Filmschau vom 8. Oktober bis 31. Dezember 2026
kuratiert von Ralph Eue, Brigitte Mayr, Michael Omasta und Michael Pekler
Herr K. in Liblice und Valerie aus Slavonice
Improvisation mit weit geschlossenen Augen
Ende Mai 1963, Schloss Liblice, eine knappe halbe Autostunde nördlich von Prag: Barockfassade, Stuck, ein Park, der schon im Dunst verschwindet. Anlässlich seines achtzigsten Geburtstags wird hier ein Schriftsteller ‚entdeckt‘, der im Land seiner Geburt jahrzehntelang kaum gedruckt, geschweige denn gelesen wurde. Der Germanist Eduard Goldstücker hatte nach Liblice geladen, und was als vorsichtige literaturwissenschaftliche Tagung begann, wurde zur Initialzündung: Franz Kafka, den spindeldürren Herr K., erklärt man in seiner Heimat für hoffähig. Es ist der Moment, in dem ein notorisch zögerlicher Prager Schreiberling vom verfemten Autor zur schillernden Identifikationsfigur wird.
Vier Monate nach Liblice, im September 1963, sitzt ein Achtundzwanzigjähriger namens Pavel Juráček über seinem Tagebuch und gesteht diesem in aller Heimlichkeit, dass er weder Der Prozess noch Das Schloss gelesen hat, obwohl um ihn herum lautstark geraunt wird, dass sein gerade fertiggestelltes Regiedebüt, die Bürokratie-Groteske Joseph Kilián (Postava k podpírání, 1963), ein kafkaeskes Bravourstück sei. Vermutlich lag Kafka, die Stimmungen, für die er stand und die Atmosphären, die er schuf einfach in der Luft. Und wenn der Schriftsteller damals zum heimlichen Paten einer ganzen Generation von Filmemachern wurde, dann nicht als Lieferant konkreter Stories, sondern als Virtuose eines Sounds, der im Bürokratischen die Komik und den Schrecken im Beiläufigen zu wittern vermochte.
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Die tschechoslowakischen Filmemacher und ‚ihre‘ Schriftsteller: Nehmen wir Bohumil Hrabal. Er saß bei den Dreharbeiten zu Jiří Menzels Liebe nach Fahrplan (Ostře sledované vlaky, 1966) fast täglich mit am Set, das Drehbuch trägt seinen Namen, gleichrangig mit dem des Regisseurs. Aber weder dem einen, noch dem anderen schien es um eine ‚Verfilmung‘ der zugrunde liegenden Novelle gegangen zu sein, sondern um die Übersetzung eines Tonfalls: nämlich jenes Hrabal’schen „Pábení“, des mäandernden, digressiven Erzählens, das im Nebensächlichen das Eigentliche findet. Menzel übertrug das nicht in Dialog und Handlung, sondern in Timing, Blickführung und die komische Beiläufigkeit einer Geste – die Kamera „pábte“ mit.
Noch deutlicher wird es dort, wo die Trennlinie zwischen Schreiben und Filmen ganz verschwimmt: Vladislav Vančura (1891–1942) war Romancier und Regisseur in Personalunion und seine anti-autoritäre Improvisation Before Graduation (Před maturitou, 1932) ging auf eine knappe Handlungsskizze eines befreundeten Fabrikanten zurück. Über die Arbeit an diesem Film – es war sein erster, weshalb ihm zur Absicherung der Produktion auch der Routinier Svatopluk Innemann als Co-Regisseur an die Seite gestellt wurde – hatte Vančura vor Drehbeginn eine Reihe von szenischen Notizen veröffentlicht, mit denen er dem Publikum die Tonalität des gerade erst entstehenden Films klar zu machen gedachte. Arbeiten für Film und Kino galt ihm als „básnění v obrazech“ – etwa „Dichten in Bildern“ – und in programmatisch-polemischer Manifest-Rhetorik vertrat er die Position, dass das Kino Bildkunst und nicht Sprachkunst sei: im Film müsse der „lebendige Bewegtbild-Moment“ mindestens so ernst genommen werden, wie das Wort in der Dichtung.
