Tangentiale: Themen Texte Kino – Punkt 8

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Wort, Bild und Imagination

ein Essay von Uwe Rada anlässlich des Films RHINLAND. FONTANE von Bernhard Sallmann – Krokodil, ab 12.04.2018

Landschaft als Werk von Menschenhand. Bernhard Sallmann lässt in „Rhinland. Fontane“ den Meister selbst zu Wort kommen und zeigt Bilder, die Raum lassen für Gedanken, die auf Wanderschaft gehen

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Wenn ich im Regionalexpress nach Prenzlau aus dem Fenster schaue, mit dem Fahrrad an der Oder unterwegs bin oder mit dem Auto im Ruppiner Land, bin ich auch noch Jahrzehnte nach meiner ersten Begegnung mit der Mark überwältigt. Eine Landschaft im Überfluss breitet sich vor mir aus, ganz das Gegenteil von dem, was wir in den dicht geknüpften Siedlungsteppichen zu sehen bekommen, in denen Landschaft oft nicht mehr ist als Abstandsgrün zwischen Städten und Industriegebieten. Nicht die Städte werfen in Brandenburg ihre Netze aus, sondern Wälder, Seen, Kulturlandschaften, so dass der Mensch, vor allem der aus der Stadt, schnell demütig wird. Die Mark als Trostlandschaft für den geplagten Städter. Das ist unser Bild auf die Landschaft, das Gründerzeit und Industrialisierung hervorgebracht haben. Und auch Theodor Fontane war da nicht ganz unschuldig. In seinen „Wanderungen“ erfand er die Mark als touristische Marke, und so sehen wir sie bis heute: blaue Seen, grüne Wälder, ehrwürdige Herrensitze. Landschaft und Geschichte. Geschichtslandschaft.

Gleichzeitig aber weiß ich, dass dieses Bild falsch ist, und manchmal kann man es sogar sehen. Im Oderbruch sind es die planmäßig angelegten Dörfer, die davon zeugen, dass die Landschaft von Menschenhand gemacht ist, keine Idylle, sondern ein den Sümpfen der Oder abgerungenes Stück Land für Kolonisten, die ihr Kommen nicht zu bereuen brauchten, wie Fontane wusste: „Man streute aus und war der Ernte gewiss. Es wuchs ihnen zu. Alles wurde reich über Nacht.“ Vor der großen Trockenlegung im 18. Jahrhundert lebten im Oderbruch slawische Fischer. Fontane muss ihr Schicksal sehr berührt haben, deshalb zitierte er mehr als hundert Jahre später aus alten Berichten. Der Wandel der Landschaft war ihm bewusst. Das Landschaftsbild der Mark ist auch das Ergebnis großer ökonomischer Umwälzungen.

Als ob es dazu eines Beweises bedurft hätte, hat Bernhard Sallmann seine Kamera postiert. Hat das Objektiv justiert, mit Blick über den See nach Neuruppin, die Geburtsstadt Fontanes, auf Schloss Rheinsberg, wo Preußens Kronprinz Friedrich die Jahre vor seiner Krönung verbrachte, auf Schloss Meseberg, den Stechlin. Es sind keine Kamerafahrten, die die märkische Landschaft ins Szene setzen, es ist die Landschaft selbst, die sich von der Standkamera beobachten lässt als wäre die ein menschliches Auge. Immer wieder geht der Wind durch die Gräser, gelegentlich fährt ein Auto durchs Bild, die Landschaft, die die Kamera beobachtet, ist also sehr gegenwärtig. Es sind Gedanken wie diese, die man sich beim Schauen des Filmes „Rhinland. Fontane“ von Bernhard Sallmann macht. Auch die Gedanken können auf Wanderschaft gehen.

Die Kamera, geführt von Sallmann selbst, ist das eine Element des Filmes, das andere ist eine Stimme. Sie stammt von Judica Albrecht. Albrecht hat Fontane die Stimme geliehen, und man weiß nicht, wem man sich eher hingeben mag. Dem Ebenmaß der rhythmischen Prosa des Dichters, oder dem hohen Ton, den Albrecht daraus hervorzaubert.

„Rhinland. Fontane“ ist kein Film fürs schnelle Vergnügen. Das hat er mit der märkischen Landschaft gemein. Man guckt ihn nicht einfach so weg. Man muss sich einlassen, auf die Bildästhetik und den gesprochenen Text. Dann aber gibt es eine Menge zu entdecken, und am Ende ist der eigene Blick auf die Landschaft wieder um einige Bilder reicher geworden. Zum Beispiel in Gentzrode. Nahe Neuruppin hatte 1876/1877 Alexander Gentz ein Herrenhaus im maurischen Stil bauen lassen. Es sollte die Krönung des landwirtschaftlichen Betriebes sein, den Gentz mit seinem Vater aufgebaut hatte. Die Familie Gentz war reich geworden durch den Abstich von und den Handel mit Torf, den er über den so genannten Fehrbelliner Kanal nach Berlin verschiffen ließ. Dieser märkischen Erfolgsgeschichte lassen sowohl Fontane in seinen Wanderungen als auch Bernhard Sallmann in seinem Film breiten Raum: „Gentzrode wuchs; Wiesen waren neuerdings erworben worden und die Bäume gediehen noch über Erwarten hinaus, so daß in den Gründerjahren viele Tausende davon verkauft werden konnten. Ausfälle, die trotzdem eintraten, konnten durch die reichen Torfstich-Erträge leicht gedeckt werden. Alexander Gentz verfolgte rastlos den Plan einer allgemeinen Arrondierung seines Besitzes, sowohl seiner Äcker in Gentzrode, wie seiner Torf-Gräbereien im Luch. Die Leute nannten ihn den ‚alten Blücher‘, in Anerkennung der Energie, mit der er alles durchführte, was er sich vorgesetzt hatte.“

Fontane kannte Gentz, weil seine Eltern in der Nachbarschaft des Anwesens in Neuruppin lebten. Umso mehr muss ihn der plötzliche Niedergang des nachbarlichen Unternehmens getroffen haben, der auch ein Hinweis darauf ist, wie sehr die Gestalt der Landschaft nicht nur im Oderbruch, sondern auch in der Grafschaft Ruppin den wirtschaftlichen Umwälzungen unterworfen war uns bis heute ist. Den Abstieg in Gentzrode beschrieb Fontane so: „Da, mit einem Male, war es, trotz dieser Siege, mit den ‚wachsenden Erträgen aus dem Luch‘ aus und dadurch mit Gentzrode, ja mit dem Wohlstand der Familie vorbei. Wie kam das? Der Torf war über Nacht außer Mode gekommen. Alles brannte Steinkohlen oder Briketts und selbst die Ziegeleien, die bis dahin, ein sehr wichtiger Punkt, die Konsumenten der sonst halb wertlosen Torfabgänge gewesen waren, bauten ihre Brennöfen um, um mit Hilfe dieser Neubauten die Vorteil versprechende Mode mitmachen und Steinkohlen statt Torf verwenden zu können.“

Torf also. Der Torf brachte den Wohlstand, und er nahm ihn wieder. Hart war die Arbeit der Torfstecher, auch davon zeugen Film und Fontane. Mancherorts, wie im Wustrauer Luch, wurden eigens Torfhäuser gebaut, in denen die Saisonarbeiter lebten, um mit ihren Schneideeisen, Torfmessern und Drahtschneidern die Landschaft umzugraben. Geschundene Landschaften in Brandenburg gab es nicht erst seit dem Umpflügen der Niederlausitz durch den Braunkohletagebau.

Dennoch folgt diese Landschaft einer Ordnung, die älter ist als das Werk des Menschen. Denn inmitten aller Umbrüche war es ein Fluss, der die Landschaft zusammenhielt, der Rhin, dem Sallmann auch den Titel seines Filmes schenkte, obwohl Fontane selbst diesem Teil seiner Wanderungen die Überschrift „Grafschaft Ruppin“ gegeben hatte.

„Der Rhin“, zitiert Judica Albrecht Fontane, „nimmt auf der ersten Hälfte seines Weges seine Richtung von Nord nach Süd, bis er, nach Passierung des großen Ruppiner Sees, beinah plötzlich seinen Lauf ändert und, rechtwinklig weiterfließend, ziemlich genau die Südgrenze der Grafschaft zieht.“ Fontanes Neigung, Flüsse als Ordnungssystem der Landschaft zu akzeptieren, ist offensichtlich. Drei der ursprünglich vier Bände der Wanderungen waren nach Flusslandschaften benannt, das Oderland, das Ost-Havelland und das Spreeland. Einzig die Grafschaft Ruppin bricht aus dieser Ordnung aus, um von Bernhard Sallmann wieder dorthin zurück geführt zu werden. „Rhinland“, diesen Namen trägt der Film nicht umsonst, wie das Zitat Fontanes zeigt.

Wasser als Element der Landschaftsordnung. In Brandenburg ist das etwas Selbstverständliches. Von den 14 Landkreisen des Bundeslandes tragen acht die Namen eines oder mehrerer Flüsse. Wasser gehört also nicht nur zum natürlichen Erbe Brandenburgs, das mit seinen 3.000 Seen und 33.000 Flusskilometern zu den wasserreichsten Regionen Deutschlands zählt. Wasser ist auch ein Teil seiner regionalen und kulturgeschichtlichen Identität geworden.

Gentzrode ist aber auch Beispiel dafür, wie flüchtig diese Identität sein kann.  Ohne Niederungen und Luche kein Torf, ohne Torf kein Fehrbelliner Kanal nach Berlin, ohne kein Reichtum. In gewisser Hinsicht war der Aufstieg und Fall der Torfindustrie nur ein Vorbote des Aufstiegs der Kohleindustrie. Was aber kommt danach?

Beim Torf wissen wir es. Das Herrenhaus von Alexander Gentz ist heute verlassen, eine zerfallende Ruine, der Wind und Wetter zusetzen, weil der Besitzer, ein Investor aus der Türkei, zwar eine Idee hat, sich mit der aber Zeit lässt. Eine Ferienanlage soll dort entstehen. Mit Golfplätzen, Hotel, Villen und über 700  Ferienhäusern.

Gentzrode ist also bedroht und mit ihm ein Stück märkische Geschichte. Doch im Vergleich mit dem, was an Umwälzungen auf das Land zwischen Oder und Elbe zukommen könnte, waren die Trockenlegungen der vergangenen Jahrhunderte vielleicht nur Vorboten. Ich werde künftig genauer hinschauen müssen, wenn ich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto im Märkischen unterwegs bin. Bernhard Sallmanns Film „Rhinland. Fontane“ hat mich gelehrt, wie wichtig beides ist: hinhören und hinschauen, auch wenn sonst wenig passiert.

Uwe Rada – März 2018

 

 

Tangentiale: Themen Texte Kino – Punkt 8

Tangentiale: Themen Texte Kino – Punkt 2

Erinnerungen an den Majdan

ein Essay von Andrej Kurkow
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ein Essay von Andrej Kurkow anlässlich des Films MAIDAN von Sergej Loznitsa – Krokodil 12.12.2014

aus dem Russischen von Wenke Lewandowski

Версия на русском языке приведена ниже.

Der Winter rückt näher. Und je näher er kommt, umso kälter wird es auf der Straße, umso stärker leben die Erinnerungen an die Ereignisse des letzten Winters, den Beginn des Euromajdans, wieder auf. Diese Ereignisse haben viel verändert, Land und Menschen. Die Temperatur in der Gesellschaft hat sich verändert und in den Wohnungen ist es kälter geworden. Der „Gas-Krieg“ mit Russland dauert an. An Stelle des russischen Gases flackert in vielen ukrainischen Häusern Brennholz in den Öfen und Boilern und wärmt die Menschen wieder auf, die sich nicht sicher sind: was passiert mit ihnen und ihrem Land in naher Zukunft? In viele Häuser zog das Unheil, mit dem niemand ein Jahr oder auch nur ein halbes Jahr zuvor gerechnet hatte. Fast täglich werden in verschiedenen Ecken der Ukraine Soldaten und Freiwillige, die im Donezbecken gestorben sind, beerdigt. Fast täglich werden im Donezbecken Kämpfer und Zivilisten beerdigt. Die Ukraine wird noch lange die Opfer des Konfliktes zählen, den die Russische Föderation angefacht hat. Insbesondere diese Opfer und ihre Gräber sind jetzt zur realen psychologischen Mauer zwischen dem Landesteil Donezbecken und der übrigen Ukraine geworden. Begann doch alles
friedlich und ruhig. Und viele waren überzeugt, dass auch der Euromajdan, wie die Orangene Revolution, seine Ziele – Befreiung der Gesellschaft von Korruption und Schaffung eines europäischen Rechtsstaates – auf friedlichem Wege erreichen wird. Wenn ich in meinem Tagebuch blättere oder in den Seiten meiner Erinnerung, versuche ich den Moment zu finden, den Augenblick, als der Mechanismus der friedlichen Proteste zerbrach, den Moment, als das Regime mit seinem offenen Ignorieren der Stimmungen und Forderungen der Menschen, sie, die Protestierenden, dazu brachte, vom Flüstern zum Schreien zu wechseln und von Worten zu Taten zu schreiten.

13. Dezember 2013. Draußen sind es minus 9 Grad. In der Nacht hat die Erste Hilfe fünf Soldaten der Inneren Truppen mitgenommen, die vor Hunger und Kälte bewusstlos geworden waren. Sie standen neben der Spezialeinheit der Miliz, um ihnen zu helfen, die Demonstranten von ihrem eingenommenen Territorium zurückzudrängen, die Barrikaden zu räumen. Die Soldaten waren stundenlang in Stellung. Ohne Essen. Warteten auf Befehl. In dieser Nacht kam der Befehl erst um halb vier. Die Folge war, dass sich das Territorium des „Majdans“ verkleinerte. Miliz und Soldaten befreiten das Regierungsviertel und das Gebäude des Ministerrates von Protestanten. Am Morgen kehrten deshalb die Beamten des Ministerrates freudig an ihre Arbeitsplätze zurück, worüber sofort in den Nachrichten berichtet wurde.

Doch der Majdan ging weiter. Auf der zentralen Straße Kiews – dem Chreschtschatyk –gab es neue Barrikaden. Innerhalb der Barrikaden erhoben sich große Militärzelte, über deren dünnen Zeltdachplanen Rauch aufstieg. Jedes Zelt war in weißer Farbe mit dem Namen des Ortes beschriftet, aus dem die Demonstranten gekommen waren. Die Namen der Dörfer und kleinen Städte mancher Zelte waren mit dem Drucker in großen Lettern gedruckt und am Eingang befestigt. Hier konnte man die Namen fast aller Städtchen der Oblaste Lwiw, Ternopil, Iwano-Frankiwsk finden – also der West-Ukraine. Viele kleine Städte und Städte der zentralen Regionen, des Nordens und des Südens, aber sehr wenig Zelte, die den Osten des Landes und die Krim repräsentierten. Dort, im Osten, gab es keine Majdane. Niemand protestierte. Sogar Charkiw, das große
Wissenschaftszentrum mit einer Million Einwohnern, das die Orangene Revolution 2004 aktiv unterstützt hatte, schwieg. Auch Dnipropetrowsk schwieg. In der West- Ukraine, wo die dortige Regierung die Demonstrationen unterstützte, war alles ruhig. Über dem Rathaus einer der schönsten alten Städte der Bukowina – Kamjanez- Podilskyj – wehte die Fahne der Europäischen Union. Dort gab es weder Soldaten noch Miliz. Dort gingen die Machthabenden selbst zum Majdan und die Studenten zweier Universitäten kamen nach den Vorlesungen jeden Tag gegen 14 Uhr auf den Rathausplatz, um über die Ukraine und ihre europäischen Hoffnungen zu diskutieren.

In Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, war es ganz anders. Hier koexistierten zeitweise auf einem „Majdan“ zwei und manchmal auch drei verschiedene „Majdane“. Der „Wochenend-Majdan“ versammelte an Sonntagen bis zu einer halben Million Teilnehmer. Die Kiewer kamen familienweise, mit Kindern. Sie beobachteten die ständigen Bewohner des „Majdans“ mit Neugierde und Sympathie, aber anfangs glaubten sie nicht allzu sehr daran, dass die den Majdan besiedelnden außerstädtischen Protestanten „bis zum Schluss“ gegen das korrupte Regime ausharren würden. An Wochenenden bekam der „Majdan“ mehr Romantik. Von der Tribüne erklang mehr Musik und es gab mehr intelligente und durchdachte Auftritte. Dann wurde es Montag und von einigen hunderttausend Protestierenden und Sympathisanten auf dem „Majdan“ blieben manchmal tausend, manchmal mehrere tausend Menschen. Der Zugang zur Bühne des Majdan war leichter und weniger kontrolliert. Neben den Protestierenden traten Revolutionäre und Demagogen auf, selbsternannte Dichter oder einfach Leute aus dem Volk. Wenn sie nichts zu sagen hatten, skandierten sie in der Art „Bande raus“ (Weg mit der Bande) oder patriotische Parolen, auf die das Meeting dann mit der entsprechenden Phrase zu antworten hatte. Zum Beispiel war auf den Ruf „Ruhm der Ukraine“ mit „Den Helden Ruhm!“ zu antworten, auf den Ruf „Ruhm der Nation!“ mit „Tod den Feinden!“

Am selben Tag, als ich mich zwischen den Barrikaden auf dem „Majdan“ befand, fiel meine Aufmerksamkeit auf die vorbereiteten Schneebälle, die akkurat wie Hühnereier in kleinen länglichen Kästchen auf der Innenseite des Walls aufgereiht waren. Nebenan in der Feldküche wurde Borschtsch gekocht. Protestteilnehmer brachten den hinter den Barrikaden stehenden Soldaten und Milizionären der „Berkut“-Einheit die Teller. Immer wieder boten sie ihnen Essen an. Und die
Milizionäre und Soldaten lehnten immer wieder ab. Das ähnelte schon einem Ritual.

Auf dem Majdan gab es viele Rituale. Aber hinter den Barrikaden gingen auch interessante Dinge vor sich. Zum Beispiel waren alle Tickets für die zentralen Theater ausverkauft und es war ziemlich schwierig, auch nur ein mäßig gutes Stück an diesen Abenden zu sehen. Entweder veranlasste die Zeit der „Revolution“ einen Teil der Intelligenzija, das heißt, der Mittelschicht, sich zu beeilen noch vor dem postrevolutionären Chaos in den Genuss von Theaterkunst zu kommen, oder in der Zeit der ständigen Meetings und Proteste verstärkte sich die Neigung zum Schönen, oder die Leute gingen dort einfach nur hin, um sich aufzuwärmen und sich von der ukrainischen Realität abzulenken.

Ja, die ukrainische Realität war im letzten Winter dramatischer als Tschechows Stücke. So versammelte etwa Präsident Janukowytsch an seinem Tisch drei frühere Präsidenten und erzählt ihnen lachend, dass die Miliz sehr eifrig gewesen sei, die Studenten mit Gummiknüppeln zu vertreiben und unter der städtischen Neujahrstanne Blutflecken hinterließ, woraufhin die früheren Präsidenten der Ukraine traurig nickten. All das wird im ersten Kanal des nationalen Fernsehens mehrere Male gezeigt. Der Präsident verspricht auch, die verprügelten und dann verhafteten Teilnehmer der Proteste freizulassen. Allerdings attackieren schon in der darauffolgenden Nacht auf Befehl des Innenministers Miliz und Soldaten erneut die Barrikaden und die Protestierenden. Es erscheinen Leute in Zivil, die den Protestierenden schriftliche Gerichtsbeschlüsse zur Aufhebung der Blockaden der Durchgangsstraßen und der Gebäude der Kiewer Stadtverwaltung sowie der „Gewerkschaften“ vorzeigen. Die Protestierenden verteidigen beide Gebäude und lassen die Miliz nicht passieren. Irgendwann sind alle erschöpft und frieren. Für die Protestierenden auf der nächtlichen Bühne des Majdans bietet die Sängerin Ruslana, die Gewinnerin des Eurovision-Song-Contests, Aerobic-Übungen an. Zum Wieder- warm-Werden. Hinter ihnen liegen zwanzig Tage Protest. Was kommt – weiß niemand. Es braucht Verhandlungen, doch das Regime scheut sich diese zu beginnen. Längst hätten sie den Innenminister, der der Berkut den Befehl gab, die Studenten zu verprügeln, zurücktreten lassen können. Aber es wurde kein Rücktritt veranlasst. Das Regime wartet darauf, dass die Studenten müde werden. Die Oppositionsführer – sie sind drei, und jeder hat seine eigenen Interessen und Ziele – machten nicht so einen starken Eindruck wie das Kommando der Orangenen Revolution im Jahr 2004. Mit der Miliz und den Spezialeinheiten kämpften hauptsächlich die Kämpfer der radikalen nationalistischen Partei „Freiheit“ und die Mitglieder einer anderen radikalen Gruppe – des „Rechten Sektors“. Der Führer der „Freiheitspartei“, Oleh Tjahnybok, hätte niemals Verhandlungen mit der machthabenden Partei zugestimmt. Arsenij Jazenjuk, der Führer der „Vaterlandspartei“, der Julija Tymoschenkos Platz eingenommen hatte, war, wie mir damals schien, zu Verhandlungen bereit. Aber Julija Tymoschenko selbst rief aus dem Gefängnis den „Majdan“ dazu auf, keine Verhandlungen mit dem Regime zu führen und „bis zum Schluss“ keine Kompromisse einzugehen. Witalij Klytschko, ein weniger erfahrener Oppositionspolitiker, stand auf den Barrikaden und einfach und allein durch seine ehrlich verdiente Popularität hielt er die Soldaten und Milizionäre auf. Wäre er zu Verhandlungen gegangen, hätte ihn das frühere Regime wahrscheinlich mit Leichtigkeit hinters Licht geführt.

Im Januar 2014 versetzten die ersten beiden Todesopfer des Majdans die Ukraine in Schrecken: neben den Barrikaden auf der Chruschewskyj-Straße wurden der ukrainische Armenier Sergej Nigojan und der Weißrusse Michail Schisnewskij getötet. Im Februar weinte die ganze Ukraine über die „Himmlischen Hundert“, über die unbewaffneten Teilnehmer der Proteste, die von Snipern erschossen wurden. Anfang März erwartete die Ukraine jeden Morgen den von Russland angekündigten Krieg – sogar der Föderationsrat der Russischen Föderation stimmte einstimmig für die „offizielle“ Entsendung russischer Truppen auf ukrainisches Territorium. Zu dieser Zeit waren bereits Truppen auf der Krim und die Okkupation der Krim schritt zusehends voran. Etwas später stimmte der Föderationsrat Russlands, nachdem Putin dazu aufgefordert hatte, für die Abschaffung dieses Gesetzes. Die russischen Truppen kamen dann inoffiziell in die Ukraine, indem sie vorgaben, Freiwillige, Mitglieder der regionalen Opoltschenije (prorussische Kämpfer; Anm. d. Übers.) oder Donkosaken zu sein. Wie viele Monate schon ist Krieg, obwohl seit dem 5. September im Osten der Ukraine Waffenruhe gilt. Aber der Krieg unter dem Deckmantel der Waffenruhe geht jeden Tag weiter. Über die 120 Kilometer lange Grenze, die die Kämpfer des Donezbecken zusammen mit der russischen Armee kontrollieren, fahren täglich hunderte von Lastwagen, Dutzende Geschosse auf Selbstfahrlafetten, massenweise Panzer und Mannschaftstransportwagen. Wann und wodurch die jetzige Situation beendet werden wird – weiß niemand. Der „Tragödienkatalog“ erweitert sich ständig. Die alten Tragödien werden allmählich Geschichte, vergessen. Fast vergessen ist auch die Tragödie des Malaysia-Airlines- Fluges MH17. Und wenige erinnern sich an die über zwanzig ukrainischen Flugzeuge und Hubschrauber, die von Kämpfern und russischem Militär abgeschossen wurden. Wir leben im Kriegszustand. Es gibt keinen Krieg ohne Tragödien, ohne Todesopfer in der Zivilbevölkerung. Und es gibt keinen Krieg ohne Todesopfer unter den Soldaten.

In Kiew ist es jetzt fast ruhig. Das Leben wird teurer, Strom- und Benzinpreise steigen. Die Regierung arbeitet. Von der Front hierher zurückgekehrte Mitglieder des Rechten Sektors und anderer radikaler Gruppen schnappen sich korrupte Beamte und Politiker und verpassen ihnen eine Abreibung. Kiewer, die neben Kriegs- oder Milizkrankenhäusern wohnen, sehen über den Zaun hinweg manchmal junge Soldaten, die vom Donezbecken nach Kiew überführt wurden – ohne Arme oder Beine. Die Kinder in den Kiewer Schulen betrachten die Flüchtlingskinder, die in ihre Klassen gekommen sind, mit viel Aufmerksamkeit und hören ihren Geschichten zu. In Kiew wird nicht geschossen und das ist die Hauptsache. In Kiew ist Frieden. Wie damals im November und Dezember 2013, als in Kiew Frieden und Majdan war, und beide nebeneinander existieren konnten.

Auf dem Majdan sind keine Spuren der kürzlichen Proteste zu finden. Sie sehen dort nicht ein Zelt mehr, nicht eine Barrikade. Über die Chreschtschatyk-Straße und durch die um den Majdan gelegenen Nebenstraßen fahren die Autos und der öffentliche Verkehr wieder. Ich erinnere mich an die letzten Wochen des postrevolutionären Majdans, an das Ende des Sommers. Vor allem an einige hundert Revolutionäre in Tarnuniform, die scheinbar gleich nachdem der Majdan die alte Regierung besiegt und aus dem Land gejagt hatte, auftauchten. Sie, die postrevolutionären Postrevolutionäre, wollten das Kiewer Zentrum nicht verlassen. Sie wollten bleiben und manche von ihnen führten sogar Verhandlungen mit der Stadtverwaltung über die Räumung des Majdan im Austausch gegen Arbeit in Kiew, oder besser noch – gegen Arbeit und Wohnraum. Sie patrouillierten nachts auf dem Majdan, wie auf ihrem eigenen Territorium.

Wie lang das her ist, und wie lang auch wieder nicht! Fast die ganze Regierung des früheren Premierministers Mykola Asarow hat sich längst in Russland niedergelassen, zusammen mit ihren Familien und Businesspartnern. Russischer Bürger wurde auch der frühere Präsident der Ukraine Wiktor Janukowytsch mit seiner Familie. Um ihre Zukunft hat niemand Angst, außer ihnen selbst. Persönlich habe ich mehr Angst um die Zukunft hunderttausender anderer ukrainischer Flüchtlinge, die das Donezbecken und die von Russland okkupierte Krim verlassen haben. Viele von ihnen gerieten ebenfalls nach Russland, viele von ihnen verloren ihr Zuhause, ihre Angehörigen. Und für viele ihrer Tragödien geben sie nach wie vor dem Majdan die Schuld. Für sie sind der Majdan und Kiew fast ein und dasselbe. Sie wollten den Majdan nicht. Sie mochten das Leben unter dem damaligen Regime, sie mochten Korruption und Armut. Hauptsache, sagten sie: Stabilität! Und genau diese Region, die am meisten über Stabilität sprach, sprang leicht auf die Aufrufe der russischen Nationalisten und Politiker an und erhob einen Aufstand gegen Kiew, in der Hoffnung, dass Russland, nachdem es die Krim annektiert und sie für russisch erklärt haben würde, ebenso leicht das Donezbecken annektieren und für russisch erklären würde.

Jedes Mal, wenn ich versuche die nähere Zukunft vorherzusagen, wird meine Stimmung trüb. Früher hatte ich die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen, aber jetzt habe ich diese Gabe verloren. Jetzt entwickeln sich die Ereignisse außerhalb jeglicher Logik. Und wenn meine Stimmung trübe wird, versuche ich sie zu korrigieren und gehe in Gedanken in die Vergangenheit, in die lichte Vergangenheit. Diese lichte Vergangenheit war und bleibt für mich der Majdan des Jahres 2004 – die Orangene Revolution. Eine ebenso lichte Vergangenheit bleibt für mich der erste, unblutige Teil des Euromajdans des Jahresendes 2013. Die Ukraine durchlebt diese schwierigen Zeiten. Durchlebt sie und besiegt sie, und hat bereits sehr hoch für den Wunsch bezahlt, ohne Korruption und ohne die Erpressungen der Russischen Föderation zu leben, an europäischen Werten orientiert zu leben. Ich bin überzeugt und habe den Wunsch, dass nicht ein Ukrainer von dieser Hoffnung verlassen wird, von der Hoffnung auf eine lichte Zukunft.

Andrej Kurkow – Oktober 2014

ТАНГЕНЦИАЛЕ
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Пункт 2 Майдан и память

эссе Андрея Куркова – в диалоге с фильмом Сергея Лозницы МАЙДАН – Крокодил 12.12.2014

Приближается зима. И чем ближе она подходит, чем холоднее становится на улице, тем сильнее оживают воспоминания о событиях прошлой зимы, о начале Евромайдана. Эти события изменили многое, изменили страну, изменили людей. Изменилась температура в обществе и похолодало в квартирах. «Газовая война» с Россией продолжается. Вместо российского газа во многих украинских домах трещат в печках и бойлерах горящие дрова, согревая людей, не уверенных теперь: что принесет им и их стране ближайшее будущее? Во многие дома пришла беда, которую не ожидали ни год, ни даже полгода назад. Почти каждый день в разных уголках Украины хоронят солдат и добровольцев, погибших на Донбассе. Почти каждый день хоронят на Донбассе боевиков и местных жителей. Украина еще будет долго подсчитывать число жертв конфликта, который раздула Российская Федерация. Именно эти жертвы и их могилы стали теперь реальной психологической стеной между частью Донбасса и всей остальной Украиной. А начиналось все мирно, спокойно. И была уверенность у многих, что Евромайдан, как и Оранжевая революция, достигнет своих целей – очищения общества от коррупции и создания европейского правового государства – мирным путем. Перелистывая страницы своего дневника и страницы своей памяти, я пытаюсь найти тот момент, то мгновение, когда механизм мирных протестов «сломался», тот момент, когда власть своим открытым игнорированием настроений и требований людей, заставила их, протестующих, перейти с шепота на крик, со слов на действия.

13 декабря 2013 года. На улице минус девять. Накануне ночью скорая помощь забрала пять солдат внутренних войск, упавших в обморок от голода и холода. Они стояли рядом со спецподразделениями милиции, чтобы помогать им оттеснять митингующих с захваченной ими территории, чтобы помогать разбирать баррикады. Солдаты стояли в строю часами. Без еды. Ждали приказа. Той ночью приказ дали только в пол-четвертого. В результате территория «Майдана» уменьшилась. Милиция и солдаты освободили от протестующих правительственный квартал и здание кабинета министров. Поэтому утром чиновники кабинета министров с радостью вернулись на свои рабочие места, о чем тут же сообщили в новостях.

