Bulgarien / Deutschland 2024, 95 min, bulgarische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Eliza Petkova
Tonka, Arkan, Valya, Marga und Doncho sind ein Pferd, ein Hund, eine Ziege, eine Katze und ein Esel, aus deren Perspektive wir das Leben in dem Bergdorf Pirin beobachten. Das isolierte Dorf, in dem Menschen und Tiere in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander leben, verschwindet allmählich und mit ihm auch die jahrhundertealten Traditionen.
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„Faszinierend und mysteriös ist der Aberglaube der Dorfbewohner:innen, ihre Zuneigung gegenüber den Tieren kontrastiert mit der nüchternen Art, in der sie sie behandeln. Mit viel Liebe zum Detail und für ihre vierbeinigen Protagonist:innen gelingt es Eliza Petkova, Tiere darzustellen, ohne ihnen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben.“ (cointernational.de)
„Mystisch beginnt Eliza Petkovas Dokumentarfilm über das abgeschiedene bulgarische Dorf Pirin. Wir sehen sich dunkel kräuselndes Fell, hören Trommeln schlagen. Dann ein Eselsauge, eine Hundeschnauze, die aufgeblähten Nüstern eines Pferdes, ein Ziegenmaul, Katzenohren, der klagende Gesang alter Frauen. Alt sind hier alle im Dorf. Das Verhältnis zu den Tieren ist ein symbolisches und ein existenzielles. Sie sind stumme Beobachter und Akteure zugleich: die Katze, die durch ein geöffnetes Fenster und über einen Leichnam springt und dafür zum Vampir erklärt wird, ein verhexter Esel, eine treue Hündin, das mit Holz beladene Pferd. Die Tiere finden ihren Platz in der abergläubischen Alltagsbewältigung, helfen den Alten bei der Arbeit, sind Gesellschaft oder Nahrungsquelle.
STILLE BEOBACHTER ist kein naturalistischer Dokumentarfilm. Petkovas eindrucksvolle Aufnahmen des Dorflebens sind inspiriert von wahren Geschichten, wie es im Abspann heißt. Für die starken Bilder und die behutsame Erzählung wurde der Film u.a. auf dem DOK.fest in München ausgezeichnet. Türen, Fassaden, Landschaftsbegrenzungen rahmen die Bilder, dazwischen Nahaufnahmen von Insekten, im Wind wehende Leintücher oder ein Regal mit Devotionalien. Die Zuschauenden werden selbst zu stillen Beobachter*innen der Machtverhältnisse von Mensch und (Nutz-)Tier. Die Rufe der Ziege nach dem Zicklein, das der Bauer vom Hof trägt, in ein Schicksal, das weder ihr noch uns bekannt ist. Die Aufmerksamkeit der Schafsherde, wenn sie das Wiegen der Osterlämmer bewacht. Empathisch fängt die Kamera diese Szenen ein, aber ohne anthropomorphisierenden Kitsch. Ein intelligenter, poetischer Blick auf das Zusammenleben und gleichzeitige Entfremdung von Mensch und Tier in einer Welt, in der die Tiere die letzten Begleiter einer aussterbenden Generation sind.“ (Clarissa Lempp, Indiekino Nov/Dez 2025)
Mo. 12.01.
19:00 Uhr
DEFA-Stiftung präsentiert | Die Besteigung des Chimborazo: Rainer Simon zum 85. Geburtstag
– anschließend Filmgespräch mit Rainer Simon | Moderation: Philip Zengel (DEFA-Stiftung)
Südamerika im Jahr 1802. Der 32-jährige Alexander von Humboldt plant eine Expedition auf den über 5.000 Meter hohen Chimborazo. Doch nicht nur der Aufstieg zum Gipfel ist für den Wissenschaftler und seine Gefährten beschwerlich, bereits der Weg zum Fuße des Berges war steinig: Früh träumte Humboldt vom Aufbruch in ein neues Leben, musste sich loslösen vom preußischen Elternhaus und von der vorgezeichneten Beamtenkarriere. Die Maxime seines Lebens: Das scheinbar Unmögliche überwinden.
Von einer kolumbianischen Zeitung erhielt Regisseur Rainer Simon einst den Beinamen „El Subversivo“. In der DDR galt der Filmemacher als unbequem und scheute vor Kritik am System und an Obrigkeiten nicht zurück. Da er seine Empfindungen in DDR-Gegenwartsstoffen nicht verwirklichen durfte und schmerzhafte Erfahrungen mit der Filmzensur machen musste, suchte er nach Möglichkeiten, sich in historischen Stoffen zu verwirklichen. DIE BESTEIGUNG DES CHIMBORAZO (1988/89) ist sein wichtigstes Filmprojekt: „Kein anderer meiner Filme hat mein Leben so sehr beeinflusst und bereichert wie dieser.“ Freundschaften zu den Mitwirkenden in Ecuador dauern bis heute an.
Neben der Botschaft für die Erfüllung der eigenen Träume zu kämpfen und dem Plädoyer für den aufrichtigen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen, bleibt der Film durch die malerischen, dokumentarisch anmutenden Aufnahmen des Kameramanns Roland Dressel in bleibender Erinnerung. Überzeugend zudem: Jan Josef Liefers als Alexander von Humboldt in seinem ersten Kinofilm.
Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Bulgarien / Deutschland 2024, 95 min, bulgarische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Eliza Petkova
Tonka, Arkan, Valya, Marga und Doncho sind ein Pferd, ein Hund, eine Ziege, eine Katze und ein Esel, aus deren Perspektive wir das Leben in dem Bergdorf Pirin beobachten. Das isolierte Dorf, in dem Menschen und Tiere in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander leben, verschwindet allmählich und mit ihm auch die jahrhundertealten Traditionen.
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„Faszinierend und mysteriös ist der Aberglaube der Dorfbewohner:innen, ihre Zuneigung gegenüber den Tieren kontrastiert mit der nüchternen Art, in der sie sie behandeln. Mit viel Liebe zum Detail und für ihre vierbeinigen Protagonist:innen gelingt es Eliza Petkova, Tiere darzustellen, ohne ihnen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben.“ (cointernational.de)
„Mystisch beginnt Eliza Petkovas Dokumentarfilm über das abgeschiedene bulgarische Dorf Pirin. Wir sehen sich dunkel kräuselndes Fell, hören Trommeln schlagen. Dann ein Eselsauge, eine Hundeschnauze, die aufgeblähten Nüstern eines Pferdes, ein Ziegenmaul, Katzenohren, der klagende Gesang alter Frauen. Alt sind hier alle im Dorf. Das Verhältnis zu den Tieren ist ein symbolisches und ein existenzielles. Sie sind stumme Beobachter und Akteure zugleich: die Katze, die durch ein geöffnetes Fenster und über einen Leichnam springt und dafür zum Vampir erklärt wird, ein verhexter Esel, eine treue Hündin, das mit Holz beladene Pferd. Die Tiere finden ihren Platz in der abergläubischen Alltagsbewältigung, helfen den Alten bei der Arbeit, sind Gesellschaft oder Nahrungsquelle.
STILLE BEOBACHTER ist kein naturalistischer Dokumentarfilm. Petkovas eindrucksvolle Aufnahmen des Dorflebens sind inspiriert von wahren Geschichten, wie es im Abspann heißt. Für die starken Bilder und die behutsame Erzählung wurde der Film u.a. auf dem DOK.fest in München ausgezeichnet. Türen, Fassaden, Landschaftsbegrenzungen rahmen die Bilder, dazwischen Nahaufnahmen von Insekten, im Wind wehende Leintücher oder ein Regal mit Devotionalien. Die Zuschauenden werden selbst zu stillen Beobachter*innen der Machtverhältnisse von Mensch und (Nutz-)Tier. Die Rufe der Ziege nach dem Zicklein, das der Bauer vom Hof trägt, in ein Schicksal, das weder ihr noch uns bekannt ist. Die Aufmerksamkeit der Schafsherde, wenn sie das Wiegen der Osterlämmer bewacht. Empathisch fängt die Kamera diese Szenen ein, aber ohne anthropomorphisierenden Kitsch. Ein intelligenter, poetischer Blick auf das Zusammenleben und gleichzeitige Entfremdung von Mensch und Tier in einer Welt, in der die Tiere die letzten Begleiter einer aussterbenden Generation sind.“ (Clarissa Lempp, Indiekino Nov/Dez 2025)
“There is plenty of hope. An infinite amount of hope. But not for us.” Franz Kafka
„Compartment 2, Car 7“ heißt ein Werk des Komponisten Pawel Szymanski. Es trägt, eingewirkt in einen Teppich aus Klängen, realen und elektronisch erzeugten, wesentlich bei zur Wirkung dieses außerordentlichen Films des polnischen Regisseurs Macij J. Drygas. Der Titel indes trügt. Denn in TRAINS (einem Film ohne Worte) geht es nicht allein um Züge. Das ausschließlich aus Archiven stammende Material wird verdichtet zu einer Studie über die Menschheitskatastrophe Krieg. Eisenbahnen sind das Mittel um Soldaten zur Front zu befördern, Juden „auszusiedeln“, Völker zu vertreiben … TRAINS beginnt spektakulär mit Aufnahmen aus einer Werkshalle, wo bei hämmerndem Maschinenlärm Lokomotiven zusammengebaut werden, bis sie endlich losdampfen, bis Räder rollen für den Krieg. Nur kurz sind die friedlichen Zeiten, in denen man einfach reisen konnte, dicht gedrängt oder auch luxuriös im Salonwagen. Klug komponiert sind die Schnitte, wie der Übergang von Charlie Chaplin, eben noch im Film THE IDLE CLASS aus dem Gepäckfach eines Zuges krabbelnd, dann Chaplin 30 Jahre später, von einer jubelnden Menge begrüßt, auf Händen getragen, und schließlich zum großen Diktator himself, Hitler also, 1941 im Führerwagen gen Osten fahrend, blöde lächelnd, zufrieden mit sich und den Volksgenossen, die draußen die Strecke säumen. Jubelnd auch sie, aber irgendwie ähnlich den Granaten, die stramm stehend 1917 zum Schlachtfeld im Westen gekarrt werden, wo in der verwüsteten Landschaft ein Eisenbahngeschütz donnert. Es sind aber die Bilder der Menschen, die im Gedächtnis weiterbohren. Wie die im Tod verzerrten Gesichter der Häftlinge, die aus einem vor dem KZ Dachau steckengebliebenen Güterzug geborgen werden. Oder aus dem Ersten Weltkrieg ein Soldat. Eine Kugel hat ihm Nase Mund und Kinn weggeschossen, eine Gesichtsprothese wird ihm angepasst – eine Maske mit lächelndem Mund. (Elisabeth Bauschmid, Indiekino, Oktober 25)
Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Mi. 14.01.
20:15 Uhr
Im Prinzip Familie
– NEISSE NYSA NISA FILM FESTIVAL Nachspiel in Anwesenheit des Regisseurs Daniel Abma mit anschließendem Filmgespräch | Moderation: Heide Schürmeier
In einem Haus am Ufer eines idyllischen Sees, umgeben von dichten Wäldern, arbeiten drei Erzieher:innen im Schichtdienst in einer Wohngruppe. Die Kinder nennen sie Herr Wagner, Frau Wagner und Herr Gerecke. Kochen, waschen, einkaufen und die Kinder mit dem Kleintransporter zur Schule und Freizeitaktivitäten zu bringen, gehört ebenso zu ihrem Alltag, wie zuhören, trösten, auf dem Sofa kuscheln, Filmabende und Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Die Betreuer:innen wollen keine Ersatzeltern sein, und dennoch zeigen, wie sich ein familiäres Miteinander anfühlen kann.
Alle fünf Kinder, die hier leben, vereint vor allem eines: der Wunsch eines Tages nach Hause zurückzukehren. Dafür setzen sich die Erzieher:innen unermüdlich ein: sie sprechen mit Vormund, Eltern und Jugendamt, dokumentieren, organisieren, setzen gemeinsam Ziele und treffen Verabredungen – und sind nicht selten darüber enttäuscht, dass diese nicht eingehalten werden. Das erinnert an einen Kampf gegen Windmühlen, an den Grenzen eines überforderten Systems.
Was früher das Dorf war, ist heute der komplexe Apparat der Kinder- und Jugendhilfe. Spätestens seit der Pandemie gilt das Berufsfeld als systemrelevant, und dennoch bleibt die besondere wie herausfordernde Arbeit der Fachkräfte, ihr engagierter Einsatz zum Wohl der Kinder, meist unsichtbar. IM PRINZIP FAMILIE gewährt über ein Jahr lang einen intimen Einblick in den Alltag der Kinder- und Jugendhilfe und richtet den Fokus auf die Menschen im Hintergrund, die Tag für Tag daran arbeiten, den Kindern das zu geben, was sie am meisten brauchen: Geborgenheit und jemanden, der auf ihrer Seite steht.
