Silent Flood (Тиха повінь)

Deutsch­land / Ukrai­ne 2025, 93 min, ukrai­ni­sche Ori­gi­nal­fas­sung mit deut­schen UT

Regie: Dmy­t­ro Sukho­lyt­kyy Sobchuk

SILENT FLOOD von Dmy­t­ro Sukho­lyt­kyy Sob­chuk, aus­ge­zeich­net für die bes­te Kame­ra auf der IDFA Amsterdam. 

Seit dem Beginn des rus­si­schen Angriffs­krie­ges gegen die Ukrai­ne bestim­men Krieg, Zer­stö­rung und Leid die Nach­rich­ten und Bil­der, die aus der Ukrai­ne zu uns kom­men. Dage­gen liegt in dem poe­ti­schen Doku­men­tar­film des ukrai­ni­schen Regis­seurs Dmy­t­ro Sukho­lyt­kyy-Sob­chuk eine gera­de­zu medi­ta­ti­ve Ruhe über den Bil­dern aus dem Wes­ten der Ukrai­ne. Dort hat er den All­tag einer pazi­fis­ti­schen reli­giö­sen Gemein­schaft beob­ach­tet, die ein ein­fa­ches Leben abseits der moder­nen Zivi­li­sa­ti­on führt. Und doch gibt es auch am Fluss Dnjes­tr zwei mäch­ti­ge Kräf­te, die die länd­li­che Sze­ne­rie immer wie­der bedrohen.

„Der Regis­seur, der die Hoch­schu­le für Thea­ter, Film und Fern­se­hen in Kiew absol­viert hat, setzt in sei­nem zwei­ten lan­gen Film nach dem Spiel­film­de­büt PAM­FIR (2022) pas­send zum The­ma auf einen sti­lis­ti­schen Mini­ma­lis­mus: sta­ti­sche Kame­ra, lan­ge Ein­stel­lun­gen, kei­ne Musik, kein all­wis­sen­der Erzäh­ler. In der ers­ten Film­hälf­te kom­men nur Men­schen zu Wort, die wir nicht sehen. Erst dann wird eine Fami­lie beim Abend­essen im Ker­zen­licht gezeigt, bei dem die Eltern mit ihren Kin­dern spre­chen. Aus­führ­li­che Dia­lo­ge gibt es spä­ter nur in einer Armee­un­ter­kunft, in der sich Sol­da­ten zum Weih­nachts­es­sen zusam­men­set­zen, die lecke­ren Spei­sen genie­ßen und sich dabei auch über die ‚Müt­zen­trä­ger‘ aus­tau­schen. Denn das Brot, das sie dabei essen, stammt wie ande­re Lebens­mit­tel von der reli­giö­sen Gemein­schaft. Wir sehen, wie ihre Mit­glie­der Getrei­de ern­ten, mit Pfer­de­kraft die Kör­ner mah­len, den Teig kne­ten, Brot backen. Die Nah­rungs­mit­tel wer­den zu einer Sam­mel­stel­le gebracht, von wo sie ein Auto­kon­voi 1.300 Kilo­me­ter weit an die Front im Osten fährt. Es ist eine stil­le, aber wir­kungs­vol­le Ges­te der Soli­da­ri­tät. Wenn die Kame­ra spä­ter unter­wegs über zer­stör­te Sied­lun­gen und Brü­cken schwenkt, springt der Kon­trast zur schein­bar unbe­rühr­ten Natur am Dnjepr gera­de­zu ins Auge.“ (Rein­hard Kle­ber, kino​-zeit​.de)

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REGIE­STATE­MENT
Ich war schon immer fas­zi­niert von den unsicht­ba­ren, fast ungreif­ba­ren
Ver­bin­dun­gen zwi­schen einem Men­schen – oder sogar einer Grup­pe von Men­schen
- und ihrer Inter­ak­ti­on mit der Umwelt. Ich füh­le mich von Natur aus zu
abge­schlos­se­nen, abge­le­ge­nen Orten hin­ge­zo­gen, und genau dort tref­fe ich oft
Men­schen, denen ich näher­kom­men möch­te. Als ob sie etwas besit­zen, was ich
nicht habe. Genau das ist in mei­nen bei­den vor­he­ri­gen Fil­men pas­siert.
Silent Flood ist eine fres­ken­ar­ti­ge Beob­ach­tung der zykli­schen Wie­der­ho­lung von
Krie­gen, die an die Flu­ten erin­nern, die uns immer wie­der über­rol­len.
Im Mit­tel­punkt der Geschich­te steht die Sied­lung einer reli­giö­sen Gemein­schaft an
der Gren­ze zwi­schen den Regio­nen Tern­o­pil und Iva­no-Fran­kivsk. Ich ken­ne die­sen
Ort schon seit lan­gem – seit 2005.
Lan­ge Zeit war Raf­ting (Fluss­ex­pe­di­tio­nen) mein Hob­by und ich habe sogar eine
Instruk­tor Lizenz erwor­ben. Es ist eine fas­zi­nie­ren­de Form der Erho­lung und der
Ver­bun­den­heit mit der Natur – man muss ler­nen, das Was­ser zu „lesen“, zu
erken­nen, wie sich das Fluss­bett ver­än­dert, um den Fluss wirk­lich zu ver­ste­hen. In
die­ser Zeit habe ich die­ses selt­sa­me, ver­steck­te Dorf zum ers­ten Mal ent­deckt.
Jedes Mal, wenn wir mit unse­ren Rafts oder Kata­ma­ra­nen dar­an vor­bei­ka­men,
hiel­ten wir dort an. Ich erin­ne­re mich noch leb­haft an die­sen Tag – es fühl­te sich an,
als wür­de ich in mei­ne Kind­heit zurück­keh­ren.
Ich ver­brach­te mei­ne frü­hen Jah­re in einem Dorf, und mei­ne Kind­heit ende­te abrupt,
als mei­ne Groß­el­tern star­ben. Danach gab es kei­nen Grund mehr, zurück­zu­keh­ren,
aber ein Gefühl blieb – als ob die Zeit dort ste­hen geblie­ben wäre und dar­auf
war­te­te, dass ich von drau­ßen nach Hau­se kam, wo ich gespielt hat­te.
In die­ser Gemein­de gibt es ein Fluss­ufer zwi­schen zwei Dör­fern, an dem Boo­te
lie­gen – ein Ort, an dem Kin­der immer spie­len und auf jeman­den war­ten, der
zurück­kommt. Es hat eine magne­ti­sche Anzie­hungs­kraft, ein Gefühl, das ich nicht
abschüt­teln kann. Wäh­rend unse­rer mehr­tä­gi­gen Fluss­fahr­ten hat­ten wir nie Angst,
unse­re Sachen am Ufer zurück­zu­las­sen. Die Ein­hei­mi­schen hie­ßen uns herz­lich
will­kom­men und sag­ten: „Wir haben hier kei­ne Die­be.“ Ihre Auf­rich­tig­keit war
ent­waff­nend. Ich kam mehr­mals als Tou­rist dort­hin zurück.
Was mich am meis­ten fas­zi­nier­te, war, wie die­se Men­schen in Har­mo­nie mit der
Natur leben, aber den­noch den Lau­nen des Dnjes­tr aus­ge­lie­fert sind. Die Gemein­de
führt ein abge­schie­de­nes Leben, geschützt vor der Außen­welt – aber sowohl
Über­schwem­mun­gen als auch Krieg sind Kräf­te, die zu mäch­tig sind, um sie
fern­zu­hal­ten.