Однако майдан продолжился. На центральной улице Киева – Крещатике – появились новые баррикады. Внутри баррикад поднялись большие военные палатки, над их мягкими брезентовыми крышами – дым из труб. На каждой палатке было написано белой краской название населенного пункта, откуда приехали митингующие. На некоторых названия сёл и городков были распечатаны на принтере крупными буквами и прикреплены у входа в палатку. Тут можно было найти названия почти всех маленьких городков Львовской, Тернопольской, Ивано-Франковской областей – то есть Западной Украины. Много городков и городов центральных регионов, Севера и Юга, и очень мало палаток, представлявших Восток страны и Крым. Там, на Востоке, майданов не было. Никто не протестовал. Даже Харьков, большой научный центр с миллионом населения, активно поддерживавший Оранжевую революцию в 2004 году, молчал. Молчал Днепропетровск. На Западной Украине, где местная власть поддерживала майданы, все было спокойно. Над мэрией одного из самых красивых старинных городов Буковины – Каменца-Подольского – развевался флаг Европейского Союза. Там не было ни солдат, ни милиции. Там местная власть сама приходила на «майдан» и студенты двух университетов после занятий каждый день к 14-00 прибывали на площадь перед мэрией говорить об Украине и ее европейских надеждах.

В Киеве, столице Украины, все происходило иначе. Тут на одном «майдане» время от времени сосуществовали два, а иногда и три разных «майдана». «Майдан выходного дня» собирал по воскресеньям до полумиллиона участников. Киевляне приходили сюда семьями, с детьми. Рассматривали постоянных жителей «майдана» с любопытством и симпатией, но поначалу не очень-то верили, что заселившие Майдан иногородние участники протестов будут стоять «до конца» против коррумпированной власти. В выходные дни «майдан» становился более романтическим. С трибуны звучало больше музыки и умных, продуманных выступлений. Потом приходил понедельник и вместо нескольких сотен тысяч протестующих и сочувствующих на «майдане» оставались иногда тысяча, иногда несколько тысяч человек. Тогда пропуск на сцену Майдана становился более либеральным и менее ответственным. Перед протестующими выступали революционеры и политики-демагоги, самодеятельные поэты и просто представители народа. Когда им нечего было сказать, они провозглашали «кричалки» типа «Банду геть» (Долой банду) или патриотические «кричалки», на которые митинг должен был отвечать правильной фразой. Например, на выкрик «Слава Украине» надо отвечать ответным выкриком «Героям слава!», а на выкрик «Слава нации!» в ответ надо кричать «Смерть врагам!» .

В тот же день, находясь внутри баррикад на «Майдане», я обратил внимание на заготовленные снежки, аккуратно, как куриные яйца, разложенные в мелких широких ящиках с внутренней стороны укреплений. Рядом на полевой кухне готовился борщ. Участники протестов несли тарелки стоящим за баррикадами солдатам и милиционерам из отряда «Беркут». Постоянно предлагали им поужинать. Милиционеры и солдаты отказывались. Это было похоже на какой- то ритуал. На майдане существовало много ритуалов. Но за баррикадами тоже происходили интересные вещи. Например, все билеты в центральные театры были раскуплены и попасть даже на слабые спектакли в эти вечера было довольно сложно. То ли время «революции» заставило часть интеллигенции, то есть среднего класса, спешить насладиться театральным искусством перед пост-революционной разрухой, то ли во время постоянных митингов и протестов у людей обострялась тяга к прекрасному, то ли люди туда ходили просто погреться и отвлечься от украинской реальности.

Да, украинская реальность прошлой зимой была драматичнее, чем пьесы Чехова. То президент Янукович соберет у себя за столом трех прошлых президентов и, хихикая, расскажет им, что милиция немного перестаралась, разгоняя студентов резиновыми дубинками и оставляя под городской новогодней елкой пятна крови, на что предыдущие президенты Украины будут грустно кивать. Все это покажут по первому национальному телеканалу несколько раз. Президент также пообещает освободить побитых, а потом арестованных участников протестов. Однако уже следующей ночью по приказу министра внутренних дел милиция и солдаты снова пойдут в атаку на баррикады и на протестующих. Появятся люди в штатском, которые предъявят протестующим письменные решения судов о разблокировании проезжей части улиц и здания киевской мэрии и «дома профсоюзов». Протестующие отстоят оба эти здания и не пустят милицию внутрь. Все будут усталыми и замерзшими. Для протестующих на ночной сцене майдана певица Руслана, победительница конкурса Евровидения, будет проводить уроки аэробики. Чтобы разогрелись. Позади двадцать дней протестов. Что впереди – еще никому не известно. Нужны переговоры, но власть боится их начинать. Они могли бы уже отправить в отставку министра внутренних дел, который отдал приказ «Беркуту» бить студентов. Но никого не отправили в отставку. Власть ждет, когда протестующие устанут. Лидеры оппозиции – а их трое, и у каждого свой интерес и свои цели – не выглядели так крепко, как в 2004-м году выглядела команда Оранжевой революции. С милицией и спецподразрелениями воевали в основном бойцы радикальной националистической партии «Свобода» и члены другой радикальной группы – «Правого сектора». Лидер «Свободы» Олег Тягнибок никогда бы не согласился на переговоры с партией власти. Арсений Яценюк, лидер партии «Батькивщина», заменивший Юлию Тимошенко, как мне тогда казалось, к переговорам был готов. Но сама Юлия Тимошенко из тюрьмы призывала «майдан» никаких переговоров с властью не проводить и идти «до конца». Виталий Кличко, наименее опытный оппозиционный политик, стоял на баррикадах и даже просто своей честно заработанной популярностью останавливал солдат и милиционеров. Если бы он пошел на переговоры, то его, скорее всего, прошлая власть легко бы обманула.

В январе 2014 года Украина ужаснулась первым двум смертям на Майдане: возле баррикад на улице Грушевского были убиты украинский армянин Сергей Нигоян и гражданин Белоруси Михаил Жизневский. В феврале вся Украина плакала по Небесной сотне, по расстрелянным снайперами безоружным участникам протестов. В начале марта Украина каждое утро ожидала обещанную Россией войну – даже Совет Федерации Российской Федерации проголосовал единогласно за «официальное» введение российских войск на территорию Украины. К этому времени войска уже были введены в Крым и оккупация Крыма шла полным ходом. Немного позже Совет Федерации России по просьбе Путина проголосовал за отмену этого закона, и российские войска стали проходить на Украину неофициально, притворяясь то добровольцами, то местными ополченцами, то донскими казаками. И вот уже который месяц идет война, хотя официально с 5 сентября на Востоке Украины действует перемирие. Но война под зонтиком перемирия идет каждый день, через 120 километров границы, которую контролируют боевики Донбасса вместе с российской армией, проезжают каждый день сотни грузовиков, десятки самоходных пушек, множество танков и бронетранспортеров. Когда и чем закончится нынешняя ситуация – неизвестно. В «каталог» трагедий добавляются новые. Старые трагедии потихоньку становятся историей, забываются. Мало уже вспоминают и трагедию авиарейса МH17 Малайзийских авиалиний. Мало кто вспоминает и о больше двадцати украинских самолетах и вертолетах, сбитых боевиками и российскими военными. Мы живем в состоянии войны. Войны без трагедий и гибели гражданского населения не бывает. Тем более, не бывает войны без гибели солдат.

В Киеве сейчас почти спокойно. Жизнь дорожает, дорожают электричество и бензин. Правительство работает. На этом фоне вернувшиеся с фронта члены Правого Сектора и других радикальных групп ловят коррумпированных чиновников и политиков и засовывают их в мусорные баки. Киевляне, живущие возле военных или милицейских госпиталей иногда видят через забор безруких и безногих парней-солдат, привезенных с Донбасса. Дети в киевских школах напряженно присматриваются и прислушиваются к детям беженцев, пришедших в их классы. В Киеве не стреляют, и это – самое главное. В Киеве мир. Как тогда, в ноябре и декабре 2013 года, когда в Киеве был мир и был Майдан и они спокойно сосуществовали.

На Майдане уже нет следов недавних протестов, уже не увидите вы там ни одной палатки, ни одной баррикады. Снова по Крещатику и по улочкам вокруг Майдана ездят машины, ходит городской транспорт. Я вспоминаю последние недели пост-революционного майдана, конец лета. Несколько сотен революционеров в камуфляжной форме, которые, казалось, появились там уже после того, как Майдан победил и выгнал старое правительство из страны. Они не хотели уходить из центра Киева, эти пост-революционные пост- революционеры. Они хотели остаться и некоторые из них даже вели переговоры с мэрией об освобождении Майдана в обмен на работу в Киеве, а лучше – на работу и жилье. Они патрулировали майдан по ночам, как свою частную территорию. Как давно это было, и как недавно! Почти всё правительство бывшего премьер- министра Николая Азарова уже освоилось в России, вместе со своими семьями и бизнес-партнерами. Стал гражданином России и бывший президент Украины Виктор Янукович со своей семьей. Но их будущее никого, кроме их самих не волнует. Лично меня больше волнует будущее сотен тысяч других украинских беженцев, покинувших Донбасс и оккупированный Россией Крым. Многие из них тоже оказались в России, многие из них потеряли свои дома, своих родных. И во всех своих трагедиях они продолжают винить Майдан. Для них Майдан и Киев – это почти одно и тоже. Они не хотели Майдана. Их устраивала жизнь при предыдущей власти, их устраивала коррупция и бедность. Главное, они говорили, это стабильность! И именно регион, который больше всего говорил о стабильности, легко откликнулся на призывы российских националистов и политиков, и поднял против Киева восстание, надеясь, что Россия, только что аннексировавшая и объявившая российским Крым, так же легко аннексирует и объявит российским Донбасс.

Всякий раз, когда я пытаюсь предсказать ближайшее будущее, настроение мое становится мрачным. Раньше мне удавалось предсказывать будущее, но теперь я утратил этот дар. Теперь события развиваются вопреки логике. А когда мое настроение становится мрачным, я пытаюсь его исправить и ухожу мыслями в прошлое, в светлое прошлое. Таким светлым прошлым для меня был и останется Майдан 2004 года – Оранжевая революция. Таким же светлым прошлым останется для меня и первая, бескровная часть Евромайдана конца 2013 года. Украина переживет эти тяжелые времена. Переживет и победит, заплатив очень много за свое желание жить без коррупции и без шантажа Российской Федерации, жить, руководствуясь европейскими ценностями. Я в этом уверен, и хотел бы, чтобы ни одного украинца не покидала эта надежда, надежда на светлое будущее.

Андрей Курков – окт. 2014

Tangentiale: Themen Texte Kino – Punkt 2

Tangentiale: Themen Texte Kino – Punkt 1

Peter Wawerzinek über Anderson

Ein Essay anlässlich des Films «Anderson» von Annekatrin Hendel
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Oh, Mann, ist das alles lange her. Aber es brennt noch in meiner Brust. Ob ich es wahr haben will oder verdränge. Die Berliner Szene gab es. Die Berliner Szene war da und extrem übersichtlich. Alles so schön handverlesen. Wie als wollten sie es dem Sicherheitsdienst extra leicht machen. Was da geheim war, zwitscherten die Regenbogenpressepfeifer vor den Spatzen munter vom Dach herunter. Was bitte sehr sollte denn in Berlin, wo man sich politisch als Anti profilieren wollte und auch verfolgt sein mochte, geheim sein? Es ging doch gar nichts mit Geheimniskrämerei anzukurbeln. Die andere Seite musste doch immer Wind bekommen und angefixt werden. Gegnerschaft verlangte doch Positionierung. Hier der doofe Staat, dort die hyperaktiven Dissidenten und ihre vielen unterschiedlichen Freiheitsvorschläge.

Es gab halt nur zwei Orte für Wohnungslesungen. Niemand wollte es kompliziert und unüberschaubar werden lassen. Das Freiheitsbedürfnis war wie beim Toilettengang kanalisiert, in Männlein, Weiblein unterteilt. Man konnte da gar nichts Unrechtes tun, sich verlaufen oder falsch liegen. Man musste sich entscheiden, ob nun bei Ekke Maaß oder Gerd Poppe vorbeigeschaut wird.

Was die Wohnungslesungen bei den beiden Protagonisten etwas unangenehm machte, waren eben die Bürgerrechtler mit ihrer Konspiration, nicht Inspiration. Alles war Konspiration. Selbst die Zierfische im Aquarium bei Poppe unterlagen der Konspiration. Ich erinnere mich an meinen Osteekumpel Wespe. He, dem hatte ich eine Wohnung schwarz in meinem Haus Raumerstrasse 41 besorgt. Einfaches Ding damals. Einen Tisch, einen Stuhl, eine Matratze und vielleicht einen kleinen Kühlschrank in der Bude gestellt, fertig war der schwarze Wohnzustand. Und dann ab zum Amt mit Räucheraal oder Westkaffee, fünfhundert Mark Strafe bezahlt, zack. Und schon war jener Wespe ein beglaubigter Berliner Wohnungsinhaber. Okay.

Jedenfalls frage ich den Neuberliner eines Tages, was denn so anliegt in meinem Stadtbezirk? Und der Kerl sagt doch glattweg: Nix weiter. Und weil es immer anders kommt und auch keine Zufälle gibt, rennt mir am Abend Adolf Endler, der Szeneautor im Prenzlauer Berg schlechthin, vor die Füsse. Wohin denn so flink, rufe ich dem Eilenden nach. Zu Poppe, Hauslesung! Komm doch einfach mit. Gesagt, getan.

Es war so herrlich einfach mit einem Typen wie diesen Endler die Barrieren zu durchhuschen. Ein Freund des Autor, aber Hallo, tritt nur zügig ein, junger Freund. Und wie ich so in die gute Stube komme, wen sehe ich da unter den siebzig Gästen quasselnd am Boden sitzen? Meinen, von der Konspiration völlig in Besitz genommenen Ostseekumpel Wespe, den (das darf ich nicht verschweigen) Literatur nun wirklich herzlich am wenigstens juckte, damals. Und ich glaube das ist heute noch so. Der wollte immer viel, viel lieber Bürgerrechtler sein. So mit Schwerter auf Fliegenklatsche umschmieden und diesem Dichter Reiner Kunze folgen, der solchen immensen Unfug wie: Treten Sie ein, legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen, schrieb. Ich werde niemals nur in so einer konspirativen Bude hocken, schweigen und irgendeinen Gesundheitstee sabbern, nie! Bei mir darf es laut sein. Bei mir darf man alles Unerhörte mehrfach ausgeplaudern. Ich mochte diese Konspiration einfach nicht. Sie macht die Leute so furchtbar schlapp und irgendwie ängstlich bis hysterisch, irgendwie eisern esoterisch.

Ich stehe vor Wespe und der liegt am Boden wie am Ostseestrand auch, und sagt von unten her zu mir herauf was von: He, hättest doch sagen können, dass du genauso gut Bescheid weißt, dann wären wir schön gemeinsam hier aufgetaucht.

Ich meine, dieses unsportliche Verhalten der Leute, die sich freiwillig in die Konspiration begeben haben, kam von der Konspiration selbst über sie. Die Konspiration hatte sie alle fest im Griff gehabt. Wer sich ihr nicht unterwarf, war raus, kam nicht in Frage für das Bürgerrechtlertum und wurde nicht in die Freiheitsgruppe aufgenommen. Ich empfand die konspirativen Leute seltsam. Sie wollten Freiheit und machten einen auf Verschwiegen. Die waren alle durch die Bank so gerne kleine Geheimnisträger, viel lieber als dass sie offene Typen und geradeheraus auf Teufelkommhervor wären.