IM PRINZIP FAMILIE erhielt beim 22. NFF eine besondere Erwähnung zum Preis der Jugendjury.
Rumänien, Deutschland, Niederlande 2024, 82 min, rumänische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Lina Vdovîi, Radu Ciorniciuc
Eine junge Journalistin verlässt ihre Heimat Moldawien, um auf Distanz zu ihrem Vater zu gehen, der für Missbrauch und Trauma in ihrem frühen Leben verantwortlich ist. Als sie später zu ihm zurückkehrt, um ihn mit seinem Verhalten zu konfrontieren, stellt sie fest: Auch ihr Vater ist missbraucht worden – von seinem Arbeitgeber in Italien. Die darauffolgenden Recherchen der Journalistin zeigen, wie Verhaltensmuster wie emotionale Erpressung oder häusliche Gewalt oftmals von Generation zu Generation weitergegeben werden.
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„Meine schmerzhafteste Erinnerung aus meiner Kindheit ist die, als mein Vater meine Mutter gegen die Balkontür stieß und schwere Glassplitter auf ihre Schulter fielen und ihren ganzen kleinen Körper mit Blut bedeckten. Ich nahm meine jüngere Schwester an die Hand und wir versteckten uns in unserem Zimmer. Wir hatten Angst, dass er uns mit seinem schwarzen Ledergürtel schlagen würde, wie er es schon so oft getan hatte.
Ich beantwortete seine Anrufe nicht mehr und wir kommunizierten jahrelang nicht miteinander, aber nach einer schmerzhaften Scheidung sagte mir mein Ex-Mann, dass er mich verließ, weil ich gemein, manipulativ, kontrollierend und missbräuchlich war. Nachdem ich meine ganze Kindheit hindurch gebetet hatte, kein Opfer wie meine Mutter zu sein, wurde ich zum Täter, genau wie mein Vater.
TATA ist ein persönlicher Dokumentarfilm über die Konfrontation meiner Familie mit der Gewalt im Gestern und im Heute. Und er erzählt davon, wie mein Vater und ich versuchen, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, der in unserem Haus und unserer Kultur seit Generationen besteht.“
Eine junge Journalistin verlässt ihre Heimat Moldawien, um auf Distanz zu ihrem Vater zu gehen, der für Missbrauch und Trauma in ihrem frühen Leben verantwortlich ist. Als sie später zu ihm zurückkehrt, um ihn mit seinem Verhalten zu konfrontieren, stellt sie fest: Auch ihr Vater ist missbraucht worden – von seinem Arbeitgeber in Italien. Die darauffolgenden Recherchen der Journalistin zeigen, wie Verhaltensmuster wie emotionale Erpressung oder häusliche Gewalt oftmals von Generation zu Generation weitergegeben werden. «Eine berührende, ehrliche aber auch hoffnungsvolle Auseinandersetzung mit den eigenen Familienstrukturen im ländlichen Moldavien. Lina Vdovîi & Radu Ciorniciuc überzeugen nach ACASA, MY HOME auch hier mit tollem Dokfilmhandwerk!» – Anja Fröhner (Filmfest Zürich)
Lina Vdovîi ist eine moldawische Filmemacherin, Drehbuchautorin und preisgekrönte Journalistin. Ihre Artikel wurden in Medien weltweit veröffentlicht, wie dem Guardian und Al Jazeera. Ihr Debütfilm TATA erzählt die Geschichte ihrer eigenen Vater-Tochter Beziehung. Radu Ciorniciuc ist ein rumänischer Filmemacher, Drehbuchautor und preisgekrönter Journalist. Er ist Mitbegründer der ersten unabhängigen Medienorganisation in Rumänien, Casa Jurnalistului.
Frankreich, Deutschland 2025, 117 min, französische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Lucile Hadžihalilović
Kälter als Eis, ihr Kuss durchdringt das Herz… Die 1970er Jahre. Die Ausreißerin Jeanne findet in einem Filmstudio Zuflucht und gerät in den Bann von Cristina, der rätselhaften Hauptdarstellerin des Films „Die Schneekönigin“, der dort gerade gedreht wird. Christina gilt als genial, perfektionistisch und kompliziert, doch überraschend entwickelt sie eine fürsorgliche Zuneigung für Jeanne. Es entsteht eine gegenseitige Faszination zwischen der Schauspielerin und der jungen Frau.
Inspiriert von Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin erzählt die preisgekrönte französische Regisseurin Lucile Hadžihalilović eine hypnotische Coming-of-Age-Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit. Nach INNOCENCE (2004) besetzt Hadžihalilović erneut Frankreichs Superstar Marion Cotillard in einer vielschichtigen Doppelrolle. Die junge Clara Pacini brilliert in ihrer ersten großen Rolle, flankiert von August Diehl als Cristinas rätselhaftem Begleiter. HERZ AUS EIS ist ein poetisches Kinoerlebnis voller betörender Bilder und dunkler Anziehungskraft.
“(Der Film) bietet ein unglaubliches Netztwerk aus Zitaten und Querverweisen. Im Fall von Hadžihalilović sind es neben den Filmen Fassbinders die Melodramen von Michael Powell und Emeric Pressburger, das italienische Kino der 1970er Jahre (…) oder die Filme von Douglas Sirk und Alfred Hitchcock, die in HERZ AUS EIS lustvoll zur schillernden Collage verarbeitet werden. Wobei die Regisseurin sich von ihren Zitatquellen unter anderem die Praxis entleiht, über Dekor und Kostüm das Innenleben der Figuren auszustellen. Getragen wird all das von zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen. Clara Pacini verleiht Jeanne eine fragile Entschlossenheit. Das Mädchen, das weit davon entfernt ist, ein Unschuldslamm zu sein, dabei aber eigentlich nie etwas Böses will, spielt sie beseelt von einer unglaublichen Stärke, durch die immer wieder eine ungebrochene Melancholie durchschimmert, so komplex wie subtil. Während Marion Cotillard das Unmögliche schafft. Ihre Präsenz lässt den Zuschauer erstarren – und die Leinwand schmelzen. Am Ende verhält es sich mit HERZ AUS EIS wie mit dem Kristall, den Jeanne heimlich an sich nimmt: Das Licht, das sich darin in viele kleine Strahlen auffächert, spiegelt die Vielschichtigkeit dieses Films. Seine Schönheit liegt in der Summe seiner gebrochenen, leuchtenden Facetten.” (Ipke Cornils, epd-film.de)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Bulgarien / Deutschland 2024, 95 min, bulgarische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Eliza Petkova
Tonka, Arkan, Valya, Marga und Doncho sind ein Pferd, ein Hund, eine Ziege, eine Katze und ein Esel, aus deren Perspektive wir das Leben in dem Bergdorf Pirin beobachten. Das isolierte Dorf, in dem Menschen und Tiere in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander leben, verschwindet allmählich und mit ihm auch die jahrhundertealten Traditionen.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
„Faszinierend und mysteriös ist der Aberglaube der Dorfbewohner:innen, ihre Zuneigung gegenüber den Tieren kontrastiert mit der nüchternen Art, in der sie sie behandeln. Mit viel Liebe zum Detail und für ihre vierbeinigen Protagonist:innen gelingt es Eliza Petkova, Tiere darzustellen, ohne ihnen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben.“ (cointernational.de)
„Mystisch beginnt Eliza Petkovas Dokumentarfilm über das abgeschiedene bulgarische Dorf Pirin. Wir sehen sich dunkel kräuselndes Fell, hören Trommeln schlagen. Dann ein Eselsauge, eine Hundeschnauze, die aufgeblähten Nüstern eines Pferdes, ein Ziegenmaul, Katzenohren, der klagende Gesang alter Frauen. Alt sind hier alle im Dorf. Das Verhältnis zu den Tieren ist ein symbolisches und ein existenzielles. Sie sind stumme Beobachter und Akteure zugleich: die Katze, die durch ein geöffnetes Fenster und über einen Leichnam springt und dafür zum Vampir erklärt wird, ein verhexter Esel, eine treue Hündin, das mit Holz beladene Pferd. Die Tiere finden ihren Platz in der abergläubischen Alltagsbewältigung, helfen den Alten bei der Arbeit, sind Gesellschaft oder Nahrungsquelle.
STILLE BEOBACHTER ist kein naturalistischer Dokumentarfilm. Petkovas eindrucksvolle Aufnahmen des Dorflebens sind inspiriert von wahren Geschichten, wie es im Abspann heißt. Für die starken Bilder und die behutsame Erzählung wurde der Film u.a. auf dem DOK.fest in München ausgezeichnet. Türen, Fassaden, Landschaftsbegrenzungen rahmen die Bilder, dazwischen Nahaufnahmen von Insekten, im Wind wehende Leintücher oder ein Regal mit Devotionalien. Die Zuschauenden werden selbst zu stillen Beobachter*innen der Machtverhältnisse von Mensch und (Nutz-)Tier. Die Rufe der Ziege nach dem Zicklein, das der Bauer vom Hof trägt, in ein Schicksal, das weder ihr noch uns bekannt ist. Die Aufmerksamkeit der Schafsherde, wenn sie das Wiegen der Osterlämmer bewacht. Empathisch fängt die Kamera diese Szenen ein, aber ohne anthropomorphisierenden Kitsch. Ein intelligenter, poetischer Blick auf das Zusammenleben und gleichzeitige Entfremdung von Mensch und Tier in einer Welt, in der die Tiere die letzten Begleiter einer aussterbenden Generation sind.“ (Clarissa Lempp, Indiekino Nov/Dez 2025)
Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Frankreich, Deutschland 2025, 117 min, französische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Lucile Hadžihalilović
Kälter als Eis, ihr Kuss durchdringt das Herz… Die 1970er Jahre. Die Ausreißerin Jeanne findet in einem Filmstudio Zuflucht und gerät in den Bann von Cristina, der rätselhaften Hauptdarstellerin des Films „Die Schneekönigin“, der dort gerade gedreht wird. Christina gilt als genial, perfektionistisch und kompliziert, doch überraschend entwickelt sie eine fürsorgliche Zuneigung für Jeanne. Es entsteht eine gegenseitige Faszination zwischen der Schauspielerin und der jungen Frau.
Inspiriert von Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin erzählt die preisgekrönte französische Regisseurin Lucile Hadžihalilović eine hypnotische Coming-of-Age-Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit. Nach INNOCENCE (2004) besetzt Hadžihalilović erneut Frankreichs Superstar Marion Cotillard in einer vielschichtigen Doppelrolle. Die junge Clara Pacini brilliert in ihrer ersten großen Rolle, flankiert von August Diehl als Cristinas rätselhaftem Begleiter. HERZ AUS EIS ist ein poetisches Kinoerlebnis voller betörender Bilder und dunkler Anziehungskraft.
“(Der Film) bietet ein unglaubliches Netztwerk aus Zitaten und Querverweisen. Im Fall von Hadžihalilović sind es neben den Filmen Fassbinders die Melodramen von Michael Powell und Emeric Pressburger, das italienische Kino der 1970er Jahre (…) oder die Filme von Douglas Sirk und Alfred Hitchcock, die in HERZ AUS EIS lustvoll zur schillernden Collage verarbeitet werden. Wobei die Regisseurin sich von ihren Zitatquellen unter anderem die Praxis entleiht, über Dekor und Kostüm das Innenleben der Figuren auszustellen. Getragen wird all das von zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen. Clara Pacini verleiht Jeanne eine fragile Entschlossenheit. Das Mädchen, das weit davon entfernt ist, ein Unschuldslamm zu sein, dabei aber eigentlich nie etwas Böses will, spielt sie beseelt von einer unglaublichen Stärke, durch die immer wieder eine ungebrochene Melancholie durchschimmert, so komplex wie subtil. Während Marion Cotillard das Unmögliche schafft. Ihre Präsenz lässt den Zuschauer erstarren – und die Leinwand schmelzen. Am Ende verhält es sich mit HERZ AUS EIS wie mit dem Kristall, den Jeanne heimlich an sich nimmt: Das Licht, das sich darin in viele kleine Strahlen auffächert, spiegelt die Vielschichtigkeit dieses Films. Seine Schönheit liegt in der Summe seiner gebrochenen, leuchtenden Facetten.” (Ipke Cornils, epd-film.de)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Zwei Frauen begegnen sich in Sangerhausen: Ursula, eine Kellnerin mit gebrochenem Herzen und Neda, eine iranische YouTuberin mit gebrochenem Arm. An einem Sommerabend verliebt sich Ursula in eine geheimnisvolle Musikerin aus der Großstadt, während Neda überzeugt ist, in einer ebenso rätselhaften Straßenkehrerin eine alte Freundin aus Teheran wiedererkannt zu haben. Die verschlungenen Wege des Zufalls führen die beiden Frauen zu einer Geisterjagd in den Bergen zusammen…
Im neuen Film von Julian Radlmaier (BLUTSAUGER, SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES) stolpern die Hauptfiguren gemeinsam durch einen Ort der Gegensätze, nehmen es mit den Geistern der Vergangenheit auf und teilen Träume, die älter sind, als sie ahnen. Eine ostdeutsche Kleinstadt wird zum Schauplatz für eine Geschichte über Zusammenhalt und Gemeinschaft, über Deutschland und seineArbeiter*innen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
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Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Frankreich, Deutschland 2025, 117 min, französische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Lucile Hadžihalilović
Kälter als Eis, ihr Kuss durchdringt das Herz… Die 1970er Jahre. Die Ausreißerin Jeanne findet in einem Filmstudio Zuflucht und gerät in den Bann von Cristina, der rätselhaften Hauptdarstellerin des Films „Die Schneekönigin“, der dort gerade gedreht wird. Christina gilt als genial, perfektionistisch und kompliziert, doch überraschend entwickelt sie eine fürsorgliche Zuneigung für Jeanne. Es entsteht eine gegenseitige Faszination zwischen der Schauspielerin und der jungen Frau.
