Japan 2025, 174 min, japanische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Sang-il Lee
Nagasaki, 1964 – Nach dem Tod seines Vaters, dem Anführer einer Yakuza-Bande, wird der 14-jährige Kikuo von einem berühmten Kabuki-Schauspieler unter seine Fittiche genommen. Zusammen mit dem einzigen Sohn des Schauspielers, Shunsuke, beschließt er, sich dieser traditionellen Theaterform zu widmen. Über Jahrzehnte hinweg wachsen und entwickeln sich die beiden jungen Männer gemeinsam weiter. Von der Schauspielschule bis zu den größten Bühnen, inmitten von Skandalen und Ruhm, Brüderlichkeit und Verrat… Jedoch kann nur einer von ihnen zum größten Meister der Kabuki-Kunst werden.
Das historische Drama, das als erster japanischer Film eine Oscar®-Nominierung in der Kategorie „Bestes Make-up und Hairstyling“ erhalten hat, ist ein mehrere Jahrzehnte umfassendes epochales Meisterwerk. Mitreißend, bildgewaltig und zugleich sinnlich erzählt der Film die Geschichte zweier Ausnahmekünstler, die sich ab Mitte der sechziger Jahre in der traditionellen Theaterform Kabuki behaupten wollen und dabei unerwartete Hürden überwinden müssen. Nur einer von ihnen wird zum größten Meister seiner Kunst mit dem Ehrentitel „Kokuhō“ (Nationalschatz).
„Der Film über die ineinander verflochtenen Karrieren zweier Kabuki-Schauspieler avancierte am japanischen Box Office zum Dauerbrenner und ist inzwischen der erfolgreichste einheimische Realfilm aller Zeiten. (…) Umso erstaunlicher ist das, als KOKUHO – THE MASTER OF KABUKI kein bisschen den Versuch unternimmt, die mehrere Jahrhunderte alte Kunst mit modernen Sehgewohnheiten zu vermitteln. Lee Sang-il hat gerade keine hippe neue Sonezaki-Adaption, zum Beispiel in Manga-Optik, gedreht, sondern ein elegantes, episches Charakterdrama, in dem sich die Geschichte von Tokubei und Ohatsu auf komplexe Weise in den Lebensläufen zweier Schauspieler bricht: Über mehrere Jahrzehnte hinweg stehen Kikuo und Shunsuke gemeinsam auf der Bühne, mal spielt Kikuo Tokubei und Shunsuke Ohatsu und mal andersrum. Der gemeinsame Liebestod ist für die beiden keine Option, und doch geraten sie immer mehr in den Bann der berühmten Rollen, die sie verkörpern.
Gleichzeitig ist der Film, der auf einem Roman Shuichi Yoshidas basiert, eine filmische Verbeugung vor der Kunst des Kabuki selbst. Geduldig und mit viel Liebe für szenische und gestische Details, aber auch mit einem Auge für die Sorgfalt, die in das exaltierte Kabuki-Makeup einfließt, stellt Lee Sang-il eine ganze Reihe von Kabuki-Performances und auch – teils knochenharte – Proben nach. Zum Selbstzweck verkommen solche Passagen freilich nie, vielmehr gelingt es dem Regisseur immer wieder, durch geschickte Parallelmontagen das Bühnengeschehen mit der Erzählgegenwart um Kikuo und Shunsuke zu verknüpfen. Insofern ist KOKUHO – THE MASTER OF KABUKI der Idealfall einer Begegnung zweier Künste, die sich nicht gegenseitig erdrücken, sondern einander in respektvoller Manier zur Geltung bringen. Kino und Kabuki verbinden sich in Lee Sang-ils Film zu etwas Eigenem, Drittem. Dass das Ergebnis auch noch ein großes Publikum begeistert, ist ein kleines Wunder.“ (Lukas Förster, Trigon Magazin, 18.12.2025)