Nun ja, das nervte mich schon sehr. Ich wollte Dichtung, Literatur einpfeifen. Und immer wurde ich an der Tür aufgehalten und peinlich befragt: Und wer bist du? Und von wem kommst du? Wer schickt dich? Ich meine, ist das höflich, einen wie mich gleich für Stasi zu halten? Nur weil ich Wolfgang Hilbig oder Elke Erb einmal live erleben wollte? Und aber doch gezwungen war, dort anzutanzen? Weil, wann hat man denn schon eine Wohnungslesung direkt vor der eigenen Haustür? Also wirklich. Und war man dann am Türposten vorbei, wurde man aus hunderten Augen angeguckt, als wäre der Seemannspullover an meinem Leib Tarnung und in Wirklichkeit ein Stasianzug mit Abhörkragen und Fotolinsenknöpfen und der Leberfleck kein Leberfleck am Hals, sondern ein Orden, in die Haut tätowiert.

Ich kam mir immer vor, als hätte ich mir zu unrecht Eintritt verschafft und sollte besser gleich wieder verschwinden. Das machte mir die Wohnungslesungen so unsympathisch. Der reinste Stress, Kinder. So dass ich es bei einigen Versuchen beließ, an mich hielt, da dann auch nicht mehr hinging. Schade war das schon. Denn nun hörten dem Dichter Endler nur noch die Leute zu, die mit dem Zeug von ihm am wenigsten anfangen konnten.

Ich meine, ich wollte Literatur pur erleben und nicht mit den Dissidenten am Aquarium im Hinterzimmer stehen und über freie Kindergärten plappern, oder darüber, was kindertechnisch im Staate DDR getan werden muss, welche Papiere zu unterschreiben sind, damit die Raketen weltweit endlich verschwinden.

Für diese nötigen Anstrengungen gab es doch reichlich Personal. Ich meine, die Dissidentenschar war doch in Berlin deutlich in der Überzahl. Es gab niemals so viel Künstler wie Bürgerrechtler jedweder Art und Größe. Gute Dichter waren rar im Land. Und die paar, die es gab, mussten sich dann von denen anspannen und gebrauchen lassen, die die Literatur nicht so auf der Pfanne hatten. Die wenigen guten Dichter wurden nichts weiter als nur grüne Petersilie auf der kalten Platte der Bürgerwehr.

Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich weiter darüber schreibe. Trotzdem will ich am Thema bleiben! Also, ich sage einmal so: Die zwei, drei, vier Ritter, die sich wohnungslesetechnisch ordentlich ins Zeug warfen, waren landesweit dafür auch bekannt. Was also sollte diese verdammte Konspiration denn bei den Lesungen, die doch alles nur kompliziert gemacht hat und Misstrauen gestreut? Ich meine, Konspiration hat doch bei Lesungen nichts zu suchen. Konspiration ist doch eher was für klemmige Politpersonen, die überall Spione wittern, wo sie ja auch wirklich waren und sind.

Alles so hausgemacht. Alles so übersichtlich. Was die Macher in der Literatur betrifft, so waren die eben nur Sascha Anderson und Lutz Rathenow. Zwei auffallend unterschiedliche Typen. Okay. Der Anderson war selbstverliebt und träumte vom Doppelposten als Spion und brauchte die Lyrik nicht wirklich für sein Leben. Und der Rathenow war eher untalentiert, aber in feste, dissidentische Strukturen eingebunden. Dem Rathenow habe ich auf Anfrage einmal gesagt, dass ich lieber in China veröffentlichen würde, wegen der Milliarde Menschen, von denen ein paar Millionen mich lesen würden, als in einer seiner westlichen Literaturzeitschrift zu erscheinen. Der Westen war absolut nicht mein Sehnsuchtsgebiet. Aachen, was soll ich mit Aachen anfangen? Nein, danke. Ich meinte, man sollte nach Jamaika zu Peter-Paul Zahl gehen und dort schreiben. Ich wäre gern in Kuba wohnhaft geworden. Damals zumindest, war das meinTraum. Was lockten mich Peter Rühmkorf im Hamburger Speckbereich oder diese Frankfurter Mainhatten-Literaten?

Und ich sage mir heute, zum Glück waren die alle so konsequent konspirativ, dass sie Schriftsteller wie mich zuerst als wankelmütige Gesellen ansahen. Mich ächteten sie zudem als einen Schauspieler, der den wilden Literaten nur als private Vorstellung gibt. Die konnten sich Echtheit an mir gar nicht vorstellen. Vorstellen und verstellen, das sind halt zwei zu ähnliche Worte, als dass da die Bürgerrechtler durchblicken. Literatur ist, wenn sie hilfreich sein will edel und gut, schwierig. Ein Bürgerrechtler in der DDR werden, war dagegen doch kinderleicht. Man musste nur irgendeinen Aufkleber an seine Jacke nähen und irgendwelche Parolen bemühen, schon war man der engagierte Antityp. Und weil das so leicht war, war das auch mein Glück. Ja, mein Glück war, dass sie mich als nicht brauchbaren Typen abgestempelt haben. Ich war von Beginn an abgeschrieben. Da genügte ein Blick dieser Bohley. Da musste sich Ralf Hirsch nur am Kinn kratzen, schon wurde ich gemieden, in Ruhe gelassen, nicht weiter mit diesen Friedenspapieren behelligt. Es mag bockig genannt werden, okay. Dann war ich eben bockig. Von mir aus sollten sie alle ab einer bestimmten Zeit schön unter sich bleiben. Sie waren mir allesamt viel zu weit von meiner Kunst und Literatur entfernt, als dass ich mich mit ihnen darüber besprechen konnte.

Dass sie sich dann in meiner Person geirrt haben, mich nie richtig einzuschätzen wussten, war dann aber auch mein Schutz. Man weihte mich in den ganzen Politkram nicht ein. Ich galt den Dissidenten bis zum Fall der Mauer (und lange Zeit danach) als eine hoffnungslos starrsinnig künstlerisch interessiert Randperson.

Adolf Endler als Freund in der Szene gehabt zu haben, war ja auch ein guter, gütiger, gültiger Stempel. Ich hatte immer nur deswegen überall Zutritt, bis das dann auch vorbei und ausgestanden war und Endler mir sagte, er wisse auch nicht, was passiert sei? Nun ja, dann eben nicht mehr Wohnungslesungen und Rudolf-Bahro-Studium mit spitzen Bleistift.

Peter hat sich wohl schlecht benommen. Peter darf nicht mehr kommen. Es ist traurig, aber ich weine deswegen nicht. Ich kann so herzlich wenig zu Anderson sagen. Die paar Begegnungen sind Flugasche. Als ich nach Berlin kam, war Anderson schon da. Ich sah ihn im Wiener Café (kurz WC genannt) umringt von weiblichen Groupies. Er trug die Haare zu kleinen Zöpfen geflochten. Ich fand die Frisur nicht nur mädchenhaft, sondern auch woodstockverspätet getragen. Man sprach, wenn man über Anderson sprach von Underground und dem inneren Zirkel, zu dem man gehören müsse, um dann zu den besonderen Lesungen in private Wohnungen eingeladen zu werden. Das Boot war echt wohl schon voll, als Matthias Baader Holst und ich künstlerisch in die Stadt einritten. Ich denke, man nahm uns wahr, aber wir wurden nicht hinzugezählt. Man stempelte uns als nichtrelevant ab. Nichtrelevant war nach Underground auch so ein Wort, das ich erst im Duden nachschlagen musste, es zu kapieren. Wir wurden nicht zum Kunststamm gerechnet und sind deswegen auch auf keinem Gruppenfoto zu sehen, das später alle Untergrundkünstler vereint um Anderson zeigte. Irgendwie juckte mich die Ablehnung herzlich wenig. Baader dagegen ballte oft die Faust, wenn er den Namen Anderson aussprach. Er redete davon, dass wir ihn kriegen werden. Dieses Wir kriegen dich galt im Westen für Vergewaltiger. Ich fand den Vergleich unpassend, musste aber dennoch über die Assoziation schmunzeln. Mehr aber auch nicht. Ich fand es auf der anderen Seite sehr bedauerlich, dass Baader sich in diesen albernen Mann so festbiss. Ich habe das Buch mit dem Satelliten, der einen Killersatelliten haben soll, gelesen. Ich konnte mit den Gedichten absolut nichts anfangen. Ich hielt Anderson deswegen für einen Blender und überschätzt. Und wunderte mich, wie wichtig er zum Beispiel von Adolf Endler, dessen bizarre Gedichte ich liebte, genommen wurde. Ich war auch einmal auf einer Lesung von ihm. Das war, glaube ich bei den Poppes. Und habe von der Lesung zumindest eine Orange im Kopf behalten. Eine Orange, die auf irgendeinem Tuch oder Teppich lag. Ich weiß noch, dass ich dann, als es eben ganz frisch bekannt war, wie sehr Anderson nebenbei eine bezahlte Plaudertasche war, vorm Café Kiryl mit Penk und Papenfuß in einem Auto saß. Es ging um den Fall Anderson. Penk sprach davon, dass man ihn ja nicht erschießen könne oder so. Der Meinung war ich auch. Ich bekam damals auch die sehr innige Freundschaft zwischen den Künstlern im Auto zu Anderson mit. Da passte kein Papier dazwischen. Er muss dem Penk zum Beispiel früher einmal seelisch sehr geholfen. Und Penk war ihm deswegen dann lebenslang sehr verbunden. Es war auch davon die Rede, Anderson bei seinen Lesungen zur Seite zu stehen. Ich staunte nicht schlecht, dass man mich dazu einlud. Gott sei Dank war ich eben Vater einer Tochter geworden. Ich konnte mich mit ihr brav herausreden. Einmal hat Anderson mich zu ein paar Gedichten von mir belehrt. Ganz nachvollziehen konnte ich seine Schulung nicht. Ich stehe für ein anderes Schreiben. Ich habe nicht groß über seine Kommentare nachgedacht, die Gedichte belassen wie ich sie aufgeschrieben hatte. Mehr ist zwischen uns nicht geschehen. Oh nein. Vor ein paar Tagen grüsste er mich im Vorbeigehen mit einem Hund an der Leine. Oh, dachte ich, da ist ja ein Hund, und dieser Hund hat den Anderson an der Leine dabei. Wau.

Tangentiale: Themen Texte Kino – Punkt 1

Thomas Heise anlässlich der Aufführung seiner Filme VOLKSPOLIZEI und EISENZEIT

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Thomas Heise anlässlich der Aufführung seiner Filme (Text als PDF, Plakat in groß)

VOLKSPOLIZEI 1985 – am Fr, 27.10.2017

EISENZEIT – am Mi, 22.11. mit Filmgespräch

im Rahmen der Reihe „Aus vergangener Zukunft“ anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution – Kino Krokodil, 19.10.-29.11.2017

Dabei fällt mir eine ganz andere Geschichte ein, eine zu Dokumentarfilm überhaupt. Warum man das überhaupt macht. Machen muss.

Der randständige Planet erwies sich nämlich als Zumutung. Die als rivalisierende Gangs ihn bewohnenden, zottigen, streng riechenden Affenartigen hatten das Raumschiff auf der Lichtung im Wald umzingelt und als erstes die gerade ausgeladenen glänzenden Aluminiumkisten in die Tiefe des Waldes geschleppt, um sie dort mit Knüppeln und Steinen zu traktieren bis ihre Scharniere brachen. Sie verteilten die in den Kisten gefundenen Gerätschaften desinteressiert im Unterholz, behielten, was ihnen nützlich oder als Schmuck erschien. Als sich der Raumfahrer in der Schleuse blicken ließ, bewarfen sie ihn unter gellenden Schreien mit Knüppeln, Steinen und Exkrementen und erst mit der Dunkelheit zogen sie sich schnatternd wieder in den Wald zurück, um mit Sonnenaufgang zurückzukehren, das Schiff erneut zu belagern. Sie waren sehr unangenehme Geschöpfe. Der Raumfahrer war bald verzweifelt. Seit Tagen, die er auf diesem gottlosen Planeten verbrachte, war es ihm nicht gelungen sich auch nur Schritte von seinem Schiff zu entfernen, auch nur irgendeine Beobachtung anzustellen, eine Untersuchung des Planeten zu beginnen. Scheiße flog ihm entgegen.

Stets waren diese Viecher aus dem Wald gestürmt und über ihn hergefallen wie begossene Gremlins und hatten ihn keckernd ausgelacht, an seinem Anzug gezupft oder ihn frech angepisst. Nichts hatte gefruchtet, sie zu besänftigen, kein Zucker, keine Kekse, keine Tubennahrung. Der Raumfahrer, lag schlaflos in der kleinen Kabine, öffnete dann eine seiner in die Fremde geschmuggelten Rotweinflaschen und dachte nach.

Am nächsten Morgen war das Raumschiff verschwunden. Ein weißer Kondensstrahl wies noch zum Horizont, dorthin, wo ein blassrosa Gebirge schneebedeckt in den Himmel wuchs. Die Affenartigen hockten brabbelnd auf der Lichtung, blickten der Rakete nach.

Hoch oben im Gebirge hockte der Raumfahrer auf baumlosen Grund und wusch an einer Quelle seine farbverschmierten Hände, lief dann am Eingang der Höhle vorbei, zurück zu seinem Schiff. Im Vorbeigehen erhaschte er noch kurz einen letzten Blick auf sein Werk, die riesige Mickymaus auf einem goldenen Nachttopf, eine Zwille in den Händen, mit der sie auf ein schwarzes Katzentier zielte. Und er wusste, wenn er eines Tages wiederkehrte aus dem Wurmloch auf diesen blöden Planeten, auf dem dann zig Jahrtausende vergangen waren, die ihn selbst kaum berührt hatten, würde er in fragende, inzwischen wohl menschenartige Gesichter blicken, in eine große, dümmliche Ehrfurcht. Er würde ihnen nichts sagen. Er würde ihnen die Beschäftigung gönnen. Seine Rache. Sein Geschenk. (Thomas Heise)

Thomas Heise anlässlich der Aufführung seiner Filme VOLKSPOLIZEI und EISENZEIT

Von drinnen nach draußen

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Erinnerungen angesichts von Vitaly Manskys Film „Im Strahl der Sonne“

ein Essay von Christoph Dieckmann

Wie ließ sich die Mauer ertragen?

Sie war normal. Alles Tagtägliche ist Normalität.

Ich wuchs hinter Mauern auf. Die erste umgab mein dörfliches Kindheitsparadies am Harz. In dessen Mitte stand das väterliche Pfarrhaus, ein Fachwerk-Koloß, 1580 erbaut, umlagert von Garten und Wald. Die Mauer um das Pfarrgehöft beschirmte und hielt fern: ein Limes zwischen geistlichem und bäuerlichem Leben. Sie trennte auch vom Staat DDR. Dessen Jugendorganisationen mied ich, als einziger der Klasse. Die meisten Lehrer akzeptierten das. Die Kreisschulrätin freilich versagte dem Fremdkörper die Erweiterte Oberschule, also Abitur und Studium, mit dem parteigerechten Satz: Sie tun nichts für das Volk, da tut die Volksmacht auch nichts für Sie.

Da wurde ich Filmvorführer. Ich zog mit meinen Kinokisten über die Dörfer und diente dem Volk als Entgrenzer des Alltags und Illusionist der Ferne.

