Ein Anlass zum Sprechen

Termine

BRD 1966, 107 min, deut­sche Fassung

Regie: Haro Senft

Prag, Mit­te der 1960er Jah­re: In den Kor­ri­do­ren, Schnitt- und Pro­be­räu­men der Film­fa­kul­tät der Aka­de­mie der musi­schen Küns­te (FAMU) for­miert sich eine Genera­ti­on, die gera­de dabei ist, das inter­na­tio­na­le Kino zu erobern. Haro Senft, sei­ner­seits Mit­un­ter­zeich­ner des Ober­hau­se­ner Mani­fests und so auch einer der ehr­gei­zi­gen Erneue­rer des deut­schen Films, reis­te 1965 nach Prag und dreh­te dort einen Doku­men­tar­film über die­se außer­ge­wöhn­li­che Insti­tu­ti­on – und über den Geist, der dar­in herrschte.

Her­aus kam ein bered­tes zeit­his­to­ri­sches Doku­ment. Senft ließ Stu­die­ren­de und Leh­ren­de zu Wort kom­men, beob­ach­te­te Auf­nah­me­prü­fun­gen, Dreh­ar­bei­ten und Dis­kus­sio­nen: Miloš For­man spricht über das Ver­hält­nis von Kino und Wirk­lich­keit, Věra Chyti­l­o­vá über Eigen­stän­dig­keit und Risi­ko, Jiří Men­zel über die Schu­le als Frei­raum. Václav Havel, noch vor sei­nem welt­po­li­ti­schen Ruhm, ist eben­so zu sehen wie zahl­rei­che wei­te­re Prot­ago­nis­tin­nen und Prot­ago­nis­ten der Tsche­cho­slo­wa­ki­schen Neu­en Welle.

Ein Anlass zum Spre­chen wirkt wie eine Zeit­kap­sel, in der ein Moment der euro­päi­schen Zeit‑, Kul­tur- und Film­ge­schich­te kon­ser­viert ist, da viel Zukunft in der Luft lag – kurz vor dem Pra­ger Früh­ling und dem dar­auf­fol­gen­den Ein­marsch der Trup­pen des War­schau­er Pakts, der die­ser Zukunft ein abrup­tes und bru­ta­les Ende setz­te. (Ralph Eue)