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„Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“, schrieb Karl Kraus 1911 in der Fackel. Hatten tschechoslowakische Filmemacher vielleicht genau diesen Aphorismus im Sinn, wenn sie sich Büchern näherten? Mag sein. Die sogenannte Werktreue jedenfalls strebten sie nicht an. „Nur wer den Umweg über den Geist eines Buches nimmt, schwimmt sich frei“. Milan Kundera, der sich selbst als „notorisch adaptionsscheu“ bezeichnete und überhaupt nur dreimal eine „Verfilmung“ seiner Erzählungen oder Romane zuließ, verlangte diese Schwimmübung explizit. Warum? Weil Umwege die Ortskenntnis erhöhen.
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Kostelní Vydří, ein Dorf mit Klosterkirche im südböhmischen Nirgendwo: Hier und im nahen Slavonice drehte der Regisseur Jaromil Jireš 1969 Valerie – Eine Woche voller Wunder (Valerie a týden divů), nach dem Schauerroman des surrealistischen Dichters Vítězslav Nezval.
Die Aneignung der Vorlage ist hier gewollt umweghaft. Das Drehbuch stammt gemeinsam von Jireš und Ester Krumbachová, welche zusätzlich eine eigene Découpage mit Farb- und Materialangaben erstellte, sowie die Bildkomposition zusammen mit Kameramann Jan Čuřík erarbeitete: eine von vornherein ineinander verschränkte plurale Autorenschaft.
Valerie – Eine Woche voller Wunder, das ist ein dreizehnjähriges Mädchen (Jaroslava Schallerová), ein Kloster, ein Vampir-Großmutter-Priester-Panoptikum, gefilmt als karnevaleske Orgie mit Kirchenglockenklang.
Das literarische Drehbuch, das „literární scénář“, wurde im April 1968 genehmigt, auf dem Höhepunkt des Prager Frühlingsgefühls. Die Dreharbeiten fanden zwischen Juni und November 1969 statt, d.h. längst nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen. Es ist ein Film, der das Spiel mit Traumlogik, präraffaelitischem Überschwang und surrealistischer Formfreiheit auf die Spitze trieb, gerade als all das im Land bereits wieder unter Verbot gestellt war – streng genommen eine Unmöglichkeit, die sich komplett der Trägheit des bürokratischen Apparats verdankte. Eben deshalb ist dieser Film zugleich Apotheose und Abgesang einer ganzen Bewegung: die vollkommenste, eigensinnigste Verwirklichung dessen, wofür die Neue Welle stand, und zwar in einem Moment, da es sie eigentlich schon nicht mehr geben durfte. Eine schillernde Zeitkapsel.
Ralph Eue

PROGRAMM:
Valerie a týden divů (Valerie – Eine Woche voller Wunder, Jaromil Jireš, ČSSR 1970 | 8.10.) Eine Dreizehnjährige erwacht zwischen zauberbegabten Ohrringen, stinkenden Vampirzähnen und teuflischen Gottesmännern zur eigenen Sinnlichkeit. Auf dem surrealistischen Schauerroman von Vítězslav Nezval aus den 1930er Jahren beruhend, entstand mit Valerie ein fiebriges Märchen, das zugleich ein Meisterwerk der Nová Vlná ist wie deren bereits von der Normalisierung überschatteter Epilog. Denn wie heißt es in Rilkes Duineser Elegien: „das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“
Zem spieva (Die Erde singt, Karel Plicka, ČSR 1933 | 14.10.) Karol Plicka zog mit der Kamera durch slowakische Dörfer und ‚sammelte‘ Bräuche, Trachten und Arbeitslieder wie ein Ethnograf – sein Co-Regisseur und Schnittmeister Alexander Hackenschmied machte in Prag dara eine „audiovisuelle Sinfonie“, die 1934, beim zweiten Filmfestival von Venedig, für Aufsehen sorgte. Ein Blick auf eine Welt, die im selben Jahrzehnt bereits zu verschwinden begann.
Obrazy starého sveta (Bilder einer alten Welt, Dušan Hanák, ČSSR 1972 | 15.10.) Hochbetagte Bäuerinnen und Bauern erzählen unprätentiös von einem Leben aus Feldarbeit, Entbehrung und stiller Würde – Dušan Hanáks Hommage an den Fotografen Martin Martinček wurde später von slowakischen Kritikern zum besten slowakischen Film aller Zeiten gewählt und blieb dem Regime trotzdem bis 1988 zu unbequem für die Leinwand.