Später studierte ich Theologie an den kirchlichen Hochschulen von Leipzig und
Ostberlin. In Berlin stand DIE MAUER vor der Stirn. Im Vorlesungssaal des Sprachenkonvikts spürten man alle paar Minuten eine leise Vibration. Tief unter uns eilte die S-Bahn vom Anhalter Bahnhof nach Gesundbrunnen nonstop durch ihre versiegelten Ostberliner Katakomben. Mein Studentenzimmer im dritten Stock gewährte Westblick, via Invalidenstraße und Mauer weit in den Wedding hinein. Noch bessere Sicht ins Jenseits hatte man von der Dammkrone des Friedrich-Ludwig- Jahn-Sportparks beim Besuch der Fußballspiele des BFC Dynamo. Der oberste Dynamo-Fan, Staatssicherheits-Minister Erich Mielke, ließ einen antifaschistischen Sichtschutz errichten. Auch DIE MAUER galt ja als Schutzwall zur Behütung der sozialistischen Menschengemeinschaft. Tatsächlich verriegelte sie den Staat, der ohne sie nicht existieren konnte.

Links des Stadions, bei der Bernauer Straße, grenzte Ost an West. Auf westlicher Seite erhob sich eine Aussichtsplattform. Der Hochstand war meist gut gefüllt. Freiheitliche Menschheit spähte in die Zone und winkte deren Insassen. Den Gruß zu erwidern empfahl sich nicht. Volkspolizei schritt ein, zwecks Personenfeststellung.

Demütigte das? – Wie das freundliche Winken: eine Mitleidsgeste. Ich ironisierte, was ich nicht ändern konnte. Mich quälte Sehnsucht nach der versagten Welt, die Unruhe verpaßtens Lebens. Anderseits gehörte zum Christsein in der DDR ein Pathos des Harrens und Bleibens. Man wußte zu relativieren: Lebte unsereins nicht viel ungezwungener als die Untertanen der Sowjetunion? Oder gar die Nordkoreaner? Meine Frau war Bibliothekarin in der Akademie der Künste. Dort landete regelmäßig Post aus Pjöngjang: goldgeprägte Broschüren, Reden des Großen Führers Kim Il Sung. Der hatte bereits im Alter von vier Jahren, auf einem Baume sitzend, die Juche-Ideologie, mithin die Wahrheit erfunden. Das Druckwerk, bibliothekarisch verschmäht, entzückte den Spötter, ebenso ein Bildband mit Kim Il Sung-Gemälden: Der Große Führer rühmt die Truppen der Volksarmee. Der Geliebte Führer weiht Hochofen, Staudamm und Heizkraftwerk. Der Väterliche Führer teilt mit den Bauern Erntefreuden. Er läßt die Kindlein zu sich kommen. Dem Jungfunktionär, der winternachts um viertel drei über seinem Schreibtisch eingeschlafen ist, legt er den eigenen Mantel um. Er, die Sonne der Völker, braucht keinen. Gesandte aller Rassen huldigen ihm als Zentralgestirn. Nicht mal der gestürzte Erich Honecker wollte nach Nordkorea. Er exilierte nach Chile.

Mein Vater war vom Jahrgang 1920. Er gehörte zur ersten Generation, die mit der Hitlerei erwuchs und ihre Ideale zum Führerkult verschmolz. Vaters Nachlaß enthält dafür manchen Beleg, etwa das „Martineumsblatt“, die Halberstädter Gymnasial- Postille. Darin berichtet Klassenkamerad Hans-Werner Hentze enthusiastisch vom „Grenzlandmarsch“ 1937, einer zwölftägigen Reise ins Allgäu.

Ihr Schulführer weilt unter ihnen. Studiendirektor Knipfer leitet den Zug der Hitlerjünglinge. „Immer im Gleichschritt: links-rechts, links-rechts. Vor dir einer und neben dir einer. Und davor und dahinter noch tausend andere. Alle haben den gleichen Tritt, alle das gleiche Ziel. Jeder hat einen Affen auf dem Buckel und eine braune Uniform an. Jedem leuchten die Augen gleich zukunftsfroh.“ Die Straßen säumt ein jubelndes Menschenspalier. Abends spielt die Blasmusik zum Tanz mit bayerischen Dirndln, in Immenstadt, Oberstdorf und Unterjoch, in Nesselwang und Füssen. Man besichtigt die Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein. „Es offenbart sich uns hier der Geist einer überwundenen Epoche, deren angekränkelte äußere Prunkfassade ein inneres Vakuum erfolglos zu verbergen suchte.“ Wie anders die NS-Ordensburg Sonthofen: soldatisch-einfach, großartig- imposant, spartanisch-hart.

Der letzte Tag. München, die Hauptstadt der Bewegung. Kamerad Hentze greift voll in die Orgel: „Dort an der Feldherrnhalle, wo sechszehn der Besten unserer Bewegung von Verräterkugeln fielen, zogen wir in schweigendem Vorbeimarsch, ohne das Spiel zu rühren, vorüber. Nur das wuchtige Einerlei des Marschtrittes war zu hören, und wie von ganz ferne her rumorte das pulsende Leben der Großstadt. Dann standen wir plötzlich auf einem weiten Platz, der von großen, hellen, herrisch- schönen und strengen Bauwerken gesäumt war. Es senkten sich die Fahnen, wir gedachten der Toten, und leise nur, aber hart und fordernd, klang ein Lied ́Vorwärts, vorwärts ́. Wie im Rausche leisteten wir, unter sengender Julisonne, den Vorbeimarsch. Und als wir uns wiederfanden, wußten wir, daß mit uns, Pilgern, die von einer heiligen Stätte zurückkehren, eine große Veränderung vorgegangen war.“

Ein Siebzehnjähriger hat das geschrieben, mit traumhafter Einfühlung in die völkische Rhetorik. Nicht jeder Junge imitiert sie so perfekt. Im Jahr darauf, 1938, führt der Grenzlandmarsch ans pommersche Haff. Recht hölzern reportiert ein A. Herbst: „Noch an demselben Nachmittag nahmen wir die Gelegenheit wahr und badeten in der Ostsee. Abnahme einiger Übungen für das Leistungsabzeichen, Vorführungen der Gaufilmstelle, sowie Schwimmen und ein Tagesmarsch füllten eine Woche Lagerleben aus. Doch die Freude wurde von dem plötzlichen Dahinscheiden unseres Kameraden Kelnhofer getrübt.“

Dieselbe Ausgabe verzeichnet die Namen des Abitur-Jahrgangs 1938. Joachim Hentze ist darunter, Hans-Joachim Dieckmann und auch Hans-Werner Hartig, dessen „Brief aus Warschau“ in der 1939er Weihnachtsausgabe des „Martineumsblatts“ von der aktuellen Grenzlandfahrt berichtet: „Am 2.9. – 11,45 Uhr überschritten wir bei Windenau die Grenze. Ungeheurer Betrieb auf Polens unmöglichen Wegen, Knüppeldämme, Feldwege und Staub, Staub! Unvorstellbar! Und das polnische Volk dreckig, speckig, von Kultur keine Spur. (…) Wir gingen weiter vor, Ujadst, Rawa, mit hunderten von herrlich flüchtenden Judentypen. (…) Dies Eine möchte ich zum Schluß noch sagen. Ich bin erneut davon überzeugt worden, angesichts der polnischen Soldaten, daß der deutsche Soldat eben d e r Soldat auf dieser Welt ist.“

Fünf Martineer starben in Polen, wie die Postille meldet, „den Heldentod für Führer und Volk“. 1940 fallen sieben. Im April 1944 erscheint statt der acht Seiten auf Kunstdruckpapier nur noch ein rauhes hektographiertes Blatt A4 im Schreibmaschinen-Layout. Darauf getippt sind vor allem die Namen von Toten, „die ihr Leben für die Zukunft unseres deutschen Volkes gaben“. Ein Jahr noch hat Alt- Halberstadt zu leben. Dann ist der 8. April 1945 herangekommen. Ein strahlender Sonntagmorgen. Bei Bedford in Mittelengland starten die Bomber, die gegen 11.20 Uhr Halberstadt erreichen.

Ja, alles Tagtägliche ist Normalität, auch das kriegsversehrte Halberstadt meiner Kinderzeit. Sie war frei von revanchistischen Parolen, staatlich wie privat, denn die Nazi-Apokalypse galt allgemein als deutsche Schuld. Den Antifaschismus der DDR gab es gratis, als Staatsdoktrin und Kollektivpardon. Dennoch empfanden ihn Millionen als echt; allerdings bestritten sie dem Staat dessen Gleichsetzung von Antifaschismus und Diktatur des Proletariats. Das SED-Regime ahnte sich ungeliebt von den werktätigen Massen, trotz aller rituellen Bilder und Parolen der Volksverbundenheit. Hitler war vergöttert worden. Ulbricht wurde ertragen, Honecker vom Lynchmob bedroht, kaum daß die Mauer fiel. Das DDR-Volk lebte weder führerfroh noch gleichgeschaltet; es wurde nur beherrscht von Nachkriegsverhältnissen, an denen nicht zu rütteln schien – bis Gorbatschow.

Mir öffnete sich die Mauer bereits im November 1987. Ein kirchliches Dienstreise- Visum erlaubte eine Woche Wuppertal. Ich sah das Bergische Land, den Kölner Dom und einen Grottenkick zwischen dem 1. FC Köln und Hannover 96. Nachts fuhr ich heim, freiheitstrunken, begleitet von zwanzig Traum-Rockplatten. Morgengrauen, Bahnhof Berlin-Zoo. Ich stieg aus und fragte: Wo geht ́s denn hier nach Kreuzberg? Antwort: Intressiert ma nich!

Ich schnürte die Mauer entlang. Ich fuhr mit der S-Bahn vom Anhalter Bahnhof nach Gesundbrunnen, nun Teil jener Vibration unter meinem alten Hörsaal. Ich erklomm die Plattform an der Bernauer Straße. Ich sah drüben meinesgleichen meine Ostberliner Wege gehen. Ich winkte mir nicht zu. Neben mir operierte ein Bayer mit seinem Feldstecher ins Russen-KZ hinein. Mit Genuß sprach er zu seinem Weib: Lauter arme Sauen! Ich zeigte ihm meinen DDR-Paß. Bayern war perplex: San Sie von der Stasi? – Nein, von der Kirche. – No, da müssen ́s zurück, da haben ́s ja Menschen zu versorgen.

Das Ausmaß der Stasi-Spitzelei überraschte mich nach der Wende kaum. Vorsichtshalber lebte ich beizeiten hinter einem inneren Schutzwall der Subjektivität. Ich verbarg mich im ideologisch Unscheinbaren, im Universum von Natur und Provinz. Auch meine Kinderzeit war eine Epoche technischen Fortschrittglaubens. Ich fürchtete, die Menschheit werde eine Maschine erfinden, die Gedanken lesen kann. Aber solch Apparat, das war meine rettende Gewißheit, könnte nie empfinden, was ich fühle. So, hoffe ich, denken die meisten Menschen und wissen sich zu schützen gegen Seelenraub durch Ideologie.

Auch die Nordkoreaner, die uniformen Gruselpuppen unseres Blicks von der westlichen Plattform? Vitaly Manskys Film „Im Strahl der Sonne“ zeigt das ganze Land als diktatorische Inszenierung. Unfreiwillig wirken die gelackten Akklamationen wie Staatsverhöhnung. Jeder Bilddefekt wird, mit Heiner Müller, zum „alles erlösenden Fehler“: Das zerkratzte U-Bahn-Fenster. Die flackernde Peitschenleuchte. Die zerbeulte Sojamilch-Kanne. Asynchron schmilzt der Schnee. Ungehorsam wuchert Gras aus dem Beton. Die Menschen drängeln am Bus. Das Ballett-Mädchen weint und weint, untröstlich, bis die Lehrerin gebietet, die Kleine möge an etwas Wunderschönes denken.

Da denkt es an den Führer.

Dabei wird es nicht bleiben.

Von drinnen nach draußen

Banja; Баня; benž

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Küssen auf Böhmisch – eine Kurzgeschichte von Jaroslav Rudiš

Целоваться по-чешски – рассказ Ярослава Рудиша

Pusinky po česku – povidka od Jaroslava Rudiše

anlässlich des Films IRONIE DES SCHICKSALS von Eldar Rjasanow 13.01.2016 – Russisches Altes Neues Jahr

в диалоге с фильмом Эльдара Рязанова ИРОНИЯ СУДЬБЫ, ИЛИ С ЛЕГКИМ ПАРОМ – 13.01.2016 – Старый Новый Год

při přiležitosti filmu IRONIE OSUDU od Eldara Rjasanowa 13.01.2016 – Rusky stary novy rok

Wir spielen die populäre sowjetische Sylvesterkomödie am letzten Tag des alten, alten Jahres. Jaroslav Rudiš liest vom Küssen auf Böhmisch und zum Jahresausklang vor Mitternacht wartet eine frisch angeheizte Sauna vor den Toren des Kinos auf mutige Gäste.

В последний день старого, старого года мы показываем традиционную советскую новогоднюю комедию. Ярослав Рудиш читает «Целоваться по-чешски». Смельчаки могут встретить старый новый год в свеже истопленной бане перед самыми воротами кинотеатра.

Budeme hrat popularni sovĕtskou silvestrovskou komedii posledni den stareho roku. Jaroslav Rudiš bude čist Pusinky po česku a před půlnoci na zavĕr roku bude čekat na odvažne hosty před dveřmi kina čerstvě vyhřata sauna.

Vorbestellung empfohlen – Handtücher und Birkenbesen mitbringen!

Мы рекомендуем бронировать билеты заранее. Полотенца и веники приносите с собой!

Doporučujeme předem objednani – ručniky a březove metličky si přinest sebou.

Hitze. Kälte. Einatmen. Ausatmen. Wir sitzen wieder in unserer Sauna im böhmischen Paradies, wie unsere kleine Gegend zwischen den drei Burgen, drei Teichen und drei Brauereien heißt. Wir sitzen auf den hellen Holzpritschen und schwitzen die Geschichten aus.

Und derjenige von uns, der bald in Rente geht, sagt:

-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Wir küssen uns zwar nur zu Silvester, aber ich schätze sehr, was für eine ruhige Beziehung wir jetzt haben. Wir haben uns sowieso alles während des ersten Jahres gesagt. So kommt sie von der Arbeit, zieht im Wohnzimmer alle Vorhänge zu, zündet ihre hundert Kerzen an, lässt die esoterische Musik spielen, die sie sich aus Indien gebracht hat, legt sich auf das Sofa und macht die Augen zu. Und ich sitze in der Küche und lese. So schön ruhig haben wir es.

Und der, der bei uns die Fahrschule leitet, sagt:

-Meine Alte will, dass wir plaudern.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:

-Dann such ihr doch jemanden zum Plaudern. Such ihr eine Freundin. Dann hast du auch deine Ruhe.

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:

-Aber ich plaudere gerne mit ihr.

Und der, der bald in Rente geht, sagt: -Dann kann ich dir nicht weiterhelfen. Und der, der bei uns Häuser baut, sagt:

-Gestern habe ich wieder nicht schlafen können und so hat mich meine Kommandantin wieder auf das Sofa im Wohnzimmer versetzt. In der Glotze haben die eine Doku über den Besuch von Leonid Iljitsch Breschnew in Prag 1978 gezeigt. Mann, wie sich die Genossen geküsst haben. Wenn mich Breschnew geküsst hätte, wäre ich auf der Stelle ein Bolschewik, oder tot oder ein toter Bolschewik. Ich bin mir sicher, alle Bonzen in Prag waren vor seinem Besuch wochenlang in Stress und Angst. Und zwar nicht deswegen, dass der hohe Besuch aus Moskau kommt, sondern dass er ihnen wieder den sozialistischen Bruderkuss aufdrücken will.

Und der, der bei uns Frauenarzt ist, sagt:

-Ein schlechter erster Kuss, und sofort hast du eine Psychose. Ich kenne in unserer Stadt mindestens drei solcher Fälle. Man muss immer aufpassen, wen du küsst, Breschnew würde ich nicht empfehlen.

