THE COM­MIS­SAR // DIE KOMMISSARIN

JFBB Sek­ti­on: BRUCH ODER KON­TI­NUI­TÄT? “ANTI­ZIO­NIS­MUS” UND ANTI­SE­MI­TIS­MUS IM SOZIA­LIS­MUS UND DANACH

THE COM­MIS­SAR // DIE KOM­MIS­SA­RIN
Alek­san­dr Askold­ov, SU 1967, 35mm, 110 min, Spiel­film, DF
Sprach­fas­sung: Deutsch

1920 wäh­rend des rus­si­schen Bür­ger­kriegs: Klaw­dia Wawi­lo­wa, Polit­kom­mis­sa­rin der Roten Armee, kämpft an vor­ders­ter Front. Sie ist här­ter als die meis­ten – und hoch­schwan­ger, beim Rück­zug wird sie kur­zer­hand bei einer jüdi­schen Fami­lie zurück­ge­las­sen. Ein Kult-Klas­si­ker mit jüdi­scher Prot­ago­nis­tin – und 20 Jah­re im Gift­schrank der Sowjetunion.

Als DIE KOM­MIS­SA­RIN 1967 fer­tig­ge­stellt wur­de, wur­de er sofort als ´anti­so­wje­tisch‘ ver­bo­ten. Erst 1987 kam es zur öffent­li­chen Auf­füh­rung bei den Mos­kau­er Film­fest­spie­len. Sei­ne inter­na­tio­na­le Erst­auf­füh­rung fei­er­te der Film bei der Ber­li­na­le 1988, wo er den „Sil­ber­nen Bären“ (Spe­zi­al­preis der Jury) gewann.
„Spä­ter Tri­umph“ beti­tel­te der Spie­gel den lan­ge von der Zen­sur zurück­ge­hal­te­nen Ber­li­na­le Film, der scho­nungs­los die Aus­ma­ße des sowje­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus auf­zeig­te und die dar­aus resul­tie­ren­den Lebens­be­din­gun­gen von Juden und Jüdinnen:

„Die Wawi­lo­wa wird Zeu­gin der töd­li­chen Gefahr, in der die jüdi­sche Fami­lie ange­sichts des mör­de­ri­schen Anti­se­mi­tis­mus in der Ukrai­ne schwebt. Askold­ow kommt ohne die natu­ra­lis­ti­sche Schil­de­rung von Greu­eln aus, er ver­fügt über stär­ke­re Mit­tel. In Bil­dern, die man nicht ver­gißt, zeigt die Kame­ra Maga­sa­niks Kin­der beim Pogrom­spiel: Ein Opfer wird bestimmt, von den Geschwis­tern in nai­ver Grau­sam­keit gequält und als »dre­cki­ger Jude« beschimpft.“ (Quel­le: https://www.spiegel.de/kultur/spaeter-triumph-a-d977129b-0002–0001-0000–000013532128?context=issue text: Der Spie­gel 44/1988)

Schau­platz und his­to­ri­scher Kon­text von DIE KOM­MIS­SA­RIN ist der rus­si­sche Bür­ger­krieg von 1917/18 bis 1922, an des­sen Anfang der Rück­tritt des Zaren und das Ende des Zaren­rei­ches stand, an sei­nem Ende die Grün­dung der Sowjet­uni­on. Aus dem chao­ti­schen und von einer Viel­zahl von Akteu­ren gepräg­ten Kon­flikt – u.a. die im Film auf­tre­ten­de rote und wei­ße Armee – ging eine ter­ri­to­ria­le Neu­ord­nung her­vor, die bis heu­te das Macht­ge­fü­ge der Regi­on bestimmt. Die im Film dar­ge­stell­ten his­to­ri­schen Staa­ten (Russ­land, Ukrai­ne, etc.) sind jedoch nicht mit den gleich­na­mi­gen zeit­ge­nös­si­schen Staa­ten gleichzusetzen.

Text: Char­lot­te Kühn