THE BIG CHIEF

Tomasz Wol­ski, PL/NL/FR 2025, 87 min, Doku­men­tar­film, Omd+eU
Ori­gi­nal­spra­che:  Pol­nisch, Eng­lisch, Französisch

Sek­ti­on Wett­be­werb Dokumentarfilm

Plötz­lich auf der fal­schen Sei­te der Geschich­te: Leo­pold Trep­per, Mit­be­grün­der des euro­pa­wei­ten kom­mu­nis­ti­schen Anti-Nazi-Wider­stands- und Spio­na­ge-Netz­werks „Die Rote Kapel­le“, agier­te wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs von Frank­reich aus. Ende der 1960er-Jah­re wur­de er im sozia­lis­ti­schen Polen im Haus­ar­rest fest­ge­setzt. Fes­seln­de Zwischen-den-Stühlen-Biografie.

Der fran­zö­si­scher Jour­na­list Jean-Pierre Elka­bach inter­view­te den cha­ris­ma­ti­schen jüdisch-kom­mu­nis­ti­schen Polit-Akti­vis­ten und Agen­ten Anfang der 1970er-Jah­re, das Mate­ri­al wur­de an der Gren­ze beschlag­nahmt und tauch­te vor kur­zem in einem pol­ni­schen Archiv wie­der auf. Anlass, um über die Lebens­ge­schich­te Trep­pers zu reflek­tie­ren, der Zeit sei­nes Lebens unter extre­men poli­ti­schen Druck geriet: als Kom­mu­nist im bri­ti­schen Man­dats­ge­biet Paläs­ti­na, nach sei­ner Flucht nach Mos­kau unter Sta­lin, als Spi­on in Bel­gi­en und Frank­reich, spä­ter erneut in der Sowjet­uni­on, weil das Regime Angst hat­te, er wür­de Details dar­über Preis geben, dass sei­ne War­nun­gen vor der „Akti­on Bar­ba­ros­sa“ 1941 von Sta­lin igno­riert wur­den, und schließ­lich 1968 in Polen. Tomasz Wol­ski mon­tiert die Inter­view- und Archiv­auf­nah­men zu einem span­nen­den Geschichts­por­trait, in dem die Gren­zen zwi­schen rich­tig und falsch ver­schwim­men. Dabei bringt er den Fall Trep­per, der nach Kriegs­en­de eine Zeit lang Vor­sit­zen­der der Sozi­al-Kul­tu­rel­len Gesell­schaft der Juden in Polen war, kon­se­quen­ter­wei­se mit der anti­se­mi­ti­schen Kam­pa­gne der Regie­rung Gomul­ka nach dem Sechs­ta­ge­krieg zusam­men, die 1968 zur erzwun­ge­nen Aus­rei­se von 20.000 Juden aus Polen führ­te. 1972 erwirk­te ein inter­na­tio­na­les Unter­stüt­zer­ko­mi­tee die Aus­rei­se Treppers.

Der Regis­seur über sei­nen Film: „THE BIG CHIEF ist eine fes­seln­de Erzäh­lung, die sich mit der tur­bu­len­ten und kom­ple­xen Epo­che befasst, in der unse­re Eltern und Groß­el­tern leb­ten. Der Film zeich­net ein leben­di­ges Por­trät eines Man­nes, der inmit­ten von Wid­rig­kei­ten steht und gezwun­gen ist, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, die aus heu­ti­ger Sicht nicht ein­fach zu beur­tei­len sind. Dem Publi­kum wird eine his­to­ri­sche Figur prä­sen­tiert, die nicht dem Bild eines kon­ven­tio­nel­len, gerad­li­ni­gen Hel­den ent­spricht (sofern es eine sol­che Figur über­haupt gibt), ein Mann, der von Rät­seln umge­ben ist, sei­ne Geheim­nis­se hütet und viel­leicht sogar aktiv dar­an arbei­tet, die Mys­te­ri­en um sei­ne Per­son zu pfle­gen. Die Ereig­nis­se der 1970er-Jah­re sind einer­seits ein kla­rer Aus­druck mensch­li­cher Bos­haf­tig­keit (Anti­se­mi­tis­mus) und ande­rer­seits ein außer­ge­wöhn­li­cher Beweis der Soli­da­ri­tät (das Komi­tee für die Frei­las­sung von Trep­per). [….]
In mei­nem Bestre­ben, eine mög­lichst fil­mi­sche, dra­ma­tisch gela­de­ne Erzäh­lung zu schaf­fen, habe ich auf eine Voice-over-Erzäh­lun­gen ver­zich­tet. Aller­dings möch­te ich den Zuschau­er durch die Art und Wei­se, wie ich den Film geschnit­ten habe, durch bedeu­ten­de his­to­ri­sche Ereig­nis­se füh­ren. Auf mög­lichst zugäng­li­che und den­noch fil­mi­sche Wei­se bie­te ich Kon­text, falls dem Zuschau­er das not­wen­di­ge his­to­ri­sche Wis­sen fehlt. Sze­nen his­to­ri­scher Ereig­nis­se sind mit ihrer eige­nen Span­nung und emo­tio­na­len Dra­ma­tik geschnit­ten. Sie sol­len die Atmo­sphä­re und Rea­li­tät die­ser zutiefst tur­bu­len­ten Zei­ten ver­mit­teln und uns gele­gent­lich an ihre Bru­ta­li­tät erin­nern. All dies dient dazu, die har­te Rea­li­tät und die Gefah­ren zu zei­gen, denen Trep­per direkt gegenüberstand.“

Text: Bernd Buder