Und der, dessen Frau im Frühjahr gestorben ist, sieht sich um, er sieht sich traurig alle nackten schwitzenden Männer aus dem böhmischen Paradies an und dann betrachtet er seine Hände und sagt nichts.

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:

-Am liebsten küsse ich die Biergläser, davon kriegst du keine Psychose. Jeden Abend vier. Das macht achtundzwanzig in der Woche, das macht eintausendvierhundertvierundachtzig im Jahr, das macht in zehn Jahren vierzehntausendachthundertvierzig Gläser. Das macht in hundert Jahren… Ach, so viele Frauen kann keinen Mann küssen, und wenn, dann er hat wirklich eine Psychose. Außerdem küssen wir uns gerne ich und meine Frau, wenn ich aus der Kneipe zurückkomme, und das seit zweiundzwanzig Jahren. Ich darf aber nur vier Bier trinken, nur ein einziges Mal waren es fünf, und das hat sie gleich gerochen und wollte die Scheidung einreichen, da wurde sie eifersüchtig, dass ich eine andere habe. Meine Frau kann die Biergläser noch viel besser zählen als ich.

Und der, der noch ganz jung ist, Fußball spielt und erst das gefährliche Räderwerk des Lebens entdeckt, das einige von uns schon zermahlen hat oder gerade zermählt, sagt:

-Ich habe jetzt eine Neue. Oh Mann, was für eine Wucht! Dreißig. Geschieden. Erfahren. Tolle Figur und schöne Lippen. Eines Tages habe ich in ihrem Badezimmerschrank dreißig Zahnbürsten gefunden. Ich dachte, prima, sie steht auf Mundhygiene, das ist gesund, das mache ich doch auch, ich bin auch sehr hygienisch. Aber es waren keine Zahnbürsten, es waren Trophäen. Das ist doch nicht normal, oder?

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:

-Ich kannte einen, der hatte so eine Angst Frauen zu küssen, dass er sich erhängen wollte. Das war beim Militär. Eines Tages kam er nicht vom Wachdienst zurück. Wir haben ihn die ganze Nacht gesucht, es war Winter, alles kalt und unter Eis. Wir fanden ihn hoch oben auf einem Baum sitzend, fast erfroren. Unser Oberleutnant war wütend, er wollte ihn als Verräter erschießen. Aber unser Oberst ließ aus der Stadt zwei Mädchen holen. Das hat geholfen. Sie küssten ihn, nahmen ihn ins Bett und der Soldat war für die Armee gerettet. Ein Jahr später wurde er von einem sowjetischen Panzer überfahren.

Und der, der Häuser baut, sagt:

-Küssen ist doch nur was für Kinder.

Und der, dessen Frau gestorben ist, sieht uns alle an und sagt nichts. Und der, der bald in Rente geht, sagt:

-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Zu meinem Fünfzigsten hat sie mir hat ein Grab geschenkt. Eine schöne Stelle, in der Sonne, auf dem neuen Friedhof gelegen, in der zweiten Reihe. Schön werde ich es haben.

Und der, der noch ganz jung ist, sagt:

-Dreißig Zahnbüsten! Dreißig Trophäen! Dreißig Liebhaber! Ich habs gezählt. Das ist doch nicht normal, oder?

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:

-Der eine sammelt Bierdeckel, der andere Briefmarken und der dritte Postkarten aus Kroatien. Wichtig ist, man macht es mit Leidenschaft. Wenn die Leidenschaft schwindet, ist es vorbei.

Und der, der Häuser baut, sagt:

-Wir fahren im Sommer mit der Kommandantin wieder nach Kroatien. Mir ist es dort zwar viel zu heiß. Aber es geht nicht darum, ob es dir gefällt. Es geht immer nur darum, ob es deiner Kommandantin gefällt. Das habe ich vom Leben gelernt.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:

-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Zu meinem Sechzigsten hat sie mir eine Urne geschenkt. Es ist eine sehr schöne Urne, schwarz, einfach, aber massiv. Mein Name ist schon eingraviert, mein Geburtsdatum auch, es fehlt nur noch mein Todesdatum. Schön werde ich es haben.

Und der, der noch ganz jung ist, sagt:

-Einmal habe ich sie gesehen, wie sie morgens ihre Zähne putzt und eine Zahnbürste nach der anderen in ihren Mund steckt und sich dabei im Spiegel ansieht. Dann wollte sie, dass wir uns küssen. Aber vorher musste ich auch Zähne putzen, richtig hygienisch. Das ist doch nicht normal, oder?

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:

-Umso mehr ich darüber nachdenke, küsse ich doch am liebsten den Bierschaum. Schon Wahnsinn, wie unterschiedlich so ein Bierschaum sein kann. Cremig und fein wie Sahne auf der Torte, aber ein anderes Mal dünn und leicht wie der Wind im Sommer. Der Schaum kann süß, aber auch angenehm bitter sein. Am liebsten würde ich nur den Schaum trinken.

Und der, der noch ganz jung ist, sagt:

-Ich lasse bei ihr nie meine Zahnbürste liegen.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:

-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Sie hat versprochen, dass sie mich einäschern wird. Und aus meiner Asche lässt sie einen Ring wie eine heilige Reliquie machen, die sie an ihrem Finger tragen will. Und jeden Abend legt sie mich auf ihrem Nachtisch ab und küsst mich und wünscht mir eine gute Nacht im Himmel. Schön werde ich es haben.

Und der, der bei uns Frauenarzt ist, sagt:

-Und was kriegst du zum Siebzigsten, hat sie dir schon was versprochen?

Und der, der bald in Rente geht, sagt:

-Ja. Einen Rollstuhl.

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:

-Und zum Achtzigsten?

Und der, der bald in Rente geht, sagt:

-Eine hübsche Krankenpflegerin.

Und der, der Häuser baut, sagt:

-Grab, Urne, Ring, Kuss in den Himmel, Rollstuhl, hübsche Krankenpflegerin. Schön hat es deine Kommandantin mit dir geplant. Sie liebt dich wirklich. Du bist ein glücklicher Mensch.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:

-Sag ich doch. Und ich liebe sie ja auch. Manchmal. Aber Achtzig schaffe ich nicht. Siebzig auch nicht, da bin ich mir sicher.

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:

-Das sagst du jedes Mal, und siehst du, du hast es geschafft. Und falls du es doch nicht schaffen solltest, komm vorbei, ich verschreibe dir was gegen den Tod.

Und der, der bald in Rente geht, sagt: -Medikamente für Frauen?

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:

-Es wirkt auch bei Männern.

Und der, dessen Frau gestorben ist, steht auf, geht unter die Dusche und sagt, noch in der Tür auf uns zurückblickend:

-Und so leben wir hier in Böhmen.

(Jaroslav Rudiš, Oktober 2015)

JAROSLAV RUDIŠ, geboren 1972, ist tschechischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker und Musiker. »Grandhotel«, nach »Der Himmel unter Berlin« sein zweiter auf Deutsch erschienener Roman, wurde 2006 verfilmt. Zuletzt erschienen 2012 »Die Stille in Prag« und 2014 »Vom Ende des Punks in Helsinki« (Luchterhand Literaturverlag). 2012/13 hatte Jaroslav Rudiš die Siegfried-Unseld- Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. 2013 lief die Verfilmung seiner Graphic Novel »Alois Nebel« (illlustriert von Jaromír 99, erschienen bei Voland & Quist), in den deutschen Kinos an. 2014 hat er zusammen mit Jaromír 99 auch die Kafka Band gegründet und »Das Schloss« von Franz Kafka musikalisch umgesetzt. Rudiš lebt zwischen Tschechien und Deutschland, schreibt auf Tschechisch und auf Deutsch und geht gerne in die Sauna.

Banja; Баня; benž

Der russische Leviathan

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ein Essay von Michail Ryklin – anlässlich des Films LEVIATHAN von Andrey Zvyagintsev – Krokodil ab 19.03.2015

aus dem Russischen von Ekaterina Tewes

Версия на русском языке приведена ниже.

Nikolai, Automechaniker und Hauptprotagonist des Films, begeht einen Fehler, als er seinen alten Armeekumpel Dimitri in seine öde Kleinstadt an der Barentssee einlädt. Dmitri ist in Moskau zu einem renommierten Anwalt aufgestiegen. Er kommt nicht einfach so zu Besuch, sondern bringt eine Tasche voller Kompromat, kompromittierenden Materials über den Stadtbürgermeister mit. Unter Einsatz aller Verwaltungsressourcen, oder einfacher ausgedrückt, seiner absoluten Kontrolle über die lokalen Staatsorgane, insbesondere des Gerichtes, war es dem Bürgermeister gelungen, Nikolai sein gesamtes Eigentum abzuerkennen: Haus, Werkstatt und Grundstück, gegen eine Entschädigung weit unter dem tatsächlichen Wert, gerade genug, um eine baufällige Kate erwerben zu können. Nikolai ist wütend, würde sich aber letztendlich damit abfinden, wenn da nicht sein alter Freund wäre.

Dmitri ist in Moskau mit Iwan Alexandrowitsch Kostrow bekannt, einem ranghohen Beamten (und Ex-Geheimdienstler, wie sonst im von Putin regierten Russland?). Von niemand anderem als ihm wurde die dicke Kompromat-Akte angelegt. Der Bürgermeister – besoffen, rüde, offensichtlich korrumpiert, Duzfreund des Popen, ergo ein Gläubiger – kommt mit seinen Leibwächtern am Haus Nikolais vorbei und demütigt ihn. Allerdings nur so lange, bis der beschwichtigende Dmitri den Namen Kostrows fallen lässt. Der Bürgermeister macht darauf eine Metamorphose durch, die nur den überrascht, der Russland schlecht kennt. Er fällt in die Arme seines Leibwächters, der den im Nu ernüchterten Boss hinter sich ins Auto zieht.

Am nächsten Tag treffen sich Dmitri und Bürgermeister in dessen Büro. Dieser sieht die Akte mit seinen abscheulichen Taten ein und führt eine dringende Unterredung mit dem Polizeichef, der Staatsanwältin und der Richterin. Ungeniert brüllt er sie an: „Wo hat der arme Schlucker das Geld für einen Anwalt her? Einen Anwalt aus Moskau, der Kostrow kennt! Findet das raus! Sonst gehen wir drauf!“

Anmerkung: Ich vermisste als Erstes an „Leviathan“, dass Kostrow jemals im Bild erscheint. Das ganze Sujet dreht sich im Grund um die Kompromat-Akte, aber ihren „Urheber“ bekommt man nicht einmal zu sehen. Hätten wir diesen Demiurg sehen dürfen, hätten wir Russland wesentlich besser verstehen können (nicht das „ewige“ Russland, wie bei Swjaginzew, sondern das zeitgenössische Russland Putins). Aber der Regisseur traute sich (leider!) nicht, so weit zu gehen.

In „Leviathan“ sehen wir eben das Ewige Russland.

Vor uns liegen die nördlichen Meereslandschaften in all ihrer Ursprünglichkeit (dem Kameramann Michail Kritschmann gilt für deren großartige Aufnahmen ein besonders großes Lob). Am Strand liegt das Skelett eines prähistorischen Ungeheuers, das uns noch einmal daran erinnert, dass die Zeit in diesem Städtchen stehen geblieben ist. Und dass das Bild, das wir sehen, das Bild dessen ist, was war, was ist und bis in alle Ewigkeit sein wird.

Die Analogie zwischen Nikolai und dem biblischen Hiob blieb mir schleierhaft. Denn die Botschaft des neuen Films von Swjaginzew ist geradezu die der vollständigen Gleichgültigkeit der Bewohner des postsowjetischen Russland gegenüber Gott. Es ist kein leidenschaftliches Ablehnen der Existenz Gottes mehr (wie zu Zeiten des Atheismus), sondern ein Bestreben, die Idee von Gott komplett auszublenden und so zu leben, als ob sie nie existiert hätte. Die Priester und der „gläubige“ Bürgermeister stehen Gott besonders fern. Aber auch andere Protagonisten bekunden lediglich ein formales Interesse an Religion. (Sie alle fragen den Anwalt aus Moskau: „Glaubst Du an Gott?“, was er immerfort damit erwidert, dass er Jurist sei und an Tatsachen
glaube). Dagegen schöpft der gerechte Hiob aus seiner Beziehung zu Gott seinen Lebenssinn. Er beteuert seine Treue zu Gott selbst dann, als ihm alle Welt den Rücken kehrt. An die Stelle Gottes tritt in „Leviathan“ dabei die lokale Obrigkeit; sie setzt dem neuen Dulder zu, sie nimmt ihm alles weg und bringt ihn zum Schluss für 15 Jahre ins Gefängnis.

Dmitri meint, dass das Kompromat den eingeschüchterten Bürgermeister dazu bringen wird, Nikolai den tatsächlichen, nicht fingierten Wert seines Besitzes zu erstatten. Aber er verrechnet sich gewaltig (vermutlich schafft es der Bürgermeister, sich von Kostrow freizukaufen). Dmitri wird rabiat verprügelt und einer simulierten Erschießung ausgesetzt. Zuletzt sieht man seine Gestalt durch den Waggon eines Zuges nach Moskau huschen.

Die Liebesaffäre zwischen Dmitri und Lilja, Nikolais Frau, ist nur mit der im Städtchen herrschenden, allgegenwärtigen Trinkerei zu erklären. Sämtliche Filmprotagonisten, Männer wie Frauen, kippen den Wodka gläserweise. Auf dem Picknick, das von den Bekannten Nikolais arrangiert wird, lässt sich Lilja dermaßen volllaufen, dass sie sich Dmitri im Beisein der Kinder hingibt. Die Kinder lassen die Erwachsenen aufhorchen. Der alkoholisierte Nikolai verprügelt seinen Freund und seine Frau. Nikolai hängt sehr an seiner Frau, ist sich aber sicher, dass sie sich nun mit dem Liebhaber und dem vom Bürgermeister erbeuteten Lösegeld nach Moskau davonmachen wird. Lilja kehrt jedoch reumütig zurück und fragt Nikolai, ob er mit ihr ein Kind haben will. Sie wird jetzt aber von Nikolais Sohn aus erster Ehe gehasst – einem Schüler, der von Zuhause ausreißt und in einer verlassenen Kirche mit anderen Jungs am Lagerfeuer herumhockt (noch ein Hinweis auf die «Religiosität» der Stadtbewohner).

Die Methode Swjaginzews, mit der die Zuschauer nach seinem vorherigen Film «Jelena» vertraut sein dürften, besteht im Demonstrieren von moralischer Minderwertigkeit sämtlicher Protagonisten, egal ob Täter oder Opfer. Sie alle sind nicht wirklich bösartig, dennoch keimen zwischen ihnen gewisse Abneigung und Misstrauen. Am Ende des Films wird Nikolai von den Picknickteilnehmern denunziert. Der Ermittler weiß, dass Lilja fremdgegangen ist, dass Nikolai den Liebhaber verprügelt und Lilja den Tod angedroht hat sowie dass die Tatwaffe des Mordes vermeintlich bei Nikolai zu Hause gefunden wurde. Diese Episode lässt durchweg staunen, wie bereitwillig die Opfer die Arbeit ihrer eigenen Folterer erleichtern.