Inspiriert von Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin erzählt die preisgekrönte französische Regisseurin Lucile Hadžihalilović eine hypnotische Coming-of-Age-Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit. Nach INNOCENCE (2004) besetzt Hadžihalilović erneut Frankreichs Superstar Marion Cotillard in einer vielschichtigen Doppelrolle. Die junge Clara Pacini brilliert in ihrer ersten großen Rolle, flankiert von August Diehl als Cristinas rätselhaftem Begleiter. HERZ AUS EIS ist ein poetisches Kinoerlebnis voller betörender Bilder und dunkler Anziehungskraft.
“(Der Film) bietet ein unglaubliches Netztwerk aus Zitaten und Querverweisen. Im Fall von Hadžihalilović sind es neben den Filmen Fassbinders die Melodramen von Michael Powell und Emeric Pressburger, das italienische Kino der 1970er Jahre (…) oder die Filme von Douglas Sirk und Alfred Hitchcock, die in HERZ AUS EIS lustvoll zur schillernden Collage verarbeitet werden. Wobei die Regisseurin sich von ihren Zitatquellen unter anderem die Praxis entleiht, über Dekor und Kostüm das Innenleben der Figuren auszustellen. Getragen wird all das von zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen. Clara Pacini verleiht Jeanne eine fragile Entschlossenheit. Das Mädchen, das weit davon entfernt ist, ein Unschuldslamm zu sein, dabei aber eigentlich nie etwas Böses will, spielt sie beseelt von einer unglaublichen Stärke, durch die immer wieder eine ungebrochene Melancholie durchschimmert, so komplex wie subtil. Während Marion Cotillard das Unmögliche schafft. Ihre Präsenz lässt den Zuschauer erstarren – und die Leinwand schmelzen. Am Ende verhält es sich mit HERZ AUS EIS wie mit dem Kristall, den Jeanne heimlich an sich nimmt: Das Licht, das sich darin in viele kleine Strahlen auffächert, spiegelt die Vielschichtigkeit dieses Films. Seine Schönheit liegt in der Summe seiner gebrochenen, leuchtenden Facetten.” (Ipke Cornils, epd-film.de)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Zwei Frauen begegnen sich in Sangerhausen: Ursula, eine Kellnerin mit gebrochenem Herzen und Neda, eine iranische YouTuberin mit gebrochenem Arm. An einem Sommerabend verliebt sich Ursula in eine geheimnisvolle Musikerin aus der Großstadt, während Neda überzeugt ist, in einer ebenso rätselhaften Straßenkehrerin eine alte Freundin aus Teheran wiedererkannt zu haben. Die verschlungenen Wege des Zufalls führen die beiden Frauen zu einer Geisterjagd in den Bergen zusammen…
Im neuen Film von Julian Radlmaier (BLUTSAUGER, SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES) stolpern die Hauptfiguren gemeinsam durch einen Ort der Gegensätze, nehmen es mit den Geistern der Vergangenheit auf und teilen Träume, die älter sind, als sie ahnen. Eine ostdeutsche Kleinstadt wird zum Schauplatz für eine Geschichte über Zusammenhalt und Gemeinschaft, über Deutschland und seineArbeiter*innen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
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Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Mo. 19.01.
18:00 Uhr
Узники: Система террора / Gefangene: Das System des Terrors
, OmdU – eine gemeinsame Veranstaltung von KIU – Competence Network Interdisciplinary Ukrainian Studies Frankfurt (Oder)–Berlin) | Zentrum Liberale Moderne | ZOiS Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien | EINTRITT FREI | Anmeldung erforderlich - siehe Link
Der Film dokumentiert das von Russland in den besetzten Gebieten der Ukraine errichtete System aus Entführung, Haft und Folter. Auf Grundlage eindringlicher Zeugenaussagen entführter Zivilist*innen zeigt er, was mit Menschen geschieht, wenn sie in russische Gefangenschaft geraten, wie sie zu überleben versuchen und für ihre Freilassung kämpfen.
Der Film macht sichtbar, dass dieses System des Terrors historisch gewachsen ist und völlig außerhalb eines rechtlichen Rahmens funktioniert. Bis heute befinden sich tausende Menschen in den Foltergefängnissen. Zugleich stellt er die dringende Frage, was internationale Akteur*innen tun müssen, um weitere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern und zivile Geiseln zu befreien.
Dauer: 45 Minuten
Sprache: Russisch und Ukrainisch mit deutschen Untertiteln
Im Anschluss an die Vorführung findet ein Gespräch statt mit:
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Di. 20.01.
19:00 Uhr
Kafkas Der Bau
– eine Veranstaltung des Berliner Film- und Fernsehverbandes | anschließend spricht F.-B. Habel mit Regisseur Jochen Alexander Freydank
Für seinen ersten abendfüllenden Kinofilm übertrug der Berliner Jochen Freydank, der 2009 einen „Oscar“ für seinen Kurzfilm SPIELZEUGLAND gewonnen hatte, einen Stoff von Franz Kafka ins 21. Jahrhundert. In seiner Version ist es kein Tier im Dachsbau, sondern der Büroangestellte Franz, der sich als neuer Mieter in einem festungsartigen Wohnkomplex zurechtfinden muss und mit einer Handkamera seine Umgebung erforscht. Der Film, der durch seine Schauspielerleistungen (allen voran Axel Prahl in einer ungewöhnlichen Rolle) und sein Szenenbild besticht, erhielt zahlreiche Auszeichnungen. (F.-B. Habel)
Zwei Frauen begegnen sich in Sangerhausen: Ursula, eine Kellnerin mit gebrochenem Herzen und Neda, eine iranische YouTuberin mit gebrochenem Arm. An einem Sommerabend verliebt sich Ursula in eine geheimnisvolle Musikerin aus der Großstadt, während Neda überzeugt ist, in einer ebenso rätselhaften Straßenkehrerin eine alte Freundin aus Teheran wiedererkannt zu haben. Die verschlungenen Wege des Zufalls führen die beiden Frauen zu einer Geisterjagd in den Bergen zusammen…
Im neuen Film von Julian Radlmaier (BLUTSAUGER, SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES) stolpern die Hauptfiguren gemeinsam durch einen Ort der Gegensätze, nehmen es mit den Geistern der Vergangenheit auf und teilen Träume, die älter sind, als sie ahnen. Eine ostdeutsche Kleinstadt wird zum Schauplatz für eine Geschichte über Zusammenhalt und Gemeinschaft, über Deutschland und seineArbeiter*innen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
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“There is plenty of hope. An infinite amount of hope. But not for us.” Franz Kafka
„Compartment 2, Car 7“ heißt ein Werk des Komponisten Pawel Szymanski. Es trägt, eingewirkt in einen Teppich aus Klängen, realen und elektronisch erzeugten, wesentlich bei zur Wirkung dieses außerordentlichen Films des polnischen Regisseurs Macij J. Drygas. Der Titel indes trügt. Denn in TRAINS (einem Film ohne Worte) geht es nicht allein um Züge. Das ausschließlich aus Archiven stammende Material wird verdichtet zu einer Studie über die Menschheitskatastrophe Krieg. Eisenbahnen sind das Mittel um Soldaten zur Front zu befördern, Juden „auszusiedeln“, Völker zu vertreiben … TRAINS beginnt spektakulär mit Aufnahmen aus einer Werkshalle, wo bei hämmerndem Maschinenlärm Lokomotiven zusammengebaut werden, bis sie endlich losdampfen, bis Räder rollen für den Krieg. Nur kurz sind die friedlichen Zeiten, in denen man einfach reisen konnte, dicht gedrängt oder auch luxuriös im Salonwagen. Klug komponiert sind die Schnitte, wie der Übergang von Charlie Chaplin, eben noch im Film THE IDLE CLASS aus dem Gepäckfach eines Zuges krabbelnd, dann Chaplin 30 Jahre später, von einer jubelnden Menge begrüßt, auf Händen getragen, und schließlich zum großen Diktator himself, Hitler also, 1941 im Führerwagen gen Osten fahrend, blöde lächelnd, zufrieden mit sich und den Volksgenossen, die draußen die Strecke säumen. Jubelnd auch sie, aber irgendwie ähnlich den Granaten, die stramm stehend 1917 zum Schlachtfeld im Westen gekarrt werden, wo in der verwüsteten Landschaft ein Eisenbahngeschütz donnert. Es sind aber die Bilder der Menschen, die im Gedächtnis weiterbohren. Wie die im Tod verzerrten Gesichter der Häftlinge, die aus einem vor dem KZ Dachau steckengebliebenen Güterzug geborgen werden. Oder aus dem Ersten Weltkrieg ein Soldat. Eine Kugel hat ihm Nase Mund und Kinn weggeschossen, eine Gesichtsprothese wird ihm angepasst – eine Maske mit lächelndem Mund. (Elisabeth Bauschmid, Indiekino, Oktober 25)
Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Polen / Deutschland 2025, 97 min, Polnisch | Englisch | Chinesisch | Arabisch | Romanes mit deutschen + engl. UT
Regie: Arjun Talwar
Eine Straße in der Warschauer Innenstadt ist das Herzstück dieses humorvollen, sehr persönlichen Porträts Polens. Der Filmemacher Arjun Talwar ist vor mehr als zehn Jahren immigriert, hat aber immer noch Schwierigkeiten, in diese Welt zu passen. Die Ulica Wilcza, in der er lebt, macht es ihm nicht gerade leicht. Um seine Integration voranzutreiben und in der Hoffnung, dabei sein eigenes Fremdheitsgefühl zu überwinden, beginnt er, seine Nachbarn zu filmen und seine Beziehungen zu ihnen auf die Probe zu stellen. Mithilfe seiner Freundin Mo, ebenfalls eine migrantische Filmemacherin, entdeckt Arjun verborgene Geheimnisse der Straßen und ihrer Bewohner*innen. Er lernt Menschen kennen, die wie er zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen imaginierter und echter Heimat leben. Wie ein unsichtbares Band verbindet die Straße sie alle und spendet Trost in der Melancholie des Alltags. Entlang dieses kilometerlangen Bandes entsteht ein Bild des modernen Europas, ein Kaleidoskop von Widersprüchen und Ängsten. Einem Land, das oft als homogen, abweisend und politisch rechts wahrgenommen wird, wird hier von einem ausländischen Filmemacher der Spiegel vorgehalten. (Berlinale 2025)
“Dem Filmemacher, der sich trotz langer Anwesenheit in Polen noch immer als ein geduldeter Gast fühlt, öffnen sich Türen und Herzen seiner Nachbarn. Es entblättert sich ein niemals beschönigender, aber doch stets offener Blick auf eine in steter Bewegung befindliche Gesellschaft, von der chinesischen Imbissbuden-Betreiberin über alteingesessene Handwerker bis zur quirligen Roma-Familie. Die abstrakte Vokabel ‘Heimat’ wird zur sinnlichen, stets in Veränderung begriffenen Erfahrung”. (Claus Löser, BLZ 06./07.09.25)
“Von der polnischen Kultur fasziniert, lässt sich Arjun Talwar in Warschau nieder. Zehn Jahre lang lebt er in derselben Straße und beobachtet seine Nachbarn, Postboten, Ladenbesitzer und migrationskritische Demos. Mit seinem ergreifenden Dokumentarfilm LETTERS FROM WOLF STREET wirft Arjun Talwar im Stile Buster Keatons einen wohlwollenden Blick auf sein Leben in Polen.” (Arte)
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Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Polen / Deutschland 2025, 97 min, Polnisch | Englisch | Chinesisch | Arabisch | Romanes mit deutschen + engl. UT
Regie: Arjun Talwar
Eine Straße in der Warschauer Innenstadt ist das Herzstück dieses humorvollen, sehr persönlichen Porträts Polens. Der Filmemacher Arjun Talwar ist vor mehr als zehn Jahren immigriert, hat aber immer noch Schwierigkeiten, in diese Welt zu passen. Die Ulica Wilcza, in der er lebt, macht es ihm nicht gerade leicht. Um seine Integration voranzutreiben und in der Hoffnung, dabei sein eigenes Fremdheitsgefühl zu überwinden, beginnt er, seine Nachbarn zu filmen und seine Beziehungen zu ihnen auf die Probe zu stellen. Mithilfe seiner Freundin Mo, ebenfalls eine migrantische Filmemacherin, entdeckt Arjun verborgene Geheimnisse der Straßen und ihrer Bewohner*innen. Er lernt Menschen kennen, die wie er zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen imaginierter und echter Heimat leben. Wie ein unsichtbares Band verbindet die Straße sie alle und spendet Trost in der Melancholie des Alltags. Entlang dieses kilometerlangen Bandes entsteht ein Bild des modernen Europas, ein Kaleidoskop von Widersprüchen und Ängsten. Einem Land, das oft als homogen, abweisend und politisch rechts wahrgenommen wird, wird hier von einem ausländischen Filmemacher der Spiegel vorgehalten. (Berlinale 2025)
“Dem Filmemacher, der sich trotz langer Anwesenheit in Polen noch immer als ein geduldeter Gast fühlt, öffnen sich Türen und Herzen seiner Nachbarn. Es entblättert sich ein niemals beschönigender, aber doch stets offener Blick auf eine in steter Bewegung befindliche Gesellschaft, von der chinesischen Imbissbuden-Betreiberin über alteingesessene Handwerker bis zur quirligen Roma-Familie. Die abstrakte Vokabel ‘Heimat’ wird zur sinnlichen, stets in Veränderung begriffenen Erfahrung”. (Claus Löser, BLZ 06./07.09.25)
“Von der polnischen Kultur fasziniert, lässt sich Arjun Talwar in Warschau nieder. Zehn Jahre lang lebt er in derselben Straße und beobachtet seine Nachbarn, Postboten, Ladenbesitzer und migrationskritische Demos. Mit seinem ergreifenden Dokumentarfilm LETTERS FROM WOLF STREET wirft Arjun Talwar im Stile Buster Keatons einen wohlwollenden Blick auf sein Leben in Polen.” (Arte)
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Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Sa. 24.01.
