzten Bilder begleitet.“ (Gespräch mit Andrey Zvyagintsev, Presseheft MUBI)