Das Filmende erscheint als eine Persiflage auf die ursprüngliche Intention des Regisseurs. Die Idee für «Leviathan» kam Swjaginzew wohl, als er von der Geschichte des amerikanischen Schweißers Marvin Heemeyer hörte, dem eine Zementfabrik sein Haus wegnehmen wollte. Der Amerikaner verbarrikadierte sich in seinem Bulldozer, riss die Fabrik und andere Gebäude ein und erschoss sich. Am Ende von «Leviathan» reißt ein Bulldozer jedoch das Haus von Nikolai ab, der mittlerweile wegen Mordes an seiner Frau einsitzt. Es ist also der endgültige Triumph der lokalen Obrigkeit, die sich göttlicher Funktionen bemächtigte, über die Menschen, die nicht nur zu ihrer eigenen Versklavung beitragen sondern auch ein abartiges Vergnügen darin finden.

Der Film strahlt eine Schwermut aus, die nicht mit einer Erkenntnis tieferer Wahrheiten verwechselt werden sollte. Die Autoren fügten diesem Gericht zu viele Zutaten zu: Verbrechen, Ehebruch, Verrat, Korruption, willkürliche Justiz und Punk- Gebet von Pussy Riot.

Leviathan ist zwar boshaft, aber ziemlich klein, von lokaler Bedeutung.

Ich bin mit dem Urteil der britischen “Evening Standard” einverstanden:
«Man bringt uns eindringlich bei, dass die Korruption in Russland endemisch und die religiöse Heuchelei grassierend ist… Doch wenn Putins Russland nicht schlechter ist, als das was schon eher da war, und wenn das Leiden einfach nur ein unabdingbares Teil des Lebens ist – weshalb sollten wir uns um das Schicksal von Nikolai und seiner Familie sorgen? Der Film soll uns wohl mit Großen Fragen konfrontieren. Stattdessen bewundern wir die exzellent fotografierten nördlichen Landschaften… Putin kann ruhig schlafen: Dieses Biest ist nicht bissig.»

In Russland traf «Leviathan» zunächst auf Ablehnung. Der Kulturminister versicherte inständig, keine solchen «antipatriotischen» Projekte in der Zukunft fördern zu wollen. Ein Kreml-naher Polittechnologe beschuldigte Swjaginzew des Genozids an den Russen und forderte ihn zur Buße auf, wofür sich der Regisseur auf dem Roten Platz vor dem von ihm erniedrigten Volk hinknien sollte. Die Bürger einer Kleinstadt verlangten, den Schauspieler, der den Priester gespielt hat, mit einer Strafe zu belegen. Es schien, als würde gegen Swjaginzew eine Hetzkampagne à la Pussy Riot eröffnet.

Dann soll ein Entwarnungssignal «von oben» gekommen sein.

Nach einigen westlichen Filmpreisen wurde «Leviathan» in Russland mit «Solotoi Orjol» geehrt, dem «Goldenen Adler», einer durch und durch patriotischen Auszeichnung, deren

ung an einen „russophoben“ Filmemacher per definitionem ausgeschlossen ist.

Es hat sich herausgestellt, dass der Produzent des Films Alexander Rodnjanski Berater von Juri Kowaltschuk ist, einem engen Freund Putins und Milliardär, der auf den Sanktionslisten der EU und der USA steht. Anfang Februar startete der für den Oscar nominierte Film triumphal in den russischen Kinos. Davor hatten Hunderttausende von Internetnutzern die Möglichkeit, den Film frei herunterzuladen, und dies in einem Land, wo eine individuelle Mahnwache zur Verhaftung führen kann.

Der Film wird wohl zu keinem Kassenerfolg. Denn Russlands Bürger könnten darin ihr Spiegelbild erblicken (zumindest im Ansatz) und sich erschrecken. Diese Blickrichtung wird ihnen aber – insbesondere nach der Besetzung der Krim – von Putins Fernsehpropaganda erfolgreich abgewöhnt. Der Blick (beschwören diese Sirenen) soll nicht auf sich selbst, sondern auf unzählige innere und äußere Feinde gerichtet werden; sie sind der Ursprung des Übels.

Dafür werden die russischen Eliten «Leviathan» zum Anlass nehmen können, um in ihr altes Lied einzustimmen, das seit der Zarenzeit bekannt ist: Sehen Sie nur, wie wild unser Volk ist, im Suff völlig weggetreten, kopuliert es in Anwesenheit der Kinder, es schmiert und lässt sich schmieren, es denunziert sich gegenseitig und vergötzt die Obrigkeit. Wir selbst sind ja durchaus europäisch, und wenn es nach uns ginge, wäre schon längst alles in Ordnung. Aber mit unserem Volk geht es nicht anders. Es soll mit harter Hand regiert werden, sonst wird es meutern und alles um sich herum in Trümmer legen… Ihr selbst würdet es bereuen!

Man denke an die Szene, in der angetrunkene Filmprotagonisten sich ans Wettschießen machen und die Zielscheiben mit den Porträts von Lenin, Breschnew und Gorbatschew anvisieren. (Anmerkung: Weder Stalin, noch Andropow können hier zur Zielscheibe werden.) Ein Porträt Jelzins gäbe es, das sei aber «viel zu klein», wie der Gastgeber erklärt. «Und die jetzigen?» – «Die sind noch nicht reif genug, aber auch ihre Zeit wird kommen!»

Einige Kritiker kamen zum Schluss, dass wenn sich «Leviathan» nicht mit dem ewigen, sondern mit Putins Russland auseinandersetzte, gäbe der Film ein viel düstereres Bild ab. Aber dann müsste man ja den verborgenen Drahtzieher und
Dmitris Gönner erscheinen lassen – Iwan Alexandrowitsch Kostrow. Und da liegt einem schon der Name Putins auf der Zunge. Den Autoren würde für einen solchen Film nicht gehuldigt.

Ich stelle das Talent von Andrei Swjaginzew und seinem Kameramann nicht in Frage. Die schauspielerische Leistung – dabei nicht nur die des Hauptquartetts Nikolai, Dmitri, Lilja, Bürgermeister – ist beeindruckend. Das Problem ist, dass der Regisseur viel zu viel sagen und mit allen tradierten «Abscheulichkeiten des wilden russischen Lebens» abrechnen will. Je mehr er davon im Film aneinanderreiht, desto stärker wird der Eindruck, dass das Wichtigste dabei aus dem Blickfeld gerät und unausgesprochen bleibt. Die Figuren, des freien Willens beraubt, werden zu Marionetten, zu einer Gruppe sozialer Masken. Der Versuch einer gesellschaftlichen Diagnose wird zu einer sich steigernden Aufzählung von Symptomen, die dem Zuschauer jede Hoffnung nimmt. Die Maschine des Ewigen Russland perpetuiert sich. Das Bild des realen Russland ist in gewisser Weise grässlicher als diese provinzielle Kopie, aber auch unendlich komplexer. Und vor allem konnte man in Russland immer – selbst in der finstersten Stalinzeit – Licht am Ende des Tunnels sehen, sei es auch fahles …

Michail Ryklin, im Feb. 2015

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Русский Левиафан

eэссе Михаила Рыклина – в диалоге с фильмом Андрея Звягинцева ЛЕВИАФАН – Крокодил с 19.03.2015

Герой фильма, автомеханик Николай, совершил ошибку, пригласив в глухой городишко на берегу Баренцева моря своего старого армейского приятеля Дмитрия, ставшего известным московским адвокатом. Тот приезжает не с пустыми руками, а с целым портфелем компромата на мэра города, которому с помощью «административного ресурса», а, проще говоря, благодаря полному контролю над судебной (как, впрочем, и любой другой) ветвью местной власти удалось отсудить у Николая всю его собственность, дом, мастерскую, участок земли. Отсудить за деньги в разы меньшие, чем их реальная стоимость. В городке на них можно купить разве что полуразрушенную хибару, Николай, конечно, в ярости, но в конечном счете он бы и с этим смирился, если бы не старый друг.

Дмитрий знает в Москве Ивана Александровича Кострова, высокопоставленного члена Комитета (понятное дело, выходца из КГБ, при Путине правящего Россией), который, собственно говоря, и «накопал» на мэра компромат. Тот, пьющий, хамоватый, явно коррумпированный тип, водящий дружбу с попами и поэтому считающий себя верующим, подъезжает с охранниками к дому Николая и всячески оскорбляет того до тех пор, пока тщетно пытающийся утихомирить его Дмитрий не упоминает имени Кострова. Тут с мэром происходит метаморфоза, неожиданная только для тех, кто плохо знает Россию. Он мигом трезвеет и падает на руки охранника, который тащит шефа в машину.

На следующий день Дмитрий встречается с мэром в его кабинете. Тот, ознакомившись с содержимым портфеля, хранящего информацию о его многочисленных злодеяниях, срочно приглашает на совещание главного полицейского, прокурора и судью, бесцеремонно на них орет: «Откуда у какого- то нищего работяги деньги на московского адвоката, да еще такого, который самого Кострова знает! Надо срочно навести справки. Иначе нам всем конец.».

Итак, первое, о чем я пожалел, посмотрев «Левиафан», – пребывание этого Кострова за кадром. Весь сюжет по сути крутится вокруг его компромата, а самого «накопавшего» не показывают. Увидев этого демиурга, мы бы поняли Россию (не «вечную», как у Звягинцева, а современную, путинскую) значительно лучше, но так далеко режиссер пойти, увы! не отважился.

В «Левиафане» перед нами Вечная Россия.

Тут следует похвалить оператора Михаила Кричмана за то, как хорошо он снял северные морские пейзажи, их первозданность. На берегу лежит скелет какого- то доисторического чудовища, еще раз напоминающий зрителю о том, что время в городишке давно остановилось, и то, что мы видим, было, есть и будет до скончания времен.

Аналогию Николая с библейским Иовом я так и не понял. Если о чем-то и говорит новая лента Звягинцева, так о полном безразличии постсоветского русского человека к Богу: не в его пафосном отрицании, как в атеистические времена, а о стремлении обойтись без него вообще, жить так, как если бы Бога не было. Особенно далеки от Бога священники и «верующий» мэр, но и все остальные проявляют к религии исключительно формальный интерес (все спрашивают московского адвоката: «А ты в Бога веришь?» – на что тот неизменно отвечает, что он – юрист и верит с факты). Между тем смысл жизни патриарха Иова в его отношении к Богу, сохраняемом и тогда, когда весь мир отворачивается от него. Место Бога в «Левиафане» занимает местная власть; из-за нее претерпевает страдания новый праведник, она обирает его до нитки и в конце фильма сажает на 15 лет в тюрьму.

Дмитрий думает, что с помощью компромата он получит с испуганного мэра реальную, а не символическую стоимость добра Николая, но попадает в западню (скорее всего мэр успел откупиться от Кострова): его зверски избивают и инсценируют расстрел. Последний раз он мелькает в вагоне поезда, направляющегося в Москву.

Адюльтер Дмитрия с женой Николая Лилей понятен только на фоне царящего в городке беспробудного пьянства. Все герои фильма, мужчины и женщины, хлещут водку стаканами, и на устроенном знакомым Николая пикнике Лиля напивается до того, что отдается Дмитрию прямо на глазах детей. Те
поднимают тревогу, осовевший Николай избивает друга и жену. Он привязан к жене, но уверен, что та уехала с любовником в Москву, прихватив полученные Дмитрием от мэра деньги. Но Лиля возвращается, как побитая собака, спрашивает у Николая, хочет ли он от нее ребенка, но теперь ее ненавидит сын Николая от первого брака, школьник, который бегает из дома в заброшенную церковь, в центре которой приятели разводят костер (еще один намек на «религиозность» местных жителей).

Метод Звягинцева, известный зрителю по его предыдущей ленте «Елена», состоит в демонстрации моральной ущербности всех героев, включая жертв. Все они как бы неплохие, но друг друга недолюбливают, подозревают. В конце фильма на Николая доносят все участники пикника ; следователь знает и об измене Лили, и об избиении любовников, и об угрозе убийства жены, и о том, что орудие ее убийства якобы найдено у него дома. Просматривая этот эпизод, не перестаешь удивляться, насколько же жертвы облегчают работу собственным палачам.

Насмешкой над первоначальным замыслом режиссера является и финал фильма. Идея снять «Левиафан» зародилась у Звягинцева, когда ему рассказали историю американского сварщика Марвина Химейера, у которого местный цементный завод захотел отобрать дом. Американец заперся с своем бульдозере, разрушил здание завода и другие строения, после чего пустил себе пулю в лоб. В конце же российского фильма, наоборот, бульдозером разрушают дом Николая, который к тому времени уже сидит в тюрьме за убийство жены. Короче, полный триумф присвоившей себе божественные функции местной власти над людьми, участвующими в собственном порабощении, более того, получающими от этого извращенное удовольствие.

От фильма веет безнадежностью, которую, однако, не стоит путать с глубиной постижения. Авторы слишком много ингредиентов бросили с этот бульон: тут и детективная история, и адюльтер, и предательство, и коррупция, и суд, и панк- молебен Пусси Райот.

Левиафан, однако, получится хоть и злым, но довольно маленьким, районного масштаба.

Я согласен с тем, как оценила фильм британская “Evening Standard”:
«Нам вбивают мысль о неизбывности коррупции и религиозного лицемерия в России … И если путинская Россия не хуже того, что ей предшествовало, если страдания – всего лишь необходимая часть панорамы российской жизни, то почему нас должна так волновать судьба Коли и его семьи? Предполагается, что мы должны выйти из зала озадаченные Большими Вопросами. Вместо этого мы восторгаемся великолепно снятыми северными пейзажами…Путин может спать спокойно: у этого зверя зубов нет».

В России «Левиафан» сначала был встречен с раздражением. Министр культуры пригрозил не давать больше денег на подобные антипатриотические проекты. Один близкий к Кремлю политтехнолог обвинил режиссера в геноциде русских и потребовал от него , в качестве покаяния, пойти на Красную площадь и встать на колени перед оскорбленным им народом. А в провинциальном городе общественность потребовала наказать актера, сыгравшего роль церковного иерарха. Казалось, намечается кампания травли Звягинцева в стиле Пусси Райот.

Но тут откуда-то свыше протрубили отбой.

После нескольких наград на Западе «Левиафан» удостоился российской патриотической премии «Золотой орел», которую «русофобам» по определению не дают.

Выяснилось, что продюссер фильма, Александр Роднянский, является советником по медиа-активам одного из ближайших друзей Путина, миллиардера Юрия Ковальчука, находящегося под санкциями ЕС и США. В начале февраля фильм, номинант на премию Оскар, триумфально вышел в российский прокат. А до этого сотни тысяч юзеров имели возможность бесплатно скачивать его из Сети, и это в стране, где за одиночный пикет вполне можно оказаться на решеткой.

Кассовым он будет едва ли. Ведь россияне могут увидеть в нем свое лицо (если не всё, то по крайней мере часть) и испытать ужас, от чего их – особенно после захвата Крыма – успешно отучает путинская телепропаганда. Смотреть (призывают эти сирены) надо не на себя, а на многочисленных врагов России изнутри и снаружи; от них весь вред.

Зато представители элиты смогут, указывая на «Левиафан», заводить старую, знакомую еще с царских времен песню: видите какой дикий у нас народ, напивается до потери сознания, совокупляется прямо при детях, берет взятки направо и налево, «капает» друг на друга, религиозно поклоняется власти. Мы- то сами вполне европейцы, и будь наша воля, никаких проблем уже давно не было бы, но с нашим народом иначе нельзя – взбунтуется, будет крушить всё вокруг, так что мы вынуждены проявлять строгость … А то вам же хуже будет!

В фильме есть эпизод, где подвыпившая кампания готовится стрелять по мишеням в виде Ленина, Брежнева, Горбачева (заметьте: ни Сталина, ни Андропова среди них нет и быть не может), Ельцина есть, но «он слишком маленький», поясняет виновник торжества. «Ну, а нынешние как же?» «А, они еще не дозрели, дай время – и по ним постреляем!»