19:00 Uhr
Fassaden
– Filmtourstopp in Berlin in Anwesenheit der Regisseurin Alina Cyranek
Hinter den Fassaden von Häusern verbergen sich Machtstrukturen, die Täter begünstigen und Frauen unzureichend schützen. Dieser Film begleitet eine Frau auf ihrem Weg aus einer langjährigen gewalttätigen Beziehung und zeigt, wie Politik und Gesellschaft immer noch zu oft versagen. Der Film gibt einer Überlebenden neuen Raum und eine Stimme, um sich aus der Opferrolle zu befreien und sich ihr Leben zurückzuerobern. Schonungslos und eindringlich dokumentiert er einen Kampf gegen Gewalt – und gegen ein System, das noch eher wegschaut als tatsächlich konkret hilft. (NFF 2025)
„In FASSADEN geht es um Kontraste zwischen Innen und Außen, Privatem und Öffentlichem, Glauben und Fakten, Emotionalität und Objektivität, psychischer und physischer Gewalt. All diese Aspekte sollen nicht bebildern, vielmehr sollen Assoziationsräume entstehen, die mit präzise kadrierten, sachlichen Experteninterviews in Kontrast stehen. Tanz wird als nonverbale Darstellungs- und Ausdrucksform genutzt, um innere Gefühlszustände oder Paardynamiken zu beschreiben. In der ästhetisch-expressiven Inszenierung des Körpers und einer Formung der Bewegung sehe ich Möglichkeiten die eigenen physischen Grenzen, Energien, Gefühle, Gedanken, Vorstellungen, innere Einstellungen und Erinnerungen auszuloten, die ohne Worte in Bewegung „versetzt“ werden können. Die Rolle der Animation – haptische Papierdrucke – spiegelt den mentalen Zustand der Frau wider: manipuliert und surreal.“ (Alina Cyranek)
Zwei Frauen begegnen sich in Sangerhausen: Ursula, eine Kellnerin mit gebrochenem Herzen und Neda, eine iranische YouTuberin mit gebrochenem Arm. An einem Sommerabend verliebt sich Ursula in eine geheimnisvolle Musikerin aus der Großstadt, während Neda überzeugt ist, in einer ebenso rätselhaften Straßenkehrerin eine alte Freundin aus Teheran wiedererkannt zu haben. Die verschlungenen Wege des Zufalls führen die beiden Frauen zu einer Geisterjagd in den Bergen zusammen…
Im neuen Film von Julian Radlmaier (BLUTSAUGER, SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES) stolpern die Hauptfiguren gemeinsam durch einen Ort der Gegensätze, nehmen es mit den Geistern der Vergangenheit auf und teilen Träume, die älter sind, als sie ahnen. Eine ostdeutsche Kleinstadt wird zum Schauplatz für eine Geschichte über Zusammenhalt und Gemeinschaft, über Deutschland und seineArbeiter*innen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
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In einem Haus am Ufer eines idyllischen Sees, umgeben von dichten Wäldern, arbeiten drei Erzieher:innen im Schichtdienst in einer Wohngruppe. Die Kinder nennen sie Herr Wagner, Frau Wagner und Herr Gerecke. Kochen, waschen, einkaufen und die Kinder mit dem Kleintransporter zur Schule und Freizeitaktivitäten zu bringen, gehört ebenso zu ihrem Alltag, wie zuhören, trösten, auf dem Sofa kuscheln, Filmabende und Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Die Betreuer:innen wollen keine Ersatzeltern sein, und dennoch zeigen, wie sich ein familiäres Miteinander anfühlen kann.
Alle fünf Kinder, die hier leben, vereint vor allem eines: der Wunsch eines Tages nach Hause zurückzukehren. Dafür setzen sich die Erzieher:innen unermüdlich ein: sie sprechen mit Vormund, Eltern und Jugendamt, dokumentieren, organisieren, setzen gemeinsam Ziele und treffen Verabredungen – und sind nicht selten darüber enttäuscht, dass diese nicht eingehalten werden. Das erinnert an einen Kampf gegen Windmühlen, an den Grenzen eines überforderten Systems.
Was früher das Dorf war, ist heute der komplexe Apparat der Kinder- und Jugendhilfe. Spätestens seit der Pandemie gilt das Berufsfeld als systemrelevant, und dennoch bleibt die besondere wie herausfordernde Arbeit der Fachkräfte, ihr engagierter Einsatz zum Wohl der Kinder, meist unsichtbar. IM PRINZIP FAMILIE gewährt über ein Jahr lang einen intimen Einblick in den Alltag der Kinder- und Jugendhilfe und richtet den Fokus auf die Menschen im Hintergrund, die Tag für Tag daran arbeiten, den Kindern das zu geben, was sie am meisten brauchen: Geborgenheit und jemanden, der auf ihrer Seite steht.
IM PRINZIP FAMILIE erhielt beim 22. NFF eine besondere Erwähnung zum Preis der Jugendjury.
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Bulgarien / Deutschland 2024, 95 min, bulgarische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Eliza Petkova
Tonka, Arkan, Valya, Marga und Doncho sind ein Pferd, ein Hund, eine Ziege, eine Katze und ein Esel, aus deren Perspektive wir das Leben in dem Bergdorf Pirin beobachten. Das isolierte Dorf, in dem Menschen und Tiere in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander leben, verschwindet allmählich und mit ihm auch die jahrhundertealten Traditionen.
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„Faszinierend und mysteriös ist der Aberglaube der Dorfbewohner:innen, ihre Zuneigung gegenüber den Tieren kontrastiert mit der nüchternen Art, in der sie sie behandeln. Mit viel Liebe zum Detail und für ihre vierbeinigen Protagonist:innen gelingt es Eliza Petkova, Tiere darzustellen, ohne ihnen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben.“ (cointernational.de)
„Mystisch beginnt Eliza Petkovas Dokumentarfilm über das abgeschiedene bulgarische Dorf Pirin. Wir sehen sich dunkel kräuselndes Fell, hören Trommeln schlagen. Dann ein Eselsauge, eine Hundeschnauze, die aufgeblähten Nüstern eines Pferdes, ein Ziegenmaul, Katzenohren, der klagende Gesang alter Frauen. Alt sind hier alle im Dorf. Das Verhältnis zu den Tieren ist ein symbolisches und ein existenzielles. Sie sind stumme Beobachter und Akteure zugleich: die Katze, die durch ein geöffnetes Fenster und über einen Leichnam springt und dafür zum Vampir erklärt wird, ein verhexter Esel, eine treue Hündin, das mit Holz beladene Pferd. Die Tiere finden ihren Platz in der abergläubischen Alltagsbewältigung, helfen den Alten bei der Arbeit, sind Gesellschaft oder Nahrungsquelle.
STILLE BEOBACHTER ist kein naturalistischer Dokumentarfilm. Petkovas eindrucksvolle Aufnahmen des Dorflebens sind inspiriert von wahren Geschichten, wie es im Abspann heißt. Für die starken Bilder und die behutsame Erzählung wurde der Film u.a. auf dem DOK.fest in München ausgezeichnet. Türen, Fassaden, Landschaftsbegrenzungen rahmen die Bilder, dazwischen Nahaufnahmen von Insekten, im Wind wehende Leintücher oder ein Regal mit Devotionalien. Die Zuschauenden werden selbst zu stillen Beobachter*innen der Machtverhältnisse von Mensch und (Nutz-)Tier. Die Rufe der Ziege nach dem Zicklein, das der Bauer vom Hof trägt, in ein Schicksal, das weder ihr noch uns bekannt ist. Die Aufmerksamkeit der Schafsherde, wenn sie das Wiegen der Osterlämmer bewacht. Empathisch fängt die Kamera diese Szenen ein, aber ohne anthropomorphisierenden Kitsch. Ein intelligenter, poetischer Blick auf das Zusammenleben und gleichzeitige Entfremdung von Mensch und Tier in einer Welt, in der die Tiere die letzten Begleiter einer aussterbenden Generation sind.“ (Clarissa Lempp, Indiekino Nov/Dez 2025)
Frankreich, Deutschland 2025, 117 min, französische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Lucile Hadžihalilović
Kälter als Eis, ihr Kuss durchdringt das Herz… Die 1970er Jahre. Die Ausreißerin Jeanne findet in einem Filmstudio Zuflucht und gerät in den Bann von Cristina, der rätselhaften Hauptdarstellerin des Films „Die Schneekönigin“, der dort gerade gedreht wird. Christina gilt als genial, perfektionistisch und kompliziert, doch überraschend entwickelt sie eine fürsorgliche Zuneigung für Jeanne. Es entsteht eine gegenseitige Faszination zwischen der Schauspielerin und der jungen Frau.
Inspiriert von Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin erzählt die preisgekrönte französische Regisseurin Lucile Hadžihalilović eine hypnotische Coming-of-Age-Geschichte zwischen Traum und Wirklichkeit. Nach INNOCENCE (2004) besetzt Hadžihalilović erneut Frankreichs Superstar Marion Cotillard in einer vielschichtigen Doppelrolle. Die junge Clara Pacini brilliert in ihrer ersten großen Rolle, flankiert von August Diehl als Cristinas rätselhaftem Begleiter. HERZ AUS EIS ist ein poetisches Kinoerlebnis voller betörender Bilder und dunkler Anziehungskraft.
“(Der Film) bietet ein unglaubliches Netztwerk aus Zitaten und Querverweisen. Im Fall von Hadžihalilović sind es neben den Filmen Fassbinders die Melodramen von Michael Powell und Emeric Pressburger, das italienische Kino der 1970er Jahre (…) oder die Filme von Douglas Sirk und Alfred Hitchcock, die in HERZ AUS EIS lustvoll zur schillernden Collage verarbeitet werden. Wobei die Regisseurin sich von ihren Zitatquellen unter anderem die Praxis entleiht, über Dekor und Kostüm das Innenleben der Figuren auszustellen. Getragen wird all das von zwei herausragenden Hauptdarstellerinnen. Clara Pacini verleiht Jeanne eine fragile Entschlossenheit. Das Mädchen, das weit davon entfernt ist, ein Unschuldslamm zu sein, dabei aber eigentlich nie etwas Böses will, spielt sie beseelt von einer unglaublichen Stärke, durch die immer wieder eine ungebrochene Melancholie durchschimmert, so komplex wie subtil. Während Marion Cotillard das Unmögliche schafft. Ihre Präsenz lässt den Zuschauer erstarren – und die Leinwand schmelzen. Am Ende verhält es sich mit HERZ AUS EIS wie mit dem Kristall, den Jeanne heimlich an sich nimmt: Das Licht, das sich darin in viele kleine Strahlen auffächert, spiegelt die Vielschichtigkeit dieses Films. Seine Schönheit liegt in der Summe seiner gebrochenen, leuchtenden Facetten.” (Ipke Cornils, epd-film.de)
Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Zwei Frauen begegnen sich in Sangerhausen: Ursula, eine Kellnerin mit gebrochenem Herzen und Neda, eine iranische YouTuberin mit gebrochenem Arm. An einem Sommerabend verliebt sich Ursula in eine geheimnisvolle Musikerin aus der Großstadt, während Neda überzeugt ist, in einer ebenso rätselhaften Straßenkehrerin eine alte Freundin aus Teheran wiedererkannt zu haben. Die verschlungenen Wege des Zufalls führen die beiden Frauen zu einer Geisterjagd in den Bergen zusammen…
Im neuen Film von Julian Radlmaier (BLUTSAUGER, SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES) stolpern die Hauptfiguren gemeinsam durch einen Ort der Gegensätze, nehmen es mit den Geistern der Vergangenheit auf und teilen Träume, die älter sind, als sie ahnen. Eine ostdeutsche Kleinstadt wird zum Schauplatz für eine Geschichte über Zusammenhalt und Gemeinschaft, über Deutschland und seineArbeiter*innen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
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Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Deutschland / Ungarn / Frankreich / Cina 2025, 147 min, Deutsch | tw. Englisch mit deutschen UT
Regie: Ildikó Enyedi
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über hundert Jahren ist er stiller Zeuge – Beobachter leiser, tiefgreifender Veränderungen im Leben dreier Menschen. 2020 wagt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der die kognitive Entwicklung von Babys erforscht, ein ungewöhnliches Experiment mit dem uralten Baum. 1972 erfährt ein junger Student eine innere Wandlung – ausgelöst durch die konzentrierte Beobachtung einer einfachen Geranie. 1908 folgt die erste Studentin der Universität ihrer Leidenschaft für die Fotografie – und entdeckt durch das Objektiv ihrer Kamera die verborgenen Muster des Universums.
Nach dem Goldenen-Bären-Gewinner KÖRPER UND SEELE präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit SILENT FRIEND ein poetisches, sensibles Werk, in dem die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen zum Sinnbild für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit wird. In den stillen Versuchen ihrer Protagonisten, sich mit der Welt, der Natur und mit sich selbst zu verbinden, entfaltet sich eine berührende Geschichte über Zugehörigkeit, Wandel – und die Schönheit der Sehnsucht.
„(…) Die Kamera verweilt auf Details: das Zittern eines Blattes im Wind, die feinen Linien einer Pflanzenstruktur, das changierende Licht zwischen den Jahreszeiten. Es ist ein Kino der Wahrnehmung, das den Zuschauer nicht mit Handlung überfällt, sondern ihn einlädt, langsamer zu werden, genauer hinzusehen. Manche Szenen wirken wie aus einer Naturdokumentation, andere erinnern an testhafte 4K-Bilder, die technische Perfektion mit hypnotischer Ruhe verbinden. Doch in dieser Spannung liegt die Kraft: Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche rückt in den Mittelpunkt. Ein zentrales Motiv des Films ist die Wissenschaft, allerdings nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als Neugier, als kindliche Lust am Entdecken. Der Film feiert die Forschung als eine Art Poesie, die nicht alle Antworten kennt, aber Fragen stellt. Dass eine Pflanze uns letztlich fremd bleibt, dass wir nie wissen werden, ‚wie es ist, ein Baum zu sein‘, wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance. Wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, und genau darin liegt Würde. (…)
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern einen Rückzugsraum geschaffen, in dem Fragen nach Zugehörigkeit, Vergänglichkeit und Verbundenheit leise gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, ist kein Zufall.
Am Ende steht dieser Baum. Verwurzelt in Marburg, größer gemacht durch Spezialeffekte, aber immer doch er selbst. Er überdauert Generationen, Ideen, Ideologien. Während die Figuren kommen und gehen, forschen, lieben, scheitern, wächst er einfach weiter. SILENT FRIEND ist damit mehr als nur ein Film über Natur: Es ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und unsere Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.“ (Mia Pflüger, kino-zeit.de)
Zwei Frauen begegnen sich in Sangerhausen: Ursula, eine Kellnerin mit gebrochenem Herzen und Neda, eine iranische YouTuberin mit gebrochenem Arm. An einem Sommerabend verliebt sich Ursula in eine geheimnisvolle Musikerin aus der Großstadt, während Neda überzeugt ist, in einer ebenso rätselhaften Straßenkehrerin eine alte Freundin aus Teheran wiedererkannt zu haben. Die verschlungenen Wege des Zufalls führen die beiden Frauen zu einer Geisterjagd in den Bergen zusammen…
Im neuen Film von Julian Radlmaier (BLUTSAUGER, SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES) stolpern die Hauptfiguren gemeinsam durch einen Ort der Gegensätze, nehmen es mit den Geistern der Vergangenheit auf und teilen Träume, die älter sind, als sie ahnen. Eine ostdeutsche Kleinstadt wird zum Schauplatz für eine Geschichte über Zusammenhalt und Gemeinschaft, über Deutschland und seineArbeiter*innen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
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Sowjetunion, 1937: Tausende von Briefen von Häftlingen, die vom Regime zu Unrecht beschuldigt wurden, werden in einer Gefängniszelle verbrannt. Einer erreicht trotz aller Widrigkeiten seinen Bestimmungsort, den Schreibtisch des neu ernannten örtlichen Staatsanwalts Alexander Kornjew.
Kornjew setzt alles daran, den Gefangenen, ein Opfer von Agenten der Geheimpolizei NKWD, zu treffen. Der junge Staatsanwalt, ein engagierter Bolschewik mit Integrität, vermutet ein falsches Spiel. Sein Streben nach Gerechtigkeit führt ihn bis zum Büro des Generalstaatsanwalts in Moskau. Im Zeitalter der großen stalinistischen Säuberungen ist dies der Sturz eines Mannes in die Korridore eines totalitären Regimes, das diesen Namen nicht trägt.
Bei dem Historiendrama handelt es sich um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georgi Demidow (1908–1987).
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„Nach dem Besuch bei Stepanow erlebt Kornew das kafkaeske Gefüge der Generalstaatsanwaltschaft, wo er schließlich auf Wyschinksi trifft. Sein Weg zu ihm und zurück erzählt Loznitsa anhand der Bahnfahrten – und er schafft es mit einem mitunter aufreizend langsamen Handlungstempo meisterhaft, ein zentrales Wesensmerkmal der Repression im Totalitarismus herauszuarbeiten: nämlich jenes des Wartens. (…) Das Wartenlassen als Foltermethode bürokratischer Diktaturen ist so intensiv spürbar, als erlitte man es selbst. Auch merkt man dem idealistischen Staatsanwalt bei jedem Gespräch die Angst an, es könne, was er sagt, gegen ihn verwendet werden. Dass er trotzdem nicht sieht, was wir heute wissen – darin liegt die Tragik dieses herausragenden Kammerspiels. Dass es mit russischen Exilschauspielern gedreht wurde und in Russland nicht in die Kinos kommt, spricht Bände.“ (Felix Müller, Berliner Morgenpost 18.12.2025)
„Wie und warum sollten wir uns heute mit dem diktatorischen System des Sowjetkommunismus auseinandersetzen? Diese Frage beantwortet der ukrainische Regisseur Sergeï Loznitsa mit seinem Film Zwei Staatsanwälte, der zunächst auf die Bedrohung durch Russland Bezug zu nehmen scheint, aber darüber hinaus auch auf die zyklisch wiederkehrenden Diktaturbestrebungen aller Art verweist“ (arte.tv)
„Der Film ist trotz der Zeit, in der er spielt, also kein reiner Blick in die Vergangenheit, sondern heutzutage relevanter als es einem lieb wäre. Loznitsa bietet mit seinem Werk keine Lösung oder Hoffnung – stattdessen hat er vielmehr eine eindrückliche Warnung geschaffen.“ (SPOT)
Bulgarien / Deutschland 2024, 95 min, bulgarische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Eliza Petkova
Tonka, Arkan, Valya, Marga und Doncho sind ein Pferd, ein Hund, eine Ziege, eine Katze und ein Esel, aus deren Perspektive wir das Leben in dem Bergdorf Pirin beobachten. Das isolierte Dorf, in dem Menschen und Tiere in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander leben, verschwindet allmählich und mit ihm auch die jahrhundertealten Traditionen.
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„Faszinierend und mysteriös ist der Aberglaube der Dorfbewohner:innen, ihre Zuneigung gegenüber den Tieren kontrastiert mit der nüchternen Art, in der sie sie behandeln. Mit viel Liebe zum Detail und für ihre vierbeinigen Protagonist:innen gelingt es Eliza Petkova, Tiere darzustellen, ohne ihnen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben.“ (cointernational.de)
„Mystisch beginnt Eliza Petkovas Dokumentarfilm über das abgeschiedene bulgarische Dorf Pirin. Wir sehen sich dunkel kräuselndes Fell, hören Trommeln schlagen. Dann ein Eselsauge, eine Hundeschnauze, die aufgeblähten Nüstern eines Pferdes, ein Ziegenmaul, Katzenohren, der klagende Gesang alter Frauen. Alt sind hier alle im Dorf. Das Verhältnis zu den Tieren ist ein symbolisches und ein existenzielles. Sie sind stumme Beobachter und Akteure zugleich: die Katze, die durch ein geöffnetes Fenster und über einen Leichnam springt und dafür zum Vampir erklärt wird, ein verhexter Esel, eine treue Hündin, das mit Holz beladene Pferd. Die Tiere finden ihren Platz in der abergläubischen Alltagsbewältigung, helfen den Alten bei der Arbeit, sind Gesellschaft oder Nahrungsquelle.
STILLE BEOBACHTER ist kein naturalistischer Dokumentarfilm. Petkovas eindrucksvolle Aufnahmen des Dorflebens sind inspiriert von wahren Geschichten, wie es im Abspann heißt. Für die starken Bilder und die behutsame Erzählung wurde der Film u.a. auf dem DOK.fest in München ausgezeichnet. Türen, Fassaden, Landschaftsbegrenzungen rahmen die Bilder, dazwischen Nahaufnahmen von Insekten, im Wind wehende Leintücher oder ein Regal mit Devotionalien. Die Zuschauenden werden selbst zu stillen Beobachter*innen der Machtverhältnisse von Mensch und (Nutz-)Tier. Die Rufe der Ziege nach dem Zicklein, das der Bauer vom Hof trägt, in ein Schicksal, das weder ihr noch uns bekannt ist. Die Aufmerksamkeit der Schafsherde, wenn sie das Wiegen der Osterlämmer bewacht. Empathisch fängt die Kamera diese Szenen ein, aber ohne anthropomorphisierenden Kitsch. Ein intelligenter, poetischer Blick auf das Zusammenleben und gleichzeitige Entfremdung von Mensch und Tier in einer Welt, in der die Tiere die letzten Begleiter einer aussterbenden Generation sind.“ (Clarissa Lempp, Indiekino Nov/Dez 2025)
Slowenien / Italien / Kroatien / Serbien 2025, 89 min, slowenische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Urška Djukić
Die 16-jährige Lucija tritt dem Mädchenchor ihrer katholischen Schule bei. Dort lernt sie die zwei Jahre ältere Ana Maria kennen und schließt Freundschaft mit dem selbstbewussten, beliebten Mädchen. Als der ganze Chor im Sommer auf ein intensives Probenwochenende nach Italien fährt, kommt es zu Spannungen zwischen den beiden: Die introvertierte, behütet aufgewachsene Lucija verguckt sich in einen attraktiven Bauarbeiter, mit Hilfe von Ana Maria beginnt sie zugleich ihre Sexualität zu entdecken. Es sind Tage, die nicht nur die noch frische Freundschaft der beiden, sondern auch Lucijas Glauben und Werte infrage stellen…
„Perfekt fängt der Film eine Art jugendliche, schweifende Aufmerksamkeit ein. Abgelenkt, unkonzentriert und gleichzeitig hochaufmerksam. (…) Mit großer Selbstsicherheit und völligem Vertrauen zu ihren Zuschauer*innen erzählt Urška Djukićs von Momenten, in denen die erwachsene Lucia beginnt, Gestalt anzunehmen. LITTLE TROUBLE GIRLS ist reduziert und opulent zugleich und eine Freude.“ (Hendrike Bake, indiekino.de)
„Der Film wirkt sehr persönlich; man hat das Gefühl, dass er auf intimen Erfahrungen basiert. Gleichzeitig enthält er viele christliche Elemente: das Kloster, Nonnen und eine konservative Familiendynamik. Wie persönlich ist diese Geschichte und was waren Ausgangspunkte für deinen Ansatz?
– Ich fing damit an, mich mit der weiblichen Stimme auseinanderzusetzen, die im Laufe der Geschichte so oft zum Schweigen gebracht wurde. Das führte mich zu der schwierigen Beziehung zu Sexualität, Sünde und Schuldgefühlen. Anhand einer sensiblen jungen Frau, die von gesellschaftlichen Konventionen der Sündhaftigkeit geprägt ist, wollte ich mich damit beschäftigen, wie junge Menschen ihre innere Kraft finden. Diese Schuldgefühle, die mit natürlichen Instinkten einhergehen, habe ich persönlich während meiner Kindheit erlebt. Obwohl meine Familie nicht streng religiös war, erzog mich meine Mutter nach traditionellen katholischen Vorstellungen davon, wie ein ‚braves Mädchen‘ zu sein hat. Später wurde mir klar, dass diese Vorstellungen, die vielen Generationen von Mädchen, einschließlich meiner eigenen, aufgezwungen wurden – insbesondere die über Körperbild, Scham und Sexualität – starr und unbeholfen sind. Mit LITTLE TROUBLE GIRLS wollte ich die Geheimnisse der Sinne als Werkzeuge erforschen, die uns helfen uns selbst besser zu verstehen. Ich glaube, dass das lange bestehende Tabu rund um Sexualität dazu geführt hat, dass wir immer noch nicht in der Lage sind, ihr Potenzial vollständig zu verstehen oder zu nutzen. (…)
Der Ton ist ein äußerst wichtiges Element des Films. Der Film beginnt mit einem Geräusch – genauer gesagt mit Atmen – und dann mit einem scheinbar abstrakten Bild.
– Ja, die Einleitung ist der Atem, der dich mit deinem Körper verbindet. Der Film beginnt mit einer alten Illustration der Wunde Christi, die einer Vulva ähnelt. Diese Illustrationen haben mich schon immer fasziniert. Das Bild stammt aus einem kleinen Gebetbuch aus dem 14. Jahrhundert, das für die Herzogin Juta von Luxemburg angefertigt wurde. Um die Wunde herum sind die Folter und Bestrafungsinstrumente Christi dargestellt, die seinen Widerstand gegen das herrschende System symbolisieren. Gleichzeitig ähnelt dieses geheimnisvolle Bild metaphorisch einer Vulva, die, wie Gustave Courbet bekanntermaßen sagte, der Ursprung von allem ist. Dieses Bild führt dich nach innen – durch Schmerz führt es dich in den Körper, wo unser Wesen wohnt…
Was vor allem auffällt, ist die Zärtlichkeit. Vor allem die Zärtlichkeit und Zerbrechlichkeit deiner Hauptfigur, die diesen Ausdruck aufrichtiger Verwunderung hat; sie empfindet alles sehr intensiv, will wissen, ist offen für die Verbindung mit der Welt; und doch hat sie immer noch Angst davor.
– Zärtlichkeit war ein wichtiges Konzept bei der Entstehung dieses Films. An einem Punkt habe ich dieses Wort gesagt: ZÄRTLICHKEIT zu jedem Beteiligten – dass dies das Wort ist, das unsere Arbeit leitet. Es mag idealistisch klingen, aber ich glaube, dass Zärtlichkeit in dieser Welt Härte überwinden kann – sie ist stärker.“ (Interview mit Regisseurin Urška Djukić, geführt von Ana Šturm)
Österreich / Deutschland 2025, 115 min, Russisch | Belarusisch | Englisch | Mandarin mit deutschen UT
Regie: Elsa Kremser, Levin Peter
Masha, ein belarusisches Model, träumt von einer Karriere in China. Misha arbeitet in einer Minsker Leichenhalle und erweckt die Toten in seinen Ölgemälden zum Leben. Die beiden Außenseiter fühlen sich auf ungewöhnliche Weise voneinander angezogen und streifen gemeinsam durch die warmen Sommernächte. Misha eröffnet Masha eine unbekannte Welt, die ihr Gefühl von Schönheit und Sterblichkeit auf die Probe stellt. WHITE SNAIL ist die fragile Liebesgeschichte zweier Außenseiter, die erkennen, dass sie nicht alleine auf der Welt sind.
“WHITE SNAIL lebt von seinem dokumentarischen Antlitz und der sinnhaften bildlichen Symbolik. Ebenso langsam wie sich Schnecken durch ihre Welt bewegen, so ruhig und gemächlich entwickelt sich die Verbindung der beiden Hauptcharaktere in diesem unkonventionellen, dringlichen Mix aus Drama und Romanze.“ (Björn Schneider, filmstarts.de)
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„(…) Die erste Besonderheit dieses Films besteht darin, dass er zum größten Teil in Belarus gedreht wurde. Welche Umstände haben zum Dreh in diesem Land geführt? – EK: WHITE SNAIL hat eine lange Genese. Vor zehn Jahren war ich mit meinem Diplomfilm auf einem Festival in Minsk, wo mir der Maler Mikhail Senkov, unser Hauptdarsteller, vorgestellt wurde. Ich habe ihn in einer Pathologie kennengelernt, wo ich die erste Leiche in meinem Leben gesehen habe – ein Suizid-Opfer. Direkt danach sind wir zu seiner Wohnung, die bis obenhin mit Ölgemälden vollgestellt war. Auf einem Gemälde war eine junge Frau als Tote dargestellt, jedoch mit ganz wachen Augen. Er erklärte mir, dass diese Frau einen Selbstmordversuch überlebt hatte und er mit ihr in Kontakt stand. Das war der Ausgangspunkt und es hat uns nicht mehr losgelassen. (…)
Wie hat sich Belarus als Drehort erwiesen? – EK: Das Projekt ist in seiner Ur-Idee fast zehn Jahre alt. In Belarus hat sich in dieser Zeit viel verändert. Das hat unser Projekt immer wieder neu in Frage gestellt und den Film auf eine Art verändert. Wir haben an unserer Geschichte festhalten, weil aus dieser Region kaum noch Geschichten zu uns gelangen. Den Großteil haben wir in Belarus gedreht, einzelne Locations haben wir dann aber auch in Lettland gedreht.| – LP: Wir hatten eine unglaublich offene, motivierte Crew vor Ort. Leute, die das Kino lieben und mal auf ganz andere Art arbeiten konnten.
Wie sehr stellte eure unkonventionelle Arbeitsweise auch eine Herausforderung dar? – EK: Man muss sagen, dass die dortige Independent-Filmszene auf unkonventionelle Arbeitsweisen angewiesen ist. Ungewöhnlicher war es für die Teammitglieder aus der EU, weil sie einen gewissen „Arthouse-Standard“ gewohnt sind. Was wir dort entworfen haben, war für viele Beteiligte eine Erfahrung von Null an.|– LP: Herausfordernd war gewiss, dass wir so viel on location gedreht haben. Wir wollten viel auf der Straße drehen, haben Komparserie immer so verstanden, dass wir von einem Land, aus dem es so wenige Bilder gibt, etwas zeigen wollten. Es war uns wichtig, so viel wie möglich über das echte Leben dort mitzunehmen.
War WHITE SNAIL zunächst eine urbane Erzählung, in die die Natur erst später eingeflossen ist? – EK: Die Natur war schon sehr früh ein Teil der Erzählung, weil sie in Belarus sehr wichtig ist. Vieles im Film beruht auf den Biografien von Masha und Misha, der Rest auf unseren persönlichen Erlebnissen im Zuge unserer Entdeckungsreise über diese zehn Jahre hinweg. Am Land findet man alte Dörfer, wo es Seher:innen gibt, wo schamanische Rituale stattfinden, die wir auch am eigenen Körper ausgetestet haben. So sind wir zu diesen Orten und Geschichten gekommen. (…)
Im Spannungsfeld Stadt und Natur ist auch der Umgang mit dem Licht sehr interessant. Welche Rolle kommt dabei dem künstlichen, bunten Licht vom Handy, von den Stadt- und Discolichtern als wesentlichen ästhetischen Momenten zu? – LP: Für uns stand fest, dass wir gegen das Klischee arbeiten müssen, weil wir selbst überrascht waren, mit welcher Idee von Minsk wir unsere erste Reise angetreten hatten. Wir hatten uns Tristesse und Plattenbauten vorgestellt. Wir waren erstaunt, welche wilden Farben dort die Nächte bestimmten, auch die Architektur ist sehr abenteuerlich, weil alles nebeneinander existiert. Es gibt nach chinesischem Vorbild gebaute Trabantensiedlungen, die sehr futuristisch ausschauen, Malls, die extrem bunt beleuchtet sind.| – EK: Die Modernität der Stadt hat uns beeindruckt, Minsk ist klinisch sauber, modern durchgeplant. Das hat unsere Verwendung des Lichts bestimmt, aber auch der Umstand, dass Licht dort in jeden Winkel dringt und es keinen nicht ausgeleuchteten Raum gibt.”
(Karin Schiefer | AUSTRIAN FILMS im Gespräch mit Elsa Kremser und Levin Peter)
Bulgarien / Deutschland 2024, 95 min, bulgarische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Eliza Petkova
Tonka, Arkan, Valya, Marga und Doncho sind ein Pferd, ein Hund, eine Ziege, eine Katze und ein Esel, aus deren Perspektive wir das Leben in dem Bergdorf Pirin beobachten. Das isolierte Dorf, in dem Menschen und Tiere in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander leben, verschwindet allmählich und mit ihm auch die jahrhundertealten Traditionen.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
„Faszinierend und mysteriös ist der Aberglaube der Dorfbewohner:innen, ihre Zuneigung gegenüber den Tieren kontrastiert mit der nüchternen Art, in der sie sie behandeln. Mit viel Liebe zum Detail und für ihre vierbeinigen Protagonist:innen gelingt es Eliza Petkova, Tiere darzustellen, ohne ihnen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben.“ (cointernational.de)
„Mystisch beginnt Eliza Petkovas Dokumentarfilm über das abgeschiedene bulgarische Dorf Pirin. Wir sehen sich dunkel kräuselndes Fell, hören Trommeln schlagen. Dann ein Eselsauge, eine Hundeschnauze, die aufgeblähten Nüstern eines Pferdes, ein Ziegenmaul, Katzenohren, der klagende Gesang alter Frauen. Alt sind hier alle im Dorf. Das Verhältnis zu den Tieren ist ein symbolisches und ein existenzielles. Sie sind stumme Beobachter und Akteure zugleich: die Katze, die durch ein geöffnetes Fenster und über einen Leichnam springt und dafür zum Vampir erklärt wird, ein verhexter Esel, eine treue Hündin, das mit Holz beladene Pferd. Die Tiere finden ihren Platz in der abergläubischen Alltagsbewältigung, helfen den Alten bei der Arbeit, sind Gesellschaft oder Nahrungsquelle.
STILLE BEOBACHTER ist kein naturalistischer Dokumentarfilm. Petkovas eindrucksvolle Aufnahmen des Dorflebens sind inspiriert von wahren Geschichten, wie es im Abspann heißt. Für die starken Bilder und die behutsame Erzählung wurde der Film u.a. auf dem DOK.fest in München ausgezeichnet. Türen, Fassaden, Landschaftsbegrenzungen rahmen die Bilder, dazwischen Nahaufnahmen von Insekten, im Wind wehende Leintücher oder ein Regal mit Devotionalien. Die Zuschauenden werden selbst zu stillen Beobachter*innen der Machtverhältnisse von Mensch und (Nutz-)Tier. Die Rufe der Ziege nach dem Zicklein, das der Bauer vom Hof trägt, in ein Schicksal, das weder ihr noch uns bekannt ist. Die Aufmerksamkeit der Schafsherde, wenn sie das Wiegen der Osterlämmer bewacht. Empathisch fängt die Kamera diese Szenen ein, aber ohne anthropomorphisierenden Kitsch. Ein intelligenter, poetischer Blick auf das Zusammenleben und gleichzeitige Entfremdung von Mensch und Tier in einer Welt, in der die Tiere die letzten Begleiter einer aussterbenden Generation sind.“ (Clarissa Lempp, Indiekino Nov/Dez 2025)
Slowenien / Italien / Kroatien / Serbien 2025, 89 min, slowenische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Urška Djukić
Die 16-jährige Lucija tritt dem Mädchenchor ihrer katholischen Schule bei. Dort lernt sie die zwei Jahre ältere Ana Maria kennen und schließt Freundschaft mit dem selbstbewussten, beliebten Mädchen. Als der ganze Chor im Sommer auf ein intensives Probenwochenende nach Italien fährt, kommt es zu Spannungen zwischen den beiden: Die introvertierte, behütet aufgewachsene Lucija verguckt sich in einen attraktiven Bauarbeiter, mit Hilfe von Ana Maria beginnt sie zugleich ihre Sexualität zu entdecken. Es sind Tage, die nicht nur die noch frische Freundschaft der beiden, sondern auch Lucijas Glauben und Werte infrage stellen…
„Perfekt fängt der Film eine Art jugendliche, schweifende Aufmerksamkeit ein. Abgelenkt, unkonzentriert und gleichzeitig hochaufmerksam. (…) Mit großer Selbstsicherheit und völligem Vertrauen zu ihren Zuschauer*innen erzählt Urška Djukićs von Momenten, in denen die erwachsene Lucia beginnt, Gestalt anzunehmen. LITTLE TROUBLE GIRLS ist reduziert und opulent zugleich und eine Freude.“ (Hendrike Bake, indiekino.de)
„Der Film wirkt sehr persönlich; man hat das Gefühl, dass er auf intimen Erfahrungen basiert. Gleichzeitig enthält er viele christliche Elemente: das Kloster, Nonnen und eine konservative Familiendynamik. Wie persönlich ist diese Geschichte und was waren Ausgangspunkte für deinen Ansatz?