Slnko v sieti (Sonne im Netz, Štefan Uher, ČSSR 1962 | 21.10.) Ein Sommer, eine Sonnenfinsternis, ein junges Paar, das sich in der Trennung neu erfindet: Štefan Uhers lyrisch fotografiertes Bratislava-Porträt gilt zu Recht als der Urknall der Nová Vlna – ein Jahr, bevor Miloš Forman in Prag mit Der Schwarze Peter nachzog.
Drak sa vracia (Der Drache kehrt zurück, Eduard Grečner, ČSSR 1967 | 22.10.) Ein einäugiger Töpfer, von seinem Dorf „Drache“ genannt und als Brandstifter geächtet, kehrt nach Jahren zurück in sein Dorf und riskiert sein Leben, um ausgerechnet die Herden jener zu retten, die ihn einst verstießen. Dieser Solitär eines ‚Karpaten-Westerns‘ gehört zu einem der widerborstigsten Werke der slowakischen Nová Vlna.
Ja milujem, ty miluješ (Ich liebe, du liebst, Dušan Hanák, ČSSR 1980 | 15.11.) Der kleinwüchsige Postwagenschaffner Pišta betäubt seine Einsamkeit mit Alkohol und einer stillen Liebe zur unerreichbaren Viera – Dušan Hanáks zärtlicher Blick auf die Habenichtse am Rand der Gesellschaft war der Zensur so unheimlich, dass der Film neun Jahre unter Verschluss blieb, bevor er 1989 in Berlin den Silbernen Bären für die beste Regie gewann.
Zmluva s diablom (Vertrag mit dem Teufel, Jozef Zachar, ČSSR 1967 | 16.11.) Fünf Abiturientinnen geraten wegen eines dummen Scherzes in den Verdacht, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben, ihre Unschuld noch vor der Reifeprüfung zu verlieren – und beschließen trotzig, dem Gerücht wenigstens ein bisschen Ehre zu machen. Jozef Zachars freche Komödie über sozialistische Sittenwächter wurde zum Kassenschlager und sogar mit extra nachgedrehten Farbszenen ins westliche Ausland verkauft.
Před maturitou (Vor dem Abitur, Svatopluk Innemann, Vladislav Vančura, ČSR 1932 | 25.11.) Ein pedantischer Mathematiklehrer, ein überempfindlicher Schüler namens Karel Kafka und ein Selbstmordversuch, der knapp misslingt: Der Schriftsteller Vladislav Vančura und sein Co-Regisseur Svatopluk Innemann inszenierten ihren Film als aufmüpfige Internatsfabel – ein Jahr vor Jean Vigos Betragen ungenügend (Zéro de conduite) und dreieinhalb Jahrzehnte vor Lindsay Andersons If … .
Dědictví aneb Kurvahošigutntag (The Inheritance or Fuckoffguysgoodday, Věra Chytilová, ČR 1992 | 26.11.) Der versoffene Dorftaugenichts Bohuš erbt ein Vermögen, kauft sich Anzüge, Autos, neue Freunde sowie eine attraktive Geliebte – bis der Anwalt ihm eröffnet, der vermeintliche Erblasser sei gar nicht sein richtiger Vater gewesen und die ganz Sache eigentlich nur ein Versehen. Věra Chytilovás bitterböse Restitutionskomödie, die der damalige Finanzminister Václav Klaus nach der Premiere als zersetzend und die öffentliche Moral kontaminierend charakterisierte, wurde zu einem der erfolgreichsten tschechischen Filme der 1990er Jahre.
Potopa (Flood, Martin Gonda, SK/CZ/PL/BE 2025 | 02.12.) Während ihr ruthenisches Heimatdorf im Osten der Slowakei 1980 einem neuen Stausee weichen muss, will die fünfzehnjährige Mara nur dreierlei: hinauf – hinaus – Pilotin werden. Ihr verwitweter Vater Alexander dagegen klammert sich an den Boden, den er seit jeher bearbeitet hat – und kann am Ende nur zusehen, wie ihm beides entgleitet: das Land und die Tochter. Eingereicht als offizieller Beitrag der Slowakei für die 99. Oscar Verleihung.