Некоторые критики считают, что будь «Левиафан» посвящен не вечной, а путинской России, он выглядел бы куда ужасней. Но тогда понадобилось бы «засветить» отсутствующую фигуру самого покровителя Дмитрия, Ивана Александровича Кострова, а там уж и до Путина недалеко. За такой фильм авторов по головке не погладили бы.

Не сомневаюсь в таланте Андрея Звягинцева и его оператора. Актеры – особенно центральный квартет Николай, Дмитрий, Лиля, мэр, да и остальные – вложились в роли, играют с душой. Беда в том, что режиссер хочет слишком много сказать, заклеймить все вековечные «мерзости дикой русской жизни», перескакивает с одного на другое, и к чем большему числу тем он успевает притронуться, тем неотвязней впечатление недосказанности, отсутствия чего- то главного. Люди без свободы воли превращаются в марионеток, в набор социальных масок. Попытка поставить обществу диагноз завершается перечислением все более удручающих симптомов, создающих у зрителя ощущение безысходности. Машина Вечной России грозит вращаться без конца. Реальная Россия в чем-то хуже этой провинциальной копии, но и бесконечно сложнее, и, главное, там всегда – даже в глухие сталинские времена – виднелся (пусть тусклый) свет в конце тоннеля …

Кельн, 1-7 февраля 2015 г.

Der russische Leviathan

7 Filme aus der Provinz

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LAND AM WASSER – DYBUK. RZECZ O WĘDRÓWCE DUSZ –
БЕЛЫЕ НОЧИ ПОЧТАЛЬОНА АЛЕКСЕЯ ТРЯПИЦЫНА –
ПРОВИНЦИАЛЬНАЯ ЖИЗНЬ – ЮРЬЕВ ДЕНЬ –
ТАНЯ 5АЯ – HUNGRY MAN

Leseprobe aus: Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland, Jochen Schmidt

Als ich mich am nächsten Tag ins Auto setzen will, entdecke ich unter dem Scheibenwischer einen Zettel in einem Plastetütchen, das ihn vor dem Regen schützt. Ich hätte falsch geparkt, dies sei aber nur ein Hinweis, ein Verwarngeldangebot werde mir demnächst schriftlich zugehen. Ich hatte kein Parkverbotsschild gesehen, die Aufforderung: „WÄHLT THÄLMANN!“ hatte mich abgelenkt. Ein zweiter Zettel, aus einem Ringblock gerissen, klemmt hinter dem Scheibenwischer: „Werter Autobesitzer. Das passiert halt, wenn man falsch parkt wie Sie. Ich habe beim rückwärts ausparken ihr Auto leicht tuschiert. Rechts vorn Glasbruch. Bitte melden Sie sich bei mir, wenn wir das besprechen müssen. MfG Martina W.“

Ich steige noch einmal aus und gucke mir die Scheinwerfer an, einer hat ein Loch und Risse. Ich habe das Auto nur geborgt und weiß nicht, ob man so fahren darf. In Bulgarien habe ich erlebt, dass auf das Blinken ganz verzichtet wurde, damit die Blinkerlampe länger hielt. Und immer wieder kamen einem Motorräder entgegen, die sich als Autos mit einem kaputten Scheinwerfer entpuppten. Der perfekte Zustand, den wir in Deutschland von unseren Autos verlangen, scheint mir eigentlich übertrieben. Es ist ja nur Sachschaden. Es hätte schlimmer kommen können: „Werter Autobesitzer. Das passiert halt, wenn man falsch parkt wie Sie. Mein Mann ist auf dem Nachhauseweg über ihr Auto gestolpert und war sofort tot. Bitte melden Sie sich bei mir, wenn wir das besprechen müssen. MfG Martina W.“

Ich fahre durch Königshufen, die Sechsgeschosser sind teilweise auf zwei und drei Etagen rückgebaut worden, was mir seltsam amputiert vorkommt. Dann geht es an der Neiße entlang über die Dörfer, herrliche Bauernhäuser, man müsste nur das Geld haben, eines instand zu setzen. Ich habe schon wieder Hunger; je weiter ich nach Osten komme, umso mehr Lust bekomme ich auf Fleisch, außerdem wächst mein Bart irgendwie schneller. Die Straße führt durch ein Waldgebiet, links und rechts stehen hunderte Baumhäuser, jemand muss hier seit Jahren den Wald in einen Spielplatz verwandeln. Auf Baumstämmen sind Autos aufgespießt worden, vielleicht ist hier auch ein Verbrechen an Verkehrsteilnehmern geschehen und alle denken, es handle sich um Hippie-Kunst. In den Vorgärten der Ortschaften hängen Transparente:

FRACKING IST MORD DIE UMWELT IST TOT!
ROHSTOFFE KANN MAN NICHT ESSEN!
SAGT NEIN ZUR KUPFERBOHRUNG!
VOGELGESÄNGE STATT BOHRGESTÄNGE!

Ich hätte schon längst eine Sammlung von solchen empörten Verlautbarungen anlegen sollen, denn das ist eine ganz eigene Kommunikationsform: Immer, wenn jemandem etwas nicht passt, teilt er das in Deutschland den durchreisenden Autofahrern mit. Besonders absurd:

GÜTER GEHÖREN AUF DIE AUTOBAHN!

In der Lausitz ist nämlich der Ausbau einer Schienen-Gütertrasse geplant, auch gegen Schienenverkehr kann man sein, wenn man direkt an der Strecke wohnt.

KEIN PUMPSPEICHERWERK AM BEERBERG!
KEINE SCHWEINEMASTANLAGE IN OLDISLEBEN!
BAUBEGINN DER ORTSUMGEHUNG NEUZELLE JETZT!
KEINE B90 OHNE RAUMORDNUNGSVERFAHREN! „DIE BETROFFENEN“!

Udo hat gesagt, sein Haus in Sorge stehe ungefähr in der Mitte des Orts, genauer wollte er es nicht machen. Ich halte auf gut Glück vor einem Haus und sehe an der Klingel seinen Namen und den seiner verstorbenen Eltern. Nach ihrem Tod hat er den Schritt gewagt, in diese Gegend zu ziehen, in ihr Haus und hier als Lyriker zu überleben. Ich finde es schön, wenn man so der Familie treu bleibt. In der Zeitung habe ich von einem Paar aus Oppach bei Bautzen gelesen, das die Zeit als Rentner dazu nutzt, das Umgebindehaus, in dem der Mann geboren wurde, denkmalgerecht zu renovieren. Er hat dabei auf der Rückseite der Bretterverkleidung Inschriften seines Urgroßvaters von 1891 gefunden, der damals das Haus zum ersten Mal renoviert hat. Er schreibt, daß er keine Kopfschmerzen mehr habe, denn er habe die Decke um 30 Zentimeter gehoben.

Ich bekomme von Udo zu kleine, geblümte Pantoffeln, denn es ist fußkalt, es gibt hier keine Keller, wegen des Grundwasserspiegels. Gegenüber wohnt eine 84 Jahre alte Frau, mit der er manchmal am Gartenzaun spricht. Die Frauen hier seien alle nach dem Krieg vergewaltigt worden, darüber musste man aber im Osten schweigen, auch dass man von der polnischen Seite stammte, erzählte man nicht im größeren Rahmen, bei uns hießen die Vertriebenen ja auch Umsiedler. Herta ist operiert worden, sie habe sich gewundert, dass sie in ihrem Alter eine neue Herzklappe bekommen habe, dass sich das lohne. Zur Kur musste sie nach Bad Schandau, da wollte sie aber weg, da war Programm von 6 Uhr bis nachmittags.

Udo wird vielleicht irgendwann der Letzte im Ort sein, einer der jüngsten ist er schon. Seine Eltern waren Flüchtlinge, einmal haben sie den Hof in Polen besucht, von dem der Vater stammte. Die Polen, die jetzt dort lebten, waren sehr freundlich und mitfühlend, sie waren ja selbst aus einem Gebiet in Ostpolen vertrieben worden, das heute in Weißrussland liegt.

Obwohl ich noch nie hier war, ist mir die Gegend vertraut, und ich fühle mich sofort heimisch. Man kann bei jedem Menschen kratzen, es kommt immer ein Schicksal zum Vorschein.
Udo reicht mir das örtliche Anzeigenblatt mit einem der vielen Artikel über Wölfe, die momentan erscheinen. Das Thema wird hier sehr emotional diskutiert. Jäger haben auf einer Versammlung gedroht, ihr Hobby aufzugeben, für das sie schließlich bezahlen würden. Sie behaupten, das Wild lasse sich wegen der Wölfe nicht mehr blicken. Man könne doch nicht nur eine Art schützen und die anderen vernachlässigen. In Wirklichkeit wird das Wild mehr durchmischt, dank der Wölfe. Wie Udo sagt: „So ’ne Rotte Wildschweine geht im Mai in den Mais rein und kommt bis September nicht mehr raus. Da kann der Jäger ansitzen wie er will.“

Wovor hat man Angst? Der Wolf aus den Märchen? Oder geht das noch tiefer bei uns, verdrängte Triebe, Mongolensturm, Asien? Ende der 90er wurden die ersten Wölfe in Brandenburg gesichtet, kamen sie über die Oder? Der berühmteste hatte nur drei Beine, weil er sich das vierte abgebissen hatte, um sich aus einer Falle zu befreien. Eine Brandenburger Schäferhündin verliebte sich in den unwiderstehlichen Kerl, der jede Nacht vor dem Dorf auf sie wartete. Er legte ihr die Pfote auf den Rücken und hätte sie gern mitgenommen, aber sie war zu gut erzogen. Woher kommen die Wölfe? Sind sie aus Tierparks ausgebrochen? Sind sie hier ausgesetzt worden? Russische Militäreinheiten haben sich angeblich Wölfe als Haustiere gehalten, haben sie welche zurückgelassen? Wie kann eine Hündin noch einen normalen Hund wollen, wenn sie einen Wolf wittert, der ums Dorf schleicht?

Wir sprechen über Udos Armeezeit. Er zeigt mir ein Foto vom schmalen jungen Mann mit langen Haaren, der er damals war. Die seltsamen Erfahrungen mit den Russen. Bei uns wurde ja jede Patrone peinlich genau abgezählt, wenn man beim Wachwechsel ab- und aufmunitionierte, die Russen hielten einfach ihren Helm hin und der wurde vollgeschüttet mit Mumpeln. Hier im Ort ist mal eine Kolonne Russen aus dem Wald auf die Dorfstraße eingebogen, ein übermüdeter Fahrer fuhr ihren Zaun kaputt. Aus dem ersten Fahrzeug sprang ein Offizier, rannte zum Fahrer und schlug ihm ins Gesicht. Später kamen zwei Russen mit Holz und reparierten den Zaun tadellos. Manchmal vergaßen sie ihre eigenen Straßenposten, die einer LKW-Kolonne den Weg weisen sollten; tagelang wagten die sich nicht vom Fleck, die Anwohner brachten den armen Kerlen Verpflegung. Wenn er für die Grenze gemustert worden wäre, wäre Udo Bausoldat geworden, da er der Meinung war, wer gehen wollte, hätte schon seine Gründe, und er würde nicht auf ihn schießen. Das Gesetzblatt über Bausoldaten hatte er sich mühsam besorgt, ein befreundeter Christ hatte es für ihn abgeschrieben. Das gab es damals nur unter der Hand. Es war nicht erwünscht, dass die jungen DDR-Männer die Gesetze ihres eigenen Landes kannten. Er hat es dann geschafft, als Einziger vom dritten Diensthalbjahr nicht befördert zu werden, wegen eines Wachvergehens. Trotzdem hatte er ein goldenes E-Koppel und ein E-Käppi, bei denen konnte man die Seiten runterklappen und sie wurden immer weitergereicht von Generation zu Generation. Am Tag des letzten Sommerbefehls, wenn die „Bärenfotze“ genannte Schapka, für immer eingepackt wurde, gab es auf dem Flur ein ausgelassenes Befo-Treten, alle trampelten auf den Mützen herum und schossen sie durch die Gegend. Der ganze Armeedienst war ein einziges Abhaken solcher Rituale, die die Zeit verkürzen sollten. Sie haben sich einmal beim Vorgesetzten beschwert, dass sie nicht fernsehen durften, daraufhin mussten sie jeden Abend das „Sandmännchen“ gucken. Das erzählt sich immer sehr lustig, aber die NVA-Zeit war furchtbar, weil das System darauf angelegt war, die schlechtesten Eigenschaften der jungen Männer zu fördern und Sadisten mit Machtgewinn zu belohnen.

Ist es wirklich einsam hier im Dorf? Warum denkt man das als Städter? Es gibt ja das Internet, man kann in Sekundenschnelle mit seinen Kindern in Kanada kommunizieren. Da Udo sich kein Auto leisten kann, fährt er die 6 Kilometer zum Bedarfshalt der Regionalbahn immer mit dem Fahrrad, so kommt er von hier weg. Dafür kann er jeden Tag auf Waldboden joggen, er war ja früher im Braunkohlekraftwerk Betriebssportler. Der dreibeinige Wolf habe, als man ihn abholte und in den Tierpark Eberswalde brachte, versucht die Gitterstäbe durchzubeißen, bis ihm Tierschützer ein größeres Freigehege beschafften. Die Schäferhündin hat von ihm Junge bekommen, sie hat ihn aber nie wiedergesehen. Ihre Besitzerin ist Russin, sie kannte es noch aus ihrem sibirischen Dorf, dass sich Bauern Wölfe als Hofhunde hielten.

Udo legt im Küchenherd Kohlen nach und kocht uns auf der Flamme, die wie früher mit verschieden großen Metallringen reguliert wird, Spaghetti. Er zeigt mir Dinge, die nach dem Krieg aus altem Kriegsgerät gebaut wurden und die immer noch benutzt werden, er sammelt so etwas. Eine mit Blümchen bemalte, gläserne Puddingform war ursprünglich eine Glasmine. Ein Buddelsieb wurde aus einem Gasmaskenfilter hergestellt. Ein Küchensieb aus einem Wehrmachtshelm. Milchkanister aus Kartuschen. Die Erde ist hier immer noch voller Eisen. Nach der Wende tauchten aus dem Westen Schatzgräber auf, die sich von Bauern Informationen holten, wo Soldaten verscharrt lagen. Wenn man sich auskennt, sieht man das aber auch an der Vegetation.

Nachts kann ich nicht schlafen, die letzten Schlucke vom Gyulova Rakiya aus Schwerin sind mir zu Kopf gestiegen. Es ist Vollmond, die Marder rutschen vom Dach und ziehen dabei ihre Krallen über die Ziegel, es klingt, als würden Dachziegel runterfallen. Udos Bett ist leer, ich gehe raus. Das seltsame Mondlicht, genau wie am Hafen von Saßnitz, man erkennt alles, am Himmel sind so viele Sterne, wie ich sie noch nie gesehen habe. Man müsste alle Verbindungen kappen, nie wieder zurückgehen in die Stadt. Wie sich das anfühlt, wird man nie erfahren, wenn man es nicht tut. Ich gehe ein Stück in den Wald und lausche. Überall raschelt und knackt es, aber Angst habe ich nur vor Menschen. Vielleicht sitzt dort einer dieser beleidigten Jäger? Oder folgen mir aus dem Dunkel zwei glühende Augen? Ich streiche mir über den Bart. Was hält mich eigentlich? Ich muss mir nicht mal ein Bein abbeißen. Mit zwei Sätzen bin ich im Unterholz verschwunden und laufe Seite an Seite mit meinem wilden Bruder. Jochen Schmidt

7 Filme aus der Provinz
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