– Ich fing damit an, mich mit der weiblichen Stimme auseinanderzusetzen, die im Laufe der Geschichte so oft zum Schweigen gebracht wurde. Das führte mich zu der schwierigen Beziehung zu Sexualität, Sünde und Schuldgefühlen. Anhand einer sensiblen jungen Frau, die von gesellschaftlichen Konventionen der Sündhaftigkeit geprägt ist, wollte ich mich damit beschäftigen, wie junge Menschen ihre innere Kraft finden. Diese Schuldgefühle, die mit natürlichen Instinkten einhergehen, habe ich persönlich während meiner Kindheit erlebt. Obwohl meine Familie nicht streng religiös war, erzog mich meine Mutter nach traditionellen katholischen Vorstellungen davon, wie ein ‚braves Mädchen‘ zu sein hat. Später wurde mir klar, dass diese Vorstellungen, die vielen Generationen von Mädchen, einschließlich meiner eigenen, aufgezwungen wurden – insbesondere die über Körperbild, Scham und Sexualität – starr und unbeholfen sind. Mit LITTLE TROUBLE GIRLS wollte ich die Geheimnisse der Sinne als Werkzeuge erforschen, die uns helfen uns selbst besser zu verstehen. Ich glaube, dass das lange bestehende Tabu rund um Sexualität dazu geführt hat, dass wir immer noch nicht in der Lage sind, ihr Potenzial vollständig zu verstehen oder zu nutzen. (…)
Der Ton ist ein äußerst wichtiges Element des Films. Der Film beginnt mit einem Geräusch – genauer gesagt mit Atmen – und dann mit einem scheinbar abstrakten Bild.
– Ja, die Einleitung ist der Atem, der dich mit deinem Körper verbindet. Der Film beginnt mit einer alten Illustration der Wunde Christi, die einer Vulva ähnelt. Diese Illustrationen haben mich schon immer fasziniert. Das Bild stammt aus einem kleinen Gebetbuch aus dem 14. Jahrhundert, das für die Herzogin Juta von Luxemburg angefertigt wurde. Um die Wunde herum sind die Folter und Bestrafungsinstrumente Christi dargestellt, die seinen Widerstand gegen das herrschende System symbolisieren. Gleichzeitig ähnelt dieses geheimnisvolle Bild metaphorisch einer Vulva, die, wie Gustave Courbet bekanntermaßen sagte, der Ursprung von allem ist. Dieses Bild führt dich nach innen – durch Schmerz führt es dich in den Körper, wo unser Wesen wohnt…
Was vor allem auffällt, ist die Zärtlichkeit. Vor allem die Zärtlichkeit und Zerbrechlichkeit deiner Hauptfigur, die diesen Ausdruck aufrichtiger Verwunderung hat; sie empfindet alles sehr intensiv, will wissen, ist offen für die Verbindung mit der Welt; und doch hat sie immer noch Angst davor.
– Zärtlichkeit war ein wichtiges Konzept bei der Entstehung dieses Films. An einem Punkt habe ich dieses Wort gesagt: ZÄRTLICHKEIT zu jedem Beteiligten – dass dies das Wort ist, das unsere Arbeit leitet. Es mag idealistisch klingen, aber ich glaube, dass Zärtlichkeit in dieser Welt Härte überwinden kann – sie ist stärker.“ (Interview mit Regisseurin Urška Djukić, geführt von Ana Šturm)
Österreich / Deutschland 2025, 115 min, Russisch | Belarusisch | Englisch | Mandarin mit deutschen UT
Regie: Elsa Kremser, Levin Peter
Masha, ein belarusisches Model, träumt von einer Karriere in China. Misha arbeitet in einer Minsker Leichenhalle und erweckt die Toten in seinen Ölgemälden zum Leben. Die beiden Außenseiter fühlen sich auf ungewöhnliche Weise voneinander angezogen und streifen gemeinsam durch die warmen Sommernächte. Misha eröffnet Masha eine unbekannte Welt, die ihr Gefühl von Schönheit und Sterblichkeit auf die Probe stellt. WHITE SNAIL ist die fragile Liebesgeschichte zweier Außenseiter, die erkennen, dass sie nicht alleine auf der Welt sind.
“WHITE SNAIL lebt von seinem dokumentarischen Antlitz und der sinnhaften bildlichen Symbolik. Ebenso langsam wie sich Schnecken durch ihre Welt bewegen, so ruhig und gemächlich entwickelt sich die Verbindung der beiden Hauptcharaktere in diesem unkonventionellen, dringlichen Mix aus Drama und Romanze.“ (Björn Schneider, filmstarts.de)
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„(…) Die erste Besonderheit dieses Films besteht darin, dass er zum größten Teil in Belarus gedreht wurde. Welche Umstände haben zum Dreh in diesem Land geführt? – EK: WHITE SNAIL hat eine lange Genese. Vor zehn Jahren war ich mit meinem Diplomfilm auf einem Festival in Minsk, wo mir der Maler Mikhail Senkov, unser Hauptdarsteller, vorgestellt wurde. Ich habe ihn in einer Pathologie kennengelernt, wo ich die erste Leiche in meinem Leben gesehen habe – ein Suizid-Opfer. Direkt danach sind wir zu seiner Wohnung, die bis obenhin mit Ölgemälden vollgestellt war. Auf einem Gemälde war eine junge Frau als Tote dargestellt, jedoch mit ganz wachen Augen. Er erklärte mir, dass diese Frau einen Selbstmordversuch überlebt hatte und er mit ihr in Kontakt stand. Das war der Ausgangspunkt und es hat uns nicht mehr losgelassen. (…)
Wie hat sich Belarus als Drehort erwiesen? – EK: Das Projekt ist in seiner Ur-Idee fast zehn Jahre alt. In Belarus hat sich in dieser Zeit viel verändert. Das hat unser Projekt immer wieder neu in Frage gestellt und den Film auf eine Art verändert. Wir haben an unserer Geschichte festhalten, weil aus dieser Region kaum noch Geschichten zu uns gelangen. Den Großteil haben wir in Belarus gedreht, einzelne Locations haben wir dann aber auch in Lettland gedreht.| – LP: Wir hatten eine unglaublich offene, motivierte Crew vor Ort. Leute, die das Kino lieben und mal auf ganz andere Art arbeiten konnten.
Wie sehr stellte eure unkonventionelle Arbeitsweise auch eine Herausforderung dar? – EK: Man muss sagen, dass die dortige Independent-Filmszene auf unkonventionelle Arbeitsweisen angewiesen ist. Ungewöhnlicher war es für die Teammitglieder aus der EU, weil sie einen gewissen „Arthouse-Standard“ gewohnt sind. Was wir dort entworfen haben, war für viele Beteiligte eine Erfahrung von Null an.|– LP: Herausfordernd war gewiss, dass wir so viel on location gedreht haben. Wir wollten viel auf der Straße drehen, haben Komparserie immer so verstanden, dass wir von einem Land, aus dem es so wenige Bilder gibt, etwas zeigen wollten. Es war uns wichtig, so viel wie möglich über das echte Leben dort mitzunehmen.
War WHITE SNAIL zunächst eine urbane Erzählung, in die die Natur erst später eingeflossen ist? – EK: Die Natur war schon sehr früh ein Teil der Erzählung, weil sie in Belarus sehr wichtig ist. Vieles im Film beruht auf den Biografien von Masha und Misha, der Rest auf unseren persönlichen Erlebnissen im Zuge unserer Entdeckungsreise über diese zehn Jahre hinweg. Am Land findet man alte Dörfer, wo es Seher:innen gibt, wo schamanische Rituale stattfinden, die wir auch am eigenen Körper ausgetestet haben. So sind wir zu diesen Orten und Geschichten gekommen. (…)
Im Spannungsfeld Stadt und Natur ist auch der Umgang mit dem Licht sehr interessant. Welche Rolle kommt dabei dem künstlichen, bunten Licht vom Handy, von den Stadt- und Discolichtern als wesentlichen ästhetischen Momenten zu? – LP: Für uns stand fest, dass wir gegen das Klischee arbeiten müssen, weil wir selbst überrascht waren, mit welcher Idee von Minsk wir unsere erste Reise angetreten hatten. Wir hatten uns Tristesse und Plattenbauten vorgestellt. Wir waren erstaunt, welche wilden Farben dort die Nächte bestimmten, auch die Architektur ist sehr abenteuerlich, weil alles nebeneinander existiert. Es gibt nach chinesischem Vorbild gebaute Trabantensiedlungen, die sehr futuristisch ausschauen, Malls, die extrem bunt beleuchtet sind.| – EK: Die Modernität der Stadt hat uns beeindruckt, Minsk ist klinisch sauber, modern durchgeplant. Das hat unsere Verwendung des Lichts bestimmt, aber auch der Umstand, dass Licht dort in jeden Winkel dringt und es keinen nicht ausgeleuchteten Raum gibt.”
(Karin Schiefer | AUSTRIAN FILMS im Gespräch mit Elsa Kremser und Levin Peter)
Bulgarien / Deutschland 2024, 95 min, bulgarische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Eliza Petkova
Tonka, Arkan, Valya, Marga und Doncho sind ein Pferd, ein Hund, eine Ziege, eine Katze und ein Esel, aus deren Perspektive wir das Leben in dem Bergdorf Pirin beobachten. Das isolierte Dorf, in dem Menschen und Tiere in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander leben, verschwindet allmählich und mit ihm auch die jahrhundertealten Traditionen.
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„Faszinierend und mysteriös ist der Aberglaube der Dorfbewohner:innen, ihre Zuneigung gegenüber den Tieren kontrastiert mit der nüchternen Art, in der sie sie behandeln. Mit viel Liebe zum Detail und für ihre vierbeinigen Protagonist:innen gelingt es Eliza Petkova, Tiere darzustellen, ohne ihnen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben.“ (cointernational.de)
„Mystisch beginnt Eliza Petkovas Dokumentarfilm über das abgeschiedene bulgarische Dorf Pirin. Wir sehen sich dunkel kräuselndes Fell, hören Trommeln schlagen. Dann ein Eselsauge, eine Hundeschnauze, die aufgeblähten Nüstern eines Pferdes, ein Ziegenmaul, Katzenohren, der klagende Gesang alter Frauen. Alt sind hier alle im Dorf. Das Verhältnis zu den Tieren ist ein symbolisches und ein existenzielles. Sie sind stumme Beobachter und Akteure zugleich: die Katze, die durch ein geöffnetes Fenster und über einen Leichnam springt und dafür zum Vampir erklärt wird, ein verhexter Esel, eine treue Hündin, das mit Holz beladene Pferd. Die Tiere finden ihren Platz in der abergläubischen Alltagsbewältigung, helfen den Alten bei der Arbeit, sind Gesellschaft oder Nahrungsquelle.
STILLE BEOBACHTER ist kein naturalistischer Dokumentarfilm. Petkovas eindrucksvolle Aufnahmen des Dorflebens sind inspiriert von wahren Geschichten, wie es im Abspann heißt. Für die starken Bilder und die behutsame Erzählung wurde der Film u.a. auf dem DOK.fest in München ausgezeichnet. Türen, Fassaden, Landschaftsbegrenzungen rahmen die Bilder, dazwischen Nahaufnahmen von Insekten, im Wind wehende Leintücher oder ein Regal mit Devotionalien. Die Zuschauenden werden selbst zu stillen Beobachter*innen der Machtverhältnisse von Mensch und (Nutz-)Tier. Die Rufe der Ziege nach dem Zicklein, das der Bauer vom Hof trägt, in ein Schicksal, das weder ihr noch uns bekannt ist. Die Aufmerksamkeit der Schafsherde, wenn sie das Wiegen der Osterlämmer bewacht. Empathisch fängt die Kamera diese Szenen ein, aber ohne anthropomorphisierenden Kitsch. Ein intelligenter, poetischer Blick auf das Zusammenleben und gleichzeitige Entfremdung von Mensch und Tier in einer Welt, in der die Tiere die letzten Begleiter einer aussterbenden Generation sind.“ (Clarissa Lempp, Indiekino Nov/Dez 2025)
Slowenien / Italien / Kroatien / Serbien 2025, 89 min, slowenische Originalfassung mit deutschen UT
Regie: Urška Djukić
Die 16-jährige Lucija tritt dem Mädchenchor ihrer katholischen Schule bei. Dort lernt sie die zwei Jahre ältere Ana Maria kennen und schließt Freundschaft mit dem selbstbewussten, beliebten Mädchen. Als der ganze Chor im Sommer auf ein intensives Probenwochenende nach Italien fährt, kommt es zu Spannungen zwischen den beiden: Die introvertierte, behütet aufgewachsene Lucija verguckt sich in einen attraktiven Bauarbeiter, mit Hilfe von Ana Maria beginnt sie zugleich ihre Sexualität zu entdecken. Es sind Tage, die nicht nur die noch frische Freundschaft der beiden, sondern auch Lucijas Glauben und Werte infrage stellen…
„Perfekt fängt der Film eine Art jugendliche, schweifende Aufmerksamkeit ein. Abgelenkt, unkonzentriert und gleichzeitig hochaufmerksam. (…) Mit großer Selbstsicherheit und völligem Vertrauen zu ihren Zuschauer*innen erzählt Urška Djukićs von Momenten, in denen die erwachsene Lucia beginnt, Gestalt anzunehmen. LITTLE TROUBLE GIRLS ist reduziert und opulent zugleich und eine Freude.“ (Hendrike Bake, indiekino.de)
„Der Film wirkt sehr persönlich; man hat das Gefühl, dass er auf intimen Erfahrungen basiert. Gleichzeitig enthält er viele christliche Elemente: das Kloster, Nonnen und eine konservative Familiendynamik. Wie persönlich ist diese Geschichte und was waren Ausgangspunkte für deinen Ansatz?
– Ich fing damit an, mich mit der weiblichen Stimme auseinanderzusetzen, die im Laufe der Geschichte so oft zum Schweigen gebracht wurde. Das führte mich zu der schwierigen Beziehung zu Sexualität, Sünde und Schuldgefühlen. Anhand einer sensiblen jungen Frau, die von gesellschaftlichen Konventionen der Sündhaftigkeit geprägt ist, wollte ich mich damit beschäftigen, wie junge Menschen ihre innere Kraft finden. Diese Schuldgefühle, die mit natürlichen Instinkten einhergehen, habe ich persönlich während meiner Kindheit erlebt. Obwohl meine Familie nicht streng religiös war, erzog mich meine Mutter nach traditionellen katholischen Vorstellungen davon, wie ein ‚braves Mädchen‘ zu sein hat. Später wurde mir klar, dass diese Vorstellungen, die vielen Generationen von Mädchen, einschließlich meiner eigenen, aufgezwungen wurden – insbesondere die über Körperbild, Scham und Sexualität – starr und unbeholfen sind. Mit LITTLE TROUBLE GIRLS wollte ich die Geheimnisse der Sinne als Werkzeuge erforschen, die uns helfen uns selbst besser zu verstehen. Ich glaube, dass das lange bestehende Tabu rund um Sexualität dazu geführt hat, dass wir immer noch nicht in der Lage sind, ihr Potenzial vollständig zu verstehen oder zu nutzen. (…)
Der Ton ist ein äußerst wichtiges Element des Films. Der Film beginnt mit einem Geräusch – genauer gesagt mit Atmen – und dann mit einem scheinbar abstrakten Bild.
– Ja, die Einleitung ist der Atem, der dich mit deinem Körper verbindet. Der Film beginnt mit einer alten Illustration der Wunde Christi, die einer Vulva ähnelt. Diese Illustrationen haben mich schon immer fasziniert. Das Bild stammt aus einem kleinen Gebetbuch aus dem 14. Jahrhundert, das für die Herzogin Juta von Luxemburg angefertigt wurde. Um die Wunde herum sind die Folter und Bestrafungsinstrumente Christi dargestellt, die seinen Widerstand gegen das herrschende System symbolisieren. Gleichzeitig ähnelt dieses geheimnisvolle Bild metaphorisch einer Vulva, die, wie Gustave Courbet bekanntermaßen sagte, der Ursprung von allem ist. Dieses Bild führt dich nach innen – durch Schmerz führt es dich in den Körper, wo unser Wesen wohnt…
Was vor allem auffällt, ist die Zärtlichkeit. Vor allem die Zärtlichkeit und Zerbrechlichkeit deiner Hauptfigur, die diesen Ausdruck aufrichtiger Verwunderung hat; sie empfindet alles sehr intensiv, will wissen, ist offen für die Verbindung mit der Welt; und doch hat sie immer noch Angst davor.
– Zärtlichkeit war ein wichtiges Konzept bei der Entstehung dieses Films. An einem Punkt habe ich dieses Wort gesagt: ZÄRTLICHKEIT zu jedem Beteiligten – dass dies das Wort ist, das unsere Arbeit leitet. Es mag idealistisch klingen, aber ich glaube, dass Zärtlichkeit in dieser Welt Härte überwinden kann – sie ist stärker.“ (Interview mit Regisseurin Urška Djukić, geführt von Ana Šturm)
Österreich / Deutschland 2025, 115 min, Russisch | Belarusisch | Englisch | Mandarin mit deutschen UT
Regie: Elsa Kremser, Levin Peter
Masha, ein belarusisches Model, träumt von einer Karriere in China. Misha arbeitet in einer Minsker Leichenhalle und erweckt die Toten in seinen Ölgemälden zum Leben. Die beiden Außenseiter fühlen sich auf ungewöhnliche Weise voneinander angezogen und streifen gemeinsam durch die warmen Sommernächte. Misha eröffnet Masha eine unbekannte Welt, die ihr Gefühl von Schönheit und Sterblichkeit auf die Probe stellt. WHITE SNAIL ist die fragile Liebesgeschichte zweier Außenseiter, die erkennen, dass sie nicht alleine auf der Welt sind.
“WHITE SNAIL lebt von seinem dokumentarischen Antlitz und der sinnhaften bildlichen Symbolik. Ebenso langsam wie sich Schnecken durch ihre Welt bewegen, so ruhig und gemächlich entwickelt sich die Verbindung der beiden Hauptcharaktere in diesem unkonventionellen, dringlichen Mix aus Drama und Romanze.“ (Björn Schneider, filmstarts.de)
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
„(…) Die erste Besonderheit dieses Films besteht darin, dass er zum größten Teil in Belarus gedreht wurde. Welche Umstände haben zum Dreh in diesem Land geführt? – EK: WHITE SNAIL hat eine lange Genese. Vor zehn Jahren war ich mit meinem Diplomfilm auf einem Festival in Minsk, wo mir der Maler Mikhail Senkov, unser Hauptdarsteller, vorgestellt wurde. Ich habe ihn in einer Pathologie kennengelernt, wo ich die erste Leiche in meinem Leben gesehen habe – ein Suizid-Opfer. Direkt danach sind wir zu seiner Wohnung, die bis obenhin mit Ölgemälden vollgestellt war. Auf einem Gemälde war eine junge Frau als Tote dargestellt, jedoch mit ganz wachen Augen. Er erklärte mir, dass diese Frau einen Selbstmordversuch überlebt hatte und er mit ihr in Kontakt stand. Das war der Ausgangspunkt und es hat uns nicht mehr losgelassen. (…)
Wie hat sich Belarus als Drehort erwiesen? – EK: Das Projekt ist in seiner Ur-Idee fast zehn Jahre alt. In Belarus hat sich in dieser Zeit viel verändert. Das hat unser Projekt immer wieder neu in Frage gestellt und den Film auf eine Art verändert. Wir haben an unserer Geschichte festhalten, weil aus dieser Region kaum noch Geschichten zu uns gelangen. Den Großteil haben wir in Belarus gedreht, einzelne Locations haben wir dann aber auch in Lettland gedreht.| – LP: Wir hatten eine unglaublich offene, motivierte Crew vor Ort. Leute, die das Kino lieben und mal auf ganz andere Art arbeiten konnten.
Wie sehr stellte eure unkonventionelle Arbeitsweise auch eine Herausforderung dar? – EK: Man muss sagen, dass die dortige Independent-Filmszene auf unkonventionelle Arbeitsweisen angewiesen ist. Ungewöhnlicher war es für die Teammitglieder aus der EU, weil sie einen gewissen „Arthouse-Standard“ gewohnt sind. Was wir dort entworfen haben, war für viele Beteiligte eine Erfahrung von Null an.|– LP: Herausfordernd war gewiss, dass wir so viel on location gedreht haben. Wir wollten viel auf der Straße drehen, haben Komparserie immer so verstanden, dass wir von einem Land, aus dem es so wenige Bilder gibt, etwas zeigen wollten. Es war uns wichtig, so viel wie möglich über das echte Leben dort mitzunehmen.
War WHITE SNAIL zunächst eine urbane Erzählung, in die die Natur erst später eingeflossen ist? – EK: Die Natur war schon sehr früh ein Teil der Erzählung, weil sie in Belarus sehr wichtig ist. Vieles im Film beruht auf den Biografien von Masha und Misha, der Rest auf unseren persönlichen Erlebnissen im Zuge unserer Entdeckungsreise über diese zehn Jahre hinweg. Am Land findet man alte Dörfer, wo es Seher:innen gibt, wo schamanische Rituale stattfinden, die wir auch am eigenen Körper ausgetestet haben. So sind wir zu diesen Orten und Geschichten gekommen. (…)
Im Spannungsfeld Stadt und Natur ist auch der Umgang mit dem Licht sehr interessant. Welche Rolle kommt dabei dem künstlichen, bunten Licht vom Handy, von den Stadt- und Discolichtern als wesentlichen ästhetischen Momenten zu? – LP: Für uns stand fest, dass wir gegen das Klischee arbeiten müssen, weil wir selbst überrascht waren, mit welcher Idee von Minsk wir unsere erste Reise angetreten hatten. Wir hatten uns Tristesse und Plattenbauten vorgestellt. Wir waren erstaunt, welche wilden Farben dort die Nächte bestimmten, auch die Architektur ist sehr abenteuerlich, weil alles nebeneinander existiert. Es gibt nach chinesischem Vorbild gebaute Trabantensiedlungen, die sehr futuristisch ausschauen, Malls, die extrem bunt beleuchtet sind.| – EK: Die Modernität der Stadt hat uns beeindruckt, Minsk ist klinisch sauber, modern durchgeplant. Das hat unsere Verwendung des Lichts bestimmt, aber auch der Umstand, dass Licht dort in jeden Winkel dringt und es keinen nicht ausgeleuchteten Raum gibt.”
(Karin Schiefer | AUSTRIAN FILMS im Gespräch mit Elsa Kremser und Levin Peter)
Mi. 11.02.
10:00 Uhr
Spatzenkino – Wintermärchen
– nur mit Voranmeldung! | reservierung@spatzenkino.de | Service-Telefon 449 47 50
Die beiden Töchter der Holzfällerin landen nacheinander bei Frau Holle. Diese freut sich sehr über die Hilfe beim Kuchen backen und Kissen schütteln. Vor allem die jüngere Schwester fasst kräftig mit an. Regie: Célia Tisserant/Arnaud Demuynck, FR 2021, Computeranimation, 26 Min.
Die Flucht zu den Pinguinen
Jedes Jahr im Frühling, wenn die Blumen sprießen, verschwinden Eis und Schnee. Aber wohin geht der kalte Winter, wenn es ihm zu warm wird? Regie: Günter Rätz, DDR 1984, Zeichentrickfilm, 9 Min.
Mi. 04.03.
10:00 Uhr
Spatzenkino – Bunte Ostern
– nur mit Voranmeldung! | reservierung@spatzenkino.de | Service-Telefon 449 47 50
Der Hahn versperrt den Zugang zum Hühnerstall. Wie kommen die Osterhasen jetzt an die Eier? Regie: Dace Rīdūze, LV 2015, Computeranimation, 10 Min.
Die Natur erwacht – eine Hummelkönigin
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Kopf in den Wolken
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Das Häschen Knurri schüttelt den gefräßigen Dachs ab und erfindet nebenbei die bunten Eier. Regie: Jörg d’Bomba, DDR 1980/81, Puppentrickfilm